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Wien | 22.10.2008 | 12:13 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Die März-Nachlese
  Immer wieder hat Viennale-Direktor Hans Hurch betont, wie stolz er sei und wie sehr es ihn freuen würde, dass es verhältnismäßig viele österreichische Produktionen im heurigen Programm geben würde. Ein Film, der in diesem Zusammehang stark betont worden ist, ist März, das Langfilmdebüt des erfolgreichen Theater-Dramatikers Händl Klaus, der damit eine kurze Arbeit seiner Selbst, in der er vom Selbstmord dreier Jugendlicher erzählt, erweitert sozusagen um den Gegenschuss.

In der Langversion startet der Suizid nämlich den dramaturgischen Bogen und schließt ihn nicht ab, der Großteil von März beschäftigt sich mit den Nachwirkungen der Tat in einem kleinen Südtiroler Dorf. Grundsätzlich eine tolle Idee, finde ich, auch dass Händl sich dazu entschlossen hat, den Film im Dialekt zu drehen, etwas das im österreichischen Kino fast ausschließlich mit Provinzialismus, Bauernschädeltum oder sonstiger Beschränktheit verknüpft worden ist. Das ließ hoffen auf eine angenehme, wohltuende Bescheidenheit, eben ein Zurücktreten hinter das Thema, nicht ein auteuristisches Durchwalken desselbigen, etwas das selbst im jungen österreichischen Kino eine Seltenheit ist.
 
 
 
Unsere Meinung ist:
  Nur leider geht der Knoten nicht auf: im Viennale-Programm wird der Film jetzt damit umrissen, dass er eine jedenfalls im heimischen Film revolutionäre Ineinanderschiebung von Stilisierung und Realismus betreibe (Ulrich Seidl?), auch das eine Zuschreibung, die ich davor noch nicht vernommen hatte.

Vor seiner Weltpremiere in Locarno schwirrten hingegen Begriffe wie Naturalismus und Authentizität umher, von Stilisierung war damals noch nicht die Rede. Für mich ein erneutes Beispiel dafür, wie das Viennale-Programm in den Texten gleich eine Lesart für den Film mitliefern will, ganz so wie im letzten Jahr Diary of the Dead mit Blair Witch Project verknüpft wurde (immerhin: beide arbeiten mit Wackelkamera, denken auch irgenwie über Medien nach): die Wertigkeit der Filme wird mitgeliefert, die Bewertung nicht dem Publikum überlassen. Wer's nicht so sieht, hat was nicht verstanden. Oder?

 März
 
 
Ich glaub's dir einfach nicht!
  Nein. März, so sehr ich mit dem Film und seinem Thema und seiner Umsetzung sympathisiere, funktioniert einfach nicht. Ich glaube dem Herrn Händl, dass er sich jahrelang, auch da es eine Geschichte ist, die sich mit seiner Biografie verbindet, darauf vorbereitet, eingehende Gespräche geführt hat, so dass für ihn außer Zweifel stehen musste, dass sein Film einen gewissen Naturalismus entfalten würde, zumal er mit Laienschauspielern, Ortsansässigen dort im Ort drehen konnte.

Ich glaube ihm auch, dass die Sätze und Dialoge im Drehbuch in den Erinnerungen der Betroffenen tatsächlich so gefallen sind, jedenfalls, dass die sich so daran erinnern. Das ändert aber nichts daran, dass der Gutteil seiner Sequenzen ungemein gestelzt und gekünstelt wirkt, ganz so wie wenn ein Theatermensch an der Direktheit des Mediums Film scheitert.

Ich glaube März kein Wort, und es tut mir fast weh das zu schreiben, da ich weiß, dass der Film irgendwo, irgendwie wahr ist. Wo die Kamera immer ganz nah an den Figuren und ihren Gesichtern bleibt, ein Gefühl fürs Dabei-sein evoziert, stehen die Sätze im Raum wie Außerirdische: out of place, out of time.
 
 
 
Ashes of Time
  Gestern bin ich aufgrund von Arbeitsüberlastung leider nur zu einem Film gekommen: im Künstlerhaus Kino servierte der Bonus Track der Viennale die Neufassung von Wong Kar-Wais Ashes of Time, jetzt versehen mit dem schicken Zusatz Redux. Meiner Meinung nach ohnehin einer der besten Filme des in Shanghai geborenen, in Hongkong aufgewachsenen Ausnahme-Ästheten, da er die Form (farbintensive, gern angewinkelte, oft verschwommene, unklare Bilder, mit massig Bewegung, die häufig fließt, wie der Wind, wie das Wasser) zweifelsohne über den Inhalt stellt, der sich in dieser von Wong selbst produzierten neuen Schnittfassung immerhin in fünf Kapitel teilt, die allesamt aus dem Leben des zurückgezogen in der Wüste lebenden Auftragskillers (ein zu modernes Wort, eigentlich) Huang Yaoshi (Tony Leung Ka Fai) erzählen, seinen Begegnungen mit einem/-r das Geschlecht wandelnden Prinzen/Prinzessin (Brigitte Lin), diversen Schwerkämpfern und schließlich der Frau seines Bruders (Maggie Cheung).

Wong serviert mit Ashes of Time Redux seine persönliche, radikal verinnerlichte, um den für sein Werk zentralen Begriff der Erinnerung organisierte Version des Wuxia: ein traditionsreiches Genre in der chinesischen Literatur und eines der wirklich originären Genres des chinesischen Kinos, das mit Pomp, Pathos und Nationalismus Schwertkämpfer in monumentalen Schlachten in einem historischen Setting aufeinander treffen lässt. Zu seiner Hochzeit kam der Wuxia mit den spektakulären Filmen von King Hu, wurde dann vor allem während der Neuen Welle des Hongkong-Kinos von Regisseuren wie Patrick Tam und Tsui Hark neumodelliert und umgeformt, bevor der Wuxia vor allem in den letzten Jahren mit den Augenzuckerfilmen etwa von Zhang Yimou oder Chen Kaige eine konservativere Richtung eingeschlagen hat.

 Ashes of Time Redux
 
 
Lorna's Silence
  Ich nehme an, viele von euch werden gestern Le Silence de Lorna der Dardennes gesehen haben. Das ist mir damals in Cannes dazu eingefallen.

 Le Silence de Lorna
 
 
Und dann:
  Heute servier ich mir selbst: Shorei X, The Second Civil War von Joe Dante und das - wie ich annehme - sensationelle Irving Lerner-Double Feature im Filmmuseum. Und morgen reden wir dann alle über The Wrestler. Viel Spaß im Kino!
 
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  Alle Stories zur Viennale 2008

www.viennale.at
   
 
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