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Wien | 14.6.2008 | 14:29 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Ferien mit Hitler
  Mit Bauchansatz, Schwabbelarsch, Stoppelbart und einer stattlichen Sammelfiguren-Sammlung auf der an die Wand genagelten Sperrholz-Platte hatte man in Hollywood-Komödien bis vor einigen Jahren nur eine schmale Schicksalspalette zur Auswahl: Entweder wurde man als Spinner von Nebenan zur Schau gestellt und zwecks Aufwertung des Prince Charming erniedrigt oder als bester Freund der attraktiven Leading Lady quasi zur entsexten Antithese des erwünschten Geschlechtspartners degradiert.

Im breiten Lager der "Freaks & Geeks", die keinen geringen Anteil der Zuschauerschaft von RomComs ausmachen dürften, wenn man Fan-Cluster der vorwiegend durch dieses Genre tapsenden Schauspielerinnen mit einbezieht, machte sich verständlicherweise Groll breit, ob ihrer Unsichtbarkeit auf der Leinwand und ihrer ewigen Verdammung auf den Zuschauerrang.
 
 
 
 
 
Judd Apatow
  Beim Namen des 40-Jährigen, der vom Schulaußenseiter zum ausnehmend erfolgreichen Komödienregisseur wurde, klingeln die Baywatch-Alarmuhren-inklusive-Miniatur-Erika-Eleniak der Freaks & Geeks reihum: Mit zwei Fernsehserien (eben Freaks & Geeks und Undeclared), die trotz Zwangseinordnung in der Kategorie "abgesetzt nach wenigen Monaten" eine ehrliche Verehrung nach sich zogen und in ihrer augenzwinkernden Heroisierung der im Lebensalltag vollkommen heldenuntauglichen Hornbrillen-Träger die von Hollywood noch unangerührten Wunschträume einzulösen verstanden.

Apatow, der Stand Up-Komiker und begnadete Dialogbastler hat nach diesem Exkurs ins Fernsehen mit seinen Kinofilmen The 40 Year-Old Virgin und Knocked Up die RomComs aus dezidiert durchschnittsmännlicher Perspektive neu aufgerollt, ist dabei aber wohlweislich innerhalb der Genre-Grenzen verblieben.
 
 
 
 
 
Nicholas Stoller
  Beim Namen des 32-Jährigen muss noch gar nichts klingeln. Nach Drehbuchautorenschaften fürs immer weiter wuchernde Apatow-Sonnensystem (unter anderem hat Stoller Undeclared mitverfasst) ist Forgetting Sarah Marshall (der schmerzliche deutsche Titel: "Nie wieder Sex mit der Ex") sein erster Kinospielfilm. Die Formel wirkt bekannt: Hauptfigur Peter Brenner (gespielt von Jason Segel, der den Film auch geschrieben hat) fühlt sich in seinem Job als Komponist für die Fernsehserie Crime Scene: Scene of the Crime (eine offensichtliche CSI-Verhöhnung mit Billy Baldwin in einem feinen Cameo) kreativ unterfordert. Seine langjährige Freundin und Hauptdarstellerin in der Serie, Sarah Marshall, hat genug von Peters Lethargie und lässt die Couch-Kartoffel fallen. Als unfreiwilliger Single knattert sich der wiederum zuerst durch Los Angeles, um seine kaputte Seele schließlich auf der hawaiianischen Insel Oahu von Schirmchendrinks und Bikini-Schönheiten heilen zu lassen.
 
 
 
 
 
Männer am Rande eines ...
  Doch in die Postkarten-Idylle schiebt sich der Nervenzusammenbruch, als Peter bemerkt, dass auch Sarah inklusive ihrem exaltierten Neo-Freund und Pop-Star Aldous Snow (gespielt vom britischen Enfant Terrible Russell Brand) unter Palmen urlaubt. Mit der kumpelhaften, aber bildhübschen Concierge Rachel als seelischer Krücke (aus der, oha Drehbuch, mehr als nur eine gute Freundin werden könnte) wappnet sich der Mittdreißiger für die Konfrontation mit seiner Ex.
 
 
 
 
 
Mariah Carey spielt Frisbee
  Forgetting Sarah Marshall funktioniert über weite Strecken als handelsübliche Komödie mit Geek-Twist: Regisseur Stoller schafft allerdings weder den profunden Humanismus eines Judd Apatow (dessen Filme aber eindeutiges Rollenmodell sind), noch die ziel- und planlose, subversive Dada-Dramaturgie eines Danny Leiner (Harold & Kumar go to White Castle). Stattdessen schickt er seinen Peter Brenner, der als Lead-Geek die einzig schön auscharakterisierte Figur des Films bleibt, auf eine tragikomische Selbstfindungsreise mit wenigen grandiosen (das Schachspiel am Strand!) und vielen netten Momenten.

Für Apatow-Liebhaber bleibt Forgetting Sarah Marshall ein Pflichtfilm: Schon allein da mit dem wunderbaren Jonah Hill (bekannt aus Superbad und hier zu sehen als psychotischer Chef-Kellner), Paul Rudd (aus The 40 Year-Old Virgin und Knocked Up), Bill Hader (bekannt aus Superbad und hier zu sehen als spießiger Bruder von Peter) und dem famosen Jack McBrayer (der aus Talladega Nights bekannte Komiker, der während eines Videodrehs Mariah Carey eine Frisbee-Scheibe ins Gesicht geschossen hat, spielt hier einen prüden Frischvermählten) viele großartige Schauspieler in feinen Nebenrollen zu sehen sind.
 
 
 
 
 
Wo bleibt die Durchschnittsfrau?
  "Forgetting Sarah Marshall" ist gewiss kein Höhepunkt der bubenkomödiantischen Welle der jüngeren Zeit: Gerade da Stoller nicht viel mehr macht, als die bekannte Formel um frische Figuren zu erweitern, wird hier keine "bessere", sondern nur eine alternative RomCom angeboten. Jetzt dürfen zwar die männlichen Figuren ihre verschrobene Durchschnittlichkeit abfeiern, den weiblichen Charakteren hilft das allerdings nur wenig: Sarah und Rachel sind bis auf wenige Sequenzen nicht viel mehr als Abziehbilder und Ausziehträume, die sich - irgendwie eh schön - nichts sehnlicher wünschen, als eine Beziehung mit dem schwabbelgesichtigen Peter Brenner. Und wann bekommt die Durchschnittsfrau endlich ihre eigene Sex-Komödie? Denn Bridget Jones kann's ja wohl nicht gewesen sein.
 
 
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