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Wien | 19.10.2008 | 12:28 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Rotz zwischen Ost und West
  Es gibt da etwas, das ist mit noch höherer Wahrscheinlichkeit eine unangenehme Begleiterscheinung einer jeden Viennale als die vielen schmerzhaft langsamen Filme und das ist die nicht wirklich schmerzhafte, jedenfalls langwierige Herbsterkältung, die schleichend und hinterhältig die Atemwege erobert, sie mit Ekelzeug und Schleim zukleistert, und das vor allem nach Kinobesuchen essenzielle Durchatmen und Runterschlucken, sei es im positiven oder weniger positiven Sinn, erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht.

Der Saal, eine Brutstätte für Krankheitserreger, ein Hust-Konzert, eine Schneuzerei: seit heute morgen reihe ich mich demütig ein in die Gruppe der Lädierten und Angeschlagenen, denen man schon aus vielen Metern Entfernung ansehen kann, dass sie im Moment nichts weniger wollen als in einem verrauchten Foyer - egal ob sie selbst Raucher sind oder nicht - unter Dutzenden Menschen zu stehen und auf einen - hoffentlich sehenswerten, aber man weiß ja nie - Film zu warten, viel lieber auf der gemütlichen Wohnzimmer-Couch mit unerschöpflichem Taschentücher- und Kräutertee-Vorrat versumpfen, sich von der Welt zurück ziehen, wenn schon, dann aber überhaupt nur ihren Lebensmenschen (man verzeihe mir den Begriff), sonst aber ganz sicher niemanden sehen wollen.

Ich spreche hier freilich unter dem miesen Vorwand, eine allgemeine Ausage zu treffen, nur von mir. Ich hab' sogar schon eine ungefähre Ahnung, wer mich angefixt hat mit diesen Viren, aber dazu muss ich mich ausschweigen, es wäre unkollegial. Aber: verdammt seiest du!
 
 
 
Bim noch nicht da, komm zu spät!
  Gestern, da war meine Welt noch rotzfrei, als ich gen Mittag zur Urania aufgebrochen bin, um meinen ersten regulären Viennale-Film zu sehen. Die Verheerung: mein ständiger Begleiter, entschließe ich mich für die Bim-Linie 2, die noch in Kreisen fährt, bald aber schon Abzweigungen nehmen muss, den Wiener Linien und ihrem Sparkurs sei Dank. In Nostalgie versunken, steht die Garnitur geschlagene zehn Minuten an der Station Stubentor, die Stimme faselt von einem planmäßigen Aufenthalt.

Ich tue was ich am besten kann und beobachte, wie sich das Herbstlaub im Wind dreht: ja, es ist meine liebste Jahreszeit. Also komme ich auch zu meinem zweiten Viennale-Film zu spät, das Tresenmädchen meint allerdings, das macht nix, solang noch nix los ist wie an diesem Samstagnachmittag, und ich frag' mich schon: wo sind denn alle Fans dieses Festivals? Es ist Wochenende und niemand im Saal! Na gut, dreißig hocken im Halbdunkeln und warten auf den guten Film. Aber die anderen? Haben sich vermutlich bei der Eröffnung schon ins Nirvana gekübelt.
 
 
 
Blumenkinder
  Flower in the Pocket also: ein Film mit Kindern aus Malaysien. Ich überlege, ob ich schon jemals einen malaysischen Film gesehen habe, vermutlich, kann mich aber nicht erinnern, breche das Überlegen ab. Der Regisseur ist jung, ein 79er-Jahrgang, heißt Liew Seng Tat. Ich finde es schön, wie natürlich naiv und mit absurdem Humor er den Alltag zweier chinesisch-stämmiger Buben namens Li Ah und Li Ohm beschreibt - sie sind eine Minderheit in Malaysien, in ihrer Sprache, ihrem Aussehen, ihrer Religion. Immer wieder brechen in diese Leichtigkeit und die Fragilität der Videobilder symbolschwere Momente herein, die mich stören, aus der Geschichte werfen: etwa das Bild von einem kleinen Fisch, der im Kanal gegen die Fließrichtung des Wassers schwimmen will, für jeden Zentimeter vorwärts wieder einen retour gespült wird. Das Leben, eine Tretmühle.
 
 
 
Flower in the Pocket (Foto: Viennale)
 
 
  "Flower in the Pocket" ist dem diesjährigen Eröffnungsfilm Entre les Murs ziemlich ähnlich: Liew Seng Tat zeigt ebenfalls eine Schulklasse mit Kindern aus verschiedenen ethnischen und kulturellen Hintergründen, nur tut er das mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit und Frische, eben weil das halt zum Alltag seiner Buben dazu gehört. Mit ihnen wandert man dann durch die Stadt, geht fischen, trifft Freunde. Erst spät fügt sich eine zweite Geschichte zur ersten, nämlich die vom Vater, der nächtens Schaufensterpuppen schnitzen muss, um seine kleine Familie irgendwie über Wasser zu halten.

Seng Tat erzählt von ihrem gemeinsamen Leben, so wie er es erzählen muss, so wie viele zeitgenössische Familienfilme auszusehen haben: getrennt, man sieht sich nur mehr in Früh, der Paps schläft auf der Couch, die Kinder machen sich Frühstück, rennen in Schuluniform in den neuen Tag. So ganz nüchtern und beiläufig bleibt "Flower in the Pocket" dann nicht, die grauenhafte Musik kündet es schon früh an, das versöhnliche, umarmende Ende. In Summe aber ein ordentlicher Start in den Tag.
 
 
 
Puffwolken sind...
  Ganz am Anfang muss einer der Buben der Lehrerin ein gemaltes Bild zeigen: wo die anderen Kinder ihre Familien quietschbunt ausgemalt haben, stehen bei ihm schwarze Strichzeichnungen auf weißem Hintergrund. Der Himmel ist eben weiß, sagt er. Die Lehrerin korrigiert: der Himmel ist selbstverständlich blau, was denn sonst?

Ein Bild ist es auch, das Hiroki Ryuichis wunderbares Drama Your Friends anleitet, das von einer Wolke. Das Mädchen Yuka leidet seit ihrer Geburt an einer unheilbaren Krankheit, im Freundezimmer des Spitals kleben puffy clouds an den Wänden, eine davon, ist Yuka überzeugt, ist aus dem Zimmer in den Himmel gestiegen. Immerzu sucht das Mädchen nach ihr, nach dieser Erinnerung. Wie schon der Titel suggeriert, stehen im Zentrum von Hirokis Film Freundschaften, vorrangig die zwischen Yuka und Emi, die seit einem Unfall mit Krücken laufen muss. Die beiden Mädchen verbindet das Wissen darum, dass sie nie all das tun werden können, was ihre Klassenkameradinnen tun: laufen, springen, Seil hüpfen. Das schweißt zusammen.

"Your Friends" erzählt die Freundschaft in drei Zeit-Etappen, die dieser Meister des Gefühlskinos unkonventionell, einer emotionalen Logik folgend, ineinander schiebt und mit wunderschönen Bildern und feiner Singer-Songwritermusik aufbereitet. Hiroki erzählt wie in seinen anderen Filmen - am liebsten habe ich seinen "Vibrator", einer der schönsten Kinoliebesfilme überhaupt und "Bakushi", sein romantisches, klippklares Dokument der japanischen Bondage-Szene - langsam, rahmt viele Situationen in Panoramaeinstellungen, gibt den Figuren den Raum, den Platz, den sie verdient haben, entwickelt aber gerade darüber eine Dichte und, daraus folgend, eine antreibende Kraft.

 Your Friends (Foto: Viennale)
 
 
... sehr schön, sehr wahr
  Immerzu präsent, wenn nicht im Bild, dann in den Gedanken: der Himmel, die Sonne, die Wolken. Wie sich Stimmungen momentan verändern, wie sich Hell und Dunkel ablösen und gegenseitig bedingen, wie herzzerreißend natürlich der Gang der Krankheiten verläuft in diesem Film, der damit endet, dass Emi die gesammelten Fotografien und Zeichnungen der puffy clouds sammelt und ausstellt, während Yuka vielleicht selbst zu einer geworden ist. Hört sich kitschig an? Bei Hiroki gibt es keinen Kitsch, nur Schönheit. Ich glaube, "Your Friends" ist einer meiner Lieblingsfilme der diesjährigen Viennale.
 
 
 
Zurück in die Zukunft
  Ich weiß nicht, ob Thom Andersen dem zustimmen würde, aber der US-Filmkurator und Kinodenker hat sich ohnehin schon heilig gesprochen und ist über jeden Zweifel erhaben, da er die diesjährigen Viennale-Retrospektive "Los Angeles: Eine Stadt im Film" so großartig bestückt hat.

Gestern Abend bestaunte ich zwei Arbeiten des viel zu früh verstorbenen Kent MacKenzie: in Bunker Hill 1956, eine Kurzdokumentation, erzählen drei Bewohner des in dauernder Transformation begriffenen Viertels Bunker Hill von ihren Ängsten, Sorgen und Nöten in einer Zeit, in der Stadtplaner den Beschluss gefasst haben, den vorwiegend von Pensionisten und Wenigverdienern bewohnten Stadtteil mit Bürokomplexen und schicken Wohnhäuser für Besserverdienende aufzuhübschen.
 
 
 
The Exiles
  Nicht weniger relevant, mit beeindruckender Liebe und sozialer Aufrichtigkeit umgesetzt ist sein fließender Spielfilm The Exiles (1961): die Geschichte may not be true for all Indians but is typical for a lot of them. Amerikanische Natives im Niemandsland zwischen Traditionen und Kulturen erhoffen sich von Los Angeles die Einlösung der neuen Träume, die Errichtung einer bürgerlichen Normalität mit Kindern und einem schönen Haus und finanzieller Stabilität.

Stattdessen bekämpfen sie ihre Alienation in dieser oberflächlich weltoffenen, im Inneren aber von rassistischen Dogmen angeleiteten Stadt mit Glücksspielen und Alkohol. MacKenzie begleitet sie dabei, dreht einen für das Jahr 1961 außergewöhnlich fortschrittlichen Film, irgendwie in der Richtung von Cassavetes "Shadows", eben sich überantwortend einer neuen Dramaturgie, die nur mehr geprägt und gesteuert ist von einzelnen, scheinbar zufälligen Situationen (in der Bar, in der Wohnung, an der Tankstelle), die zusammen gehalten wird von der inszenatorischen Kraft und dem Willen zum Bilderumsturz.

 The Exiles (Foto: Viennale)
 
 
Imitation of Life
  LA glänzt und glitzert hier schon auch, aber man bekommt ein Gefühl für die Unpersönlichkeit und Kälte dieses Orts mit ihren Durchzugsräumen, in denen die Jukebox die ewig-gleichen Rockabilly-Hadern spielt, in denen junge Männer mit Pomade in den Haaren und junge Frauen in hübschen Kleidern balzen und tanzen und saufen und untergehen, vor allem wenn es Natives sind, die eine neue Identität suchen und nur Synthetik und unterschwelligen Hass finden.

Die abschließende Sequenz ist voller Anarchie und Traurigkeit, wenn die Figuren des Films, besoffen und ausgelassen auf einem Hügel über Los Angeles einen indianischen Tanz aufführen, ein trauriges Echo ihrer Kultur. Hier ist alles out of place, out of time, eine Imitation of Life.
 
 
 
Jerichow
  Viele von euch werden gestern Abend Christian Petzolds Jerichow gesehen haben. Was mir zu dem Film eingefallen ist, gibt's hier nachzulesen.

 Jerichow (Foto: Viennale)
 
 
Hust, keuch, rüchel, schneuz
  Genug der Worte, ich rüste mich für die Dunkelheit und das wahre Licht, heute bekomm ich viel davon bei Raymond Depardon und Nikolaus Geyrhalter. Und jedem Leser dieser Zeilen sei angeraten, heute Abend ins Filmmuseum zu kommen, zu den Filmen von Fred Halsted.
 
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