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Wien | 20.10.2008 | 11:57 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Viennale-Tagebuch Tag 3
  Aus Zeit- und keinen anderen Gründen muss ich meinen heutigen Eintrag in das Viennale-Tagebuch kürzer halten als die beiden vorhergehenden. Was vielleicht aber auch gar nicht so schlecht ist, habe ich den gestrigen Tag auf Wiens Filmfestival vor allem wattiert erlebt, bin mir andauernd wie umwickelt von einer Luftpolstertasche vorgekommen.
 
 
 
  Bei Raymond Depardons Dokumentation "La vie moderne" ging es ja noch, vermutlich auch, weil ich das Thema auch aus persönlichen Gründen interessant finde. Auch meine bereits verstorbenen Großeltern väterlicherseits haben ihr Leben lang einen Hof in den Tiroler Bergen bewirtschaftet; ich kann mich sehr gut erinnern an das Gefühl, an den Sonntagen im Jahr, an denen wir sie besucht haben, irgendwie schon auch in eine andere Welt zu fahren.

Immer dann, wenn ich durch die massive Holztür des Hofs getreten und auf die massiven Bretter des Flurs gestiegen bin, die angenehm anheimelnd geknarzt und geächzt haben, wenn ich zum ersten Mal die vielen, nicht immer angenehmen Gerüche auf dem Bauernhof gerochen habe, war ich mir sicher, "woanders" zu sein. Auch die Gesichter von Oma und Opa haben mir viel erzählt: da konnte ich schon lesen von ihrem harten Dasein, von ihrem täglichen Kampf mit der Umwelt, wie es ist, den Launen der Natur ausgeliefert zu sein. Ich bin mir sicher, dass so etwas prägt, dass Bauer nicht einfach nur ein anderer Beruf ist als Büroangestellter, sondern schon auch ein anderes Lebens und einen anderen Zugang auf das Leben bedeutet.

 
 
  Der französische Regisseur Raymond Depardon ist schon seit vielen Jahren fasziniert von den immer weniger werdenden Bauern in den Cevennen, einer Gebirgsregion im Süden des Landes, kennt viele von ihnen schon seit langer Zeit, hat sich mühselig ein merkliches Vertrauen aufbauen können. Ihm erzählen sie mehr als anderen, weil sie wissen, aus seinen früheren Filmen vielleicht, dass er sie nicht bloß stellen oder lächerlich machen will, dass er ihr Dasein als besonders wertvoll und ihr langsames Verschwinden als symptomatisch für unsere Zeit begreift.

In "La vie moderne" arretiert er die Kamera, die Landwirten hocken in Tableaux davor, sollen erzählen, haben aber merklich keine Erfahrung im Entäußern ihrer Gefühle und Gedanken, sind nicht wie der "moderne" Mensch geprägt vom Seelenverkauf des Alltagsmenschen für irgendeine TV-Reportage: wenn dem Fernsehen, der Maschine alles erzählt wird; soziale Pornografie. Aber die Bauern reden kaum, Depardon muss ihnen alles aus der Nase ziehen, viele Antworten schon in seinen Fragen mitformulieren und irgendwie macht er sich damit vieles kaputt, wirkt er dabei ein wenig trotzig, ganz so als könne er nicht anerkennen, dass diese Menschen einer anderen Form der Kommunikation, vielleicht der Körpersprache, mehr vertrauen als Worten, oder vielleicht auch einfach ungern reden. Wenn sie es tun, dann erzählen sie ihre persönlichen Geschichten von Generationskämpfen am Hof, davon wie eine Städterin von alteingesessenen Bauern ausgegrenzt wird, von jungen Menschen, die in die Landwirtschaft einsteigen wollen, von jenen, die das nicht mehr wollen.
 
 
 
  Aber aus "La vie moderne" schält sich kaum ein breiteres Gefühl als das für die jeweiligen Bauern heraus, keine Empfindung dafür, wie es ist, sein ganzes Leben mitten in der Natur zu verbringen, abhängig zu sein von Wind und Wetter und ähnlich Unabwägbarem (einer erzählt etwa von einer Stechmücke, die sechs seiner Rindsviecher getötet haben soll; so schnell kann die Existenz dort oben kippen). Depardon ist zu verliebt in diese Gegend, er flirtet mit dem Licht, als dass er auch die Gemeinheit der Natur mitformulieren könnte. Für mich ist "La vie moderne" zu nah an einem Reportagefilm.
 
 
 
  Obwohl ich gestern auch noch die beiden Dokumentationen "Los Herederos" und "7915 km" gesehen habe muss ich hier jetzt abkürzen und will gleich auf die wirklich wesentlichen Sichtungen zu sprechen kommen: jetzt kann ich nur noch Schadenseindämmung betreiben und sagen "Wer gestern Abend nicht im Filmmuseum war, hat vermutlich eine der aufregendsten Vorstellungen der diesjährigen Viennale versäumt." Punkt.

Zu Gast war der kalifornische Porno-Sophist William E. Jones, der zwei Filme von Fred Halsted eingeleitet hat. "Sex Garage" und "LA plays itself", beide aus dem Jahr 1972, einer merkwürdig freien Zeit, in der die industriellen Produktions- und Vertriebsmuster für Pornografie noch ebenso wenig ausgeprägt waren wie die Trennexklusivität zwischen Hollywood und dem Sexfilm.

 7915 km
 
 
L.A. Sex
  "LA plays itself", entstanden über einen Zeitraum von drei Jahren, startet in einer grünen Hügellandschaft, ein Bach rauscht, Steine glänzen, Frösche quaken, Käfer käfern (was tun Käfer?). Ein braunhaariger junger Mann in engen Jeans und einer unübersehbaren, da von der Kamera auch immer wieder ins Zentrum gesetzten Beule in der Hose begegnet einem blonden Burschen, der sich der Naturidylle nackt hingibt: es kommt zum leidenschaftlichen Sex,

Halsted ist in seinem Element. Was zuerst auffällt ist, dass dieses traumhaft schöne Mittelding aus Porno und Avantgardefilm, keiner Abspritz- oder Geilheitsökonomie folgt: zeigt mit den Mann, der sich zu diesem Film einen runter holen kann! Ich glaube: es gibt ihn nicht. Also geht's vorwiegend Sinn und Wahnsinn in Los Angeles. Nach der eden-ösen Eröffnung walzen Planierraupen über die Landschaft hinweg, die Naturumgebung weicht Stadtbildern, der Soundtrack wechselt von atmosphärischem Pop, getragener Klassik auf herausfordernde elektronische Klänge, die den zweiten Teil des Films begleiten. Halsted selbst spielt einen "schlagenden Partner" in Leder, der einen nackten, bald gefesselten jungen Burschen mit einem Gürtel verdrischt, mit seinen massiven Stiefeln tritt: immer wieder dazwischen geschnitten, die Straßenzüge der Stadt mit ihren glitzernden Auslagen und verlockenden Billboards; Halsted war fasziniert von Oberflächen und dem Es darunter: sein LA plays itself kulminiert in einer brutalen Faustfick-Sequenz.

 LA plays itself
 
 
Sex Rising
  Vorwiegend anders getönt ist "Sex Garage", ein 35-Minüter, dem man durchaus ein Nahverhältnis zu Kenneth Angers "Scorpio Rising" unterstellen darf: jedenfalls dudeln im Hintergrund Pop-Songs während vorne, in feinem Schwarz-Weiß, ein Mädchen einem Buben einen bläst, minutenlang, ab und an hört man sie stöhnen. Als sie davon läuft, nimmt ein anderer jungen Mann ihren Platz ein, wenig später betritt ein Motorradfahrer die Sexgarage und auch der Ton der Körperlichkeit schlägt um, wird brutaler, aggressiver: irgendwie weht noch ein Echo der dualen Struktur von "LA plays itself" durch "Sex Garage".

Auch hier ist das Ende einprägsam und (irgendwie auch) brutal: der Biker steckt seinen Penis, nachdem er ordentlich gerammelt hat, in den Auspuff seines Motorrads, die Erregung erreicht ihren Höhepunkt: er spritzt auf den Ledersitz, schmiert sein Fetischobjekt damit ein.
 
 
 
  Wenn ich an einem anderen Tag noch mehr Zeit finde, werde ich noch mal zu Halsted schreiben, auch wieso sein Werk für mich so einzigartig erscheint. Für heute muss es bei den Beschreibungen bleiben. Und ich freue mich schon auf Constantin Wulffs "In diese Welt".
 
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