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Wien | 21.10.2008 | 14:50 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Kinderspiele
  Das find ich jetzt schon ein wenig unangenehm. Ich hab grad in der letzten Zeit wieder viel darüber gelesen, wie mirakulös doch der ökonomische Erfolg der Viennale sei, da sich das Festival ja herzlich wenig darum schere, dem Publikum das zu liefern, was es sehen will, es vielmehr immer wieder herausfordern würde mit unbeugsamen, kompromisslosen Filmen, die dann freilich sehr oft in eine Richtung ausschlagen, nämlich die des betont langsamen, spröden Intellektuellenwerks, selten bis nie in die andere Richtung, mit der man ein Festivalpublikum auch, wenn nicht sogar noch mehr herausfordern könnte, die der Vulgarität.

Und ich muss sagen: Blödsinn! Es stimmt einfach nicht. Vielleicht macht es dieses Festival subtiler als alle anderen, indem sich Direktor Hans Hurch die Freiheit heraus nimmt, auch große Namen des Weltkinos abzulehnen, aber opportunistisch ist es trotzdem: gerade gestern bin ich nacheinander in mehrere Beispiele für gelungene und kalkulierte Zielgruppenabschöpfung gestolpert.
 
 
 
Fast erwachsen: Tout est parfait
  Tout est parfait von Yves Christian Fournier erzählt vom Leben und Sterben in einer Gruppe von kanadischen Jugendlichen: die vier besten Freunde von Josh begehen allesamt am selben Tag Selbstmord. Man beobachtet den jungen Mann bei seinen Versuchen, die Situation zu bewältigen, soll darüber ein Gefühl dafür vermittelt bekommen, wie inhaltsleer und orientierungslos einen das Heranwachsen in dieser Stadt macht, wie perspektivlos die Zukunft ist.

Nicht dass dem jungen Filmliebhaber der vermeintliche, jedenfalls stilisierte Ennui seiner Generation nicht ohnehin schon viel zu oft von Jungregisseuren um die Ohren und direkt ins Herz gepfeffert worden wäre, hübscht Fournier seine finstere Erzählung mit tanzendem Graffiti, passgenauer Musik und attraktiven Darstellern auf, lässt darüber hinaus jedoch jedwede inszenatorische Ambition vermissen. Wie aus einem Handbuch für den erfolgreichen Indie-Film kopiert und mit einem nicht unwesentlichen Budget nachgedreht, serviert "Tout est parfait" genügend Weltverdruss und Herzschmerz, dass alle Emos dieses Planeten sich darin gespiegelt finden werden.

 Tout est parfait (Foto: Viennale)
 
 
Gib mir mein Herz zurück!
  Fourniers Ästhetik zeigt sich geschult am Werbefilm, viele seiner Bilder könnten für die Jugendkultur im Allgemeinen, für deren Produkte im Speziellen stehen. Ich möchte mich hier gar nicht davon absetzen, möchte auch gar nichts gegen die Wesentlichkeit von pubertärer Tristesse sagen, weiß auch, dass viele Heranwachsende in diesen schweren Zeiten, im ideologischen Vakuum auf sich selbst und ihren Körper zurückgeworfen werden, schließlich das zerstören, was ihnen am überflüssigsten erscheint - sich selbst.

Und es gibt feine Filme zum Schlurfgang, auch aus den USA, etwa von den Herren van Sant und Larry Clark: nur sind deren Arbeiten in mehrfacher Hinsicht kompromisslos, begnügen sich nicht mit einer schicken Abbildung, sondern lassen ihre Figuren quasi in die Form des Films steigen; der eine macht Paranoid Park zu einer Innenaufnahme, während der andere Ken Park zum betäubenden Affektgewitter steigert, inklusive hohler Provokation und gerade darin Wahrheit und Echtheit findet.
 
 
 
Kinder an die Macht!
  Ein ähnlich beschränktes Soziogramm serviert die Argentinierin Celina Murgas in ihrem gut gemeinten, allerdings vollkommen uninteressanten Kinderfilm "Una semenas solas": die Sprösslinge von mehreren Oberklassefamilien verbringen eine Sommerwoche ohne Eltern innerhalb ihrer gated community, nehmen die relative Sicherheit zum Grund, ihrem Alter (ich schätze: 5 - 18 Jahre) entsprechend zerstörerisch zu sein, über die Stränge zu schlagen. Sie steigen in Nachbarhäuser ein, fressen Kühlschränke leer, zerstören die Inneneinrichtung, schmeißen Parties, trinken Alkohol, rauchen Zigaretten, küssen und schlagen sich.

Zwei Stunden lang, ohne dramaturgischen Bogen, plätschert Murgas Film sensationslos vor sich hin, man fragt sich vor allem, wieso zeigt sie einem das? Selbst wenn sie keine Aussage über "den Zustand unserer Gesellschaft" damit verknüpft haben will, selbst wenn sie es einfach als Geschichte gesehen haben will: wieso zeigt sie einem das? Kinder, die bestehende Ordnungen nicht respektieren. Wahnsinn! Unsinn!
 
 
 
Baby, Baby
  Was war ich dann glücklich, als ich in die Abendvorstellung in die Urania gehen durfte, um einen Dokumentarfilm zu sehen, auf den ich mich schon lange gefreut hatte. Zum einen, da ich Constantin Wulff schätze, auch als Kollegen, ihn kenne, als Filmliebhaber, der vor allem im Bereich der Dokumentationen ein umfassendes, von Wenigen übertrumpfbares Wissen aufweisen kann, der sich gänzlich einer Tradition des Filmemachens verpflichtet fühlt, wie sie von Robert Drew oder den Maysles-Brüdern oder Richard Leacock in den Sechzigern begründet, und später dann etwa von Frederick Wiseman fortgeführt worden ist.

Wiseman, diesem Großen des US-Dokumentarfilms wird dann auch gedankt im Abspann von In die Welt, sozusagen Aufzeichnungen aus der Wiener Semmelweis-Klinik, Aufzeichnungen von einer der extremsten, wiewohl selbstverständlichsten Erfahrung des Menschseins: neues Leben zu schaffen. Wulff hält seinen Blick dabei konzentriert und sachlich auch auf das Drumherum, von dem die Geburt eines Kindes begleitet wird, die Voruntersuchungen, die Vorbesprechungen, die Vorbereitungen, ist dann dabei, wenn es zur Sache geht, wie auch, wenn das Kind zum ersten Mal in den Armen seiner Mutter liegt.

 In die Welt (Foto: Viennale)
 
 
  Gerade bei einem von diversen Ideologien derart instrumentalisierten und gefühlsmäßig aufgeladenen Thema wie der Kindsgeburt tut Wulffs Reservierung gut, und das soll nicht heißen Gefühlskälte, denn "In die Welt" war mein bisher aufregendster, erschütterndster und spannendster Viennale-Film, vor allem aber, da die Intensität in den Momenten selbst entsteht, und nicht etwa, weil sie hinein inszeniert worden wäre.

Wulff und sein Schnittmeister Dieter Pichler, zu erwähnen ist sicherlich auch der Kameramann, erzählen dramaturgisch zupackend, aber ungekünstelt, auch und vielleicht vor allem von der Reibung zwischen der Alltäglichkeit der Situation für die einen (die Hebammen, Krankenschwestern und Ärzte, die Werte überprüfen, Befunde stellen, Patientendaten eintippen) und die Unvergleichlichkeit der Situation für die anderen, schaffen darüber ein außergewöhnliches Dokument, vielleicht endlich das sachliche Gegenstück zu Stan Brakhages persönlichem Geburtsfilm Window Water Baby Moving. Jedenfalls großes Kino!
 
 
 
März im Oktober
  Und noch ein österreichischer Film hatte gestern Abend seine nationale Premiere auf der Viennale: März von Händl Klaus. Ich muss mich nun an dieser Stelle, auch da ich grad keine Zeit mehr habe, dazu ausschweigen, kann aber schon anmerken, dass mir der Film, als ich ihn im Sommer in Locarno gesehen habe, nicht gefallen hat. Bin schon sehr gespannt auf eure Rückmeldungen!

Wenn ich es arbeitsmäßig schaffe, heute über überhaupt noch zur Viennale zu gehen, dann wird's wohl die Neufassung von Wong Kar-wais Ashes of Time werden, eventuell noch ein Klassiker als Nachschub. Genaues dann morgen.

 März (Foto: Viennale)
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www.viennale.at
   
 
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