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Wien | 23.10.2008 | 12:29 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Ruhe! Sonst Weltzerstörung
  Da ich gestern zwar zwei aktuelle Filme auf der Viennale gesehen habe, beide es aber nicht wirklich geschafft haben, mich von ihren Qualitäten zu überzeugen, ich schon den halben Tag damit beschäftigt war, mir die Argumente auszumalen, mit denen die Programmierer des Festivals Arbeiten wie die solide Dokumentation Tout l'or du monde oder den ärgerlichen japanischen Crawler (so könnte man Filme nennen, die eher kriechen als dass sie voranschreiten) Shorei X auswählen, darf ich hier jetzt wieder einmal - ich weiß, ich hab mich dazu in meinen letztjährigen Tagebüchern schon genügend ausgelassen - auf die für mich durchaus nervenaufreibende Thematik des Nahrungsmittelkonsums im Kinosaal schwenken.
 
 
 
Beuschel ohne Popcorn
  Diesbezüglich habe ich vor wenigen Wochen eine ziemlich erhellende Erfahrung gemacht, ein kleiner Exkurs hin zum Filmfestival von Sitges sei mir erlaubt: im katalanischen Städtchen werden zehn Tage hindurch ausschließlich Genrefilme gezeigt und gemeinhin wird angenommen, auch da man von alltäglichen Multiplexerfahrungen Verallgemeinerungen ableitet, dass das Publikum in solchen populären Filmen, in denen stark mit Affekten und Effekten gearbeitet wird, relativ unkonzentriert, weil ja nach gängiger Meinung auch Zerstreuungskino, ist, plaudert, mampft und säuft und überhaupt ja eine Reinheitsdefinition der Kinoerfahrung, wie sie während der Viennale allerorts zu jeder Zeit beschworen wird, zu diesen Spektakelfilmen gar nicht passt.

Und dann hocke ich in mindestens vierzig Filmen und ich schwöre, weiß nicht worauf, aber bitte glaubt es mir, es kam NIE, nicht ein einziges Mal vor, dass ich mich während eines Films in irgendeiner Art und Weise von den anderen Besuchern - und Sitges ist kein Branchenfest, dort sind fast nur Filmfans - gestört gefühlt hätte. Und da komme ich zu einem nicht unwesentlichen Punkt: aus sämtlichen Kinos in Sitges sind die Fressstände für die Zeit des Festivals verbannt, das heißt, es gibt kein Popcorn, kein Gummizeug in Rascheltüten, Getränke schon, aber die stören für gewöhnlich ja nicht.

Wieso bitte schafft die Viennale mit ihrem massiven Budget es nicht, den Kinobetreibern eine gewisse Abschlagszahlung dafür anzubieten, dass für die Zeit des Festivals eben keine Fressalien verkauft werden? Da hock' ich vorgestern in Ashes of Time Redux, hinter mir drei Menschen mit Nachos zwischen den Beinen, die nach meinem dezenten Hinweisen auf die Blödheit ihrer Gewohnheit nix weiter tun als mich zu ignorieren.

 
 
Sperrt die Türen zu!
  Überhaupt ist die Viennale unglaubwürdig in ihrem Reinheitsgebot: einerseits serviert sie immer wieder Filme, die nur geschätzte 0,1% aus der Gesamtbesucherzahl auch mögen werden, argumentiert die Filmauswahl mit einer radikalen Kinodefinition, verscherbelt dann aber Popcorn (ist das nicht eines der kräftigsten Symbole für genau jene US-Kinokultur, gegen die sich die Viennale mit aller Kraft, offenbar aber nur vorgeblich, sträubt?) an die Besucher.

Und was ist mit den Zuspätkommenden, die sich mit einer ekelhaften Selbstverständlichkeit durch mein Sichtfeld bewegen? Verdammt: im Theater hat man Pech, wenn man erst nach Vorstellungsbeginn eintrifft. Was hab ich mich geärgert, als ich in Sitges von eine höflichen, aber bestimmten Sicherheitsmann abgewiesen wurde, da ich geschätzte drei Minuten zu spät ins Kino gekommen bin. Er könne nichts machen, das sei Vorschrift des Festivals. Und dann hab ich nachgedacht und bemerkt: Genauso muss das sein. Kein einziges Mal hatte ich in Sitges einen Schädel mitten im Bild, die ärgerliche Unruhe, die entsteht, wenn der zu spät kommende Ernst seinen schon im Sessel hockenden Freund Franz noch kurz begrüßen, ihm noch schnell ins Ohr flüstern muss, weswegen er es nicht mehr rechtzeitig geschafft hat.

Wieso kann die Viennale das nicht? Hat sie das Angst das Publikum zu verärgern? Das tut sie doch mit den Filmen auch! Viennale, Hans Hurch, ich glaube euch nicht mehr.
 
 
 
Macht die Grenzen auf!
  Woran ich glaube ist allerdings die Filmgeschichte: die Vorstellungen von klassischen Filmen bei der Viennale haben zudem den Vorteil, dass sie zumeist schütter bis ordentlich besucht, aber selten bis gar nie ausverkauft sind.

Gestern Abend also rein in einen Film von Joe Dante, jenem US-Regisseur also, der von Corman geschmiedet worden ist, sich in den Achtzigern mit Filmen wir Gremlins als schlauer Genre-Filmer etabliert hat, in den Neunzigern allerdings aufgrund seiner unbequemen Meinungen und diversen anderen Faktoren fallen gelassen worden ist wie die heiße Kartoffel, die er nun mal ist.

Zu der Zeit entsteht eine Produktion von HBO, noch bevor der Bezahlsender zum Synonym für kinoreife Fernsehkost wird, eine, und das ist vielleicht Dantes größtes Talent, komische, erschütternde, viel zu wahre Politsatire: in The Second Civil War beschließt der Gouverneur von Idaho (ein enthemmter Beau Bridges) Schluss zu machen mit der liberalen Politik, macht die Grenzen seines Bundesstaats dicht, für die amerikanischen Familien, den amerikanischen Way of Life. Die Werbeeinschaltungen dazu gleichen in ihrer mit billigen Symbolen unterfütterten Allgemeinverständlichkeit (Politiker nimmt Baby in den Arm) durchaus dem momentanen Paradigma der Öffentlichkeitsarbeit von Parteien oder einzelnen Machtmännern, vereinzelten Machtfrauen.

Auf der anderen Seite von Dantes Inferno thront der US-Präsident als von PR-Beratern und Lobbyisten kontrollierte Aufziehpuppe über Washington, spielt dann, weil es ihm eingesagt wird, mal Roosevelt, mal Eisenhower, schließlich Lincoln nach: da soll noch einer sagen, man hätte aus der Geschichte nichts gelernt.

 The Second Civil War
 
 
  In der Mitte, eigentlich über allem steht der allmächtige Nachrichtenkonzern News Network, der frenetisch zwischen Korrespondenten hin und herschaltet und Live-Bilder vom Ausbruch des Zweiten Bürgerkriegs in den USA serviert: und zwischendurch wird die Freiheitsstatue gesprengt. The Second Civil War wirkt auch deshalb so stark, da er gewisse Momente, die jeder kennt, satirisch überhöht, insgesamt aber nie ins vollkommen Absurde ausschert und bei allem Wahnsinn erstaunlich menschlich bleibt.
 
 
 
Sind wir nicht alle Massenvernichtungswaffen?
  Ich war dann gestern Abend noch im großartigen Double Feature Murder by Contract/City of Fear: zwei Arbeiten, eine 1958, die andere 1959 des US-Regisseurs Irving Lerner, zwei lässige Krimis im Nachglühen der möglichen bis wahrscheinlichen atomaren Katastrophe, in denen der Protagonist, beide Male gebrochen, viril verkörperlicht von Vince Edwards, den Schlüssel zum schnellen Reichtum sucht, vermeintlich findet, letzten Endes von der Exekutive gestellt werden muss. Gar nicht so sehr, weil man ihn weg gesperrt sehen möchte, aber da in seiner Anarchie das Potenzial zu einer viel größeren Zerstörung gesehen wird: in beiden Filmen dräut das Szenario eines Infernos.

Murder by Contract erzählt vom Angestellten, der sich als Auftragskiller beschäftigen lässt, um sich schnellstmöglich seinen Traum vom Eigenheim verwirklichen zu können: dafür legt er reihenweise Kerle um, scheitert dann aber (vorerst) am Mord an einer wichtigen Kronzeugin. Lerner lässt ihn in einer quintessenziellen Sequenz durch ein Waffengeschäft flanieren, in dem neben Jagdgewehren und Pistolen auch größere Geschütze zu kaufen sind; vor dem Laden steht eine Kanone aus dem Bürgerkrieg.

Wie einfach wäre es wohl, an eine Massenvernichtungswaffe zu kommen? Zur persönlichen Verteidigung, zur Verteidigung des Staats? Und überhaupt: wenn der Staat Soldaten im Krieg für das Töten belohnt, wieso sollte ein Mann dann für das Töten von Zivilisten bestraft, vermutlich sogar selbst getötet werden?

 Murder by Contract
 
 
  Ist Murder by Contract lakonischer Krimi, dann ist City of Fear, dem Titel entsprechend, ein B-Noir mit famoser Kamera von Lucien Ballard: klares Schwarz-Weiß, gewaltiger Schattenwurf, Gesichter, Gestalten im Halbdunkel; eine Welt der Hinterhöfe und Schuhgeschäfte, ein Los Angeles, in die ein entflohener Sträfling einbricht mit einem Zylinder, in dem er Heroin vermutet, in dem aber radioaktives Kobalt, damit das Potenzial zur Großraum-Vernichtung, steckt.
 
 
 
Ein Wrestler fällt
  Zeitgleich zu den Lerner-Filmen lief gestern im Gartenbaukino die Österreich-Premiere von Darren Aronofskys The Wrestler ab: ich nehme an, viele von euch sind dort gewesen. Ich habe über den Film hier geschrieben und bin sehr neugierig, was ihr davon haltet.
 
 
 
Und:
  Heute gebe ich mir einen Film von John Gianvito, den neuen Film von Arash namens Ein Augenblick Freiheit und einiges mehr. Bis morgen!
 
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  Alle Stories zur Viennale 2008

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