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Wien | 11.2.2007 | 15:25 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Hatschi zwischen Busen und Vagina
  Rotz und die Berlinale gehören zusammen wie Flugzeug und Platzangst - obwohl die letzten Jahre des deutschen Filmfestspiels zumindest bezüglich Temperaturen moderat ausgefallen sind, watscht es den Wichtigmännern, -frauen und vereinzelten Filmliebenden dieser Tage den Frost nur so um die Ohren. Da packen dann US-Produzenten, italienische Festivaldirektoren und malaysische Regisseure gleichermaßen die langen Unterhosen aus, setzen Ohrenschützer auf und beten darum, dass die Grippeviren an ihnen vorbeiziehen mögen. Wäre ja auch schlecht fürs Geschäft.

Jedenfalls hält der geneigte Filmfestival-Tourist bereits nach wenigen Momenten PoPl (Potsdamer Platz) etliche Branchenmagazine zwischen den frostverbeulten Fingern und muss sie nach Eintritt in erwärmte Hotellobbys erst von denselbigen schmelzen, um dann zu erfahren, welcher Film in welches Land, welcher Schauspieler in welchen Film verkauft wurde.

Trotz der nicht nur, aber auch aufgrund von Atmungsproblemen verstärkt aufkommenden Gehässigkeit muss neidlos anerkannt werden, dass die diesjährige Berlinale die beste seit Jahren ist, jedenfalls seit vieren, denn solange bin ich schon dabei. Das erste Wochenende ist so gut wie überstanden und trotz sechs bis sieben Filmen täglich hält sich die Lust aufs Reinäugen in andere Welten, aufs Einsteigen in die Fantasie.
 
 
Eenie-Weenie Clits in Action!
  Da gab es den von vielen gehassten, von mir gemochten Riot Grrrl-Fetzen Itty Bitty Titty Committee der lieb dreinblickenden Jamie Babbitt zu sehen: sozusagen der Film zu Le Tigre, Sleater-Kinney und Peaches, die dann logischerweise auch einen Gutteil des Soundtracks verantworten. Da stürzen die Bilder auf eine gewaltige Frauen-Kombo namens C(I)A (Clits in Action), die in aktionistischer Aggression und gehöriger Einfalt den Phallozentrismus im L.A.-Stadtbild zerstören wollen, im Handlungsverlauf jedoch über die Fallstricke jedweder Ideologie stolpern, nämlich die oftmalige Unvereinbarkeit von hehren Gedanken und ebensolchen Taten, das Nicht-Zusammengehen von privatem und öffentlichem Leben.

Mit ebendieser Schere wird Sadie (Nicole Vicius, unter anderem aus: 'Last Days' und 'Half Nelson') konfrontiert, da ihre Beziehung mit der stabilen und um einiges älteren Courtney (Melanie Mayron) - die ihre feministische Tatkraft in eine angepasste NGO gegossen hat - die revolutionäre Schlagkraft der C(I)A zu gefährden droht. Soll nun der gemütliche Materialismus zugunsten von Idealismen aufgegeben werden?

Jamie Babbitts Verdienst ist es, eben nicht in jene Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen, die dem Film paradoxerweise von vielen Kritikern vorgeworfen wird, sondern den verkrampften und einfältigen Feminismus ihrer Figuren zu hinterfragen und zu diskutieren. Zudem gefällt an IBTC die reine Sichtbarkeit vitaler Frauenbilder, die sich nicht als Alternative positionieren und produzieren, sondern mit einer überragenden Selbstverständlichkeit agieren. Ein Pop(-korn und -kultur)Film, eklektisch und zuweilen überholt, aber fetzig und gewaltig in seiner Lebendigkeit.

 
 
Zwei Tage in Paris
  Das kann man auch zum wenig eigenständig wirkenden Regiedebüt der französischen Schauspielerin Julie Delpy sagen, die mit 2 Days in Paris das Rad nicht neu erfindet, aber beständig im Rollen hält, und das auf vergnügliche Weise. Blickt man über den mehrfach verunglückten Filmtitel hinweg - der auch an Paris Hiltons Videothekenporno 1 Night in Paris erinnert - könnte man meinen, die plaudernde Französin sei von ihren Linklater-Spaziergängen einfach in ihren eigenen Film gelaufen, so unbeschwert, flockig und gescheit entwickeln sich jene zwei Tage in Frankreichs Hauptstadt, die Marion und Jack (Adam Goldberg) turtelnder- und streitenderweise dort verleben. Dabei ist die unscheinbare Handlung freilich Verhandlung von Delpys eigener Werdung von der französischen zur US-amerikanischen Actrice, inklusive fruchtbarer Seitenhiebe auf kulturelle Unterschiede und aktuelle politische Diskurse. Ihr Talkie Walkie entwickelt bis zum Ende hin gehörigen Esprit und versteckt unter seiner federnden Oberfläche sehr ernsthaften Beziehungsfilm.

 
 
Eine kleine Geschichte vom Schießen
  Beziehungen zwischen Generationen und Beziehungen zwischen Familien sind auch Fokalpunkt von Shotgun Stories des jungen US-Amerikaners Jeff Nichols. Da wiegen sich die Baumwollzweige und Mohnblüten im tiefen Rot der untergehenden Sonne von Arkansas: diese anfänglich bezaubernde Americana beherbergt jedoch verkrüppelte Gestalten einer ungnädigen Hierarchie/Hackordnung.

Kid, Son und Boy sind verlorene Buben im US-amerikanischen Südweste(r)n: von ihrem Vater wurden sie an eine Frau abgegeben, die ihnen beibrachte, eine andere Familie zu hassen. Nach einer Eruption scheinen die Dinge außer Kontrolle zu geraten, doch in Nichols' konzentrierter Inszenierung passiert keine Unglaubwürdigkeit zu viel, stellt sich kein Spektakel ein. Es ist das kontinuierliche Aneinander-Reiben männlicher Egoismen, das obszöne Spiel mit dem familiären Erbe in Gestalt einer Fehde, die die klassische Geschichte zu einer ausufernden macht.

Produziert von David Gordon Green, dessen beeindruckende Erzählungen eine ähnliche Stoßrichtung und Ästhetik aufweisen, gehört 'Shotgun Stories' zu den besten Filmen der bisherigen Berlinale. Angeschlossen steht der dringliche Wunsch, ihn auch in Österreich sehen zu können.

 
 
*Kreisch!*
  Kommt noch: Neue Filme von Paul Schrader, Clint Eastwood, Antonio Banderas und ein ganz besonderer Gast namens Vagina Dentata. Bald - mehr!
 
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  www.berlinale.de

Die Berlinale 2007 auf fm4.orf.at
   
 
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