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Wien | 25.10.2008 | 14:01 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Die schönste Lüge der Welt
  Dort, wo die Viennale am besten ist, ist sie unnachgiebig und eigenwillig, stur und vielleicht auch unsympathisch. Wer dieses Tagebuch von mir in diesem Jahr oder in den vorigen Jahren gelesen oder auch nur überflogen hat, der weiß vermutlich bereits, dass ich dem Wiener Filmfestival nicht den Boden poliere: auch da ich meine, dass es ohnehin schon in zu vielen Medien zu unreflektiert abgefeiert wird mit dem Ergebnis, dass es kaum mehr eine kritische Öffentlichkeit zu einer der wichtigsten österreichischen Kulturveranstaltungen des Jahres gibt.

Trotz all dem, was ich der Viennale immer wieder vorwerfe, möchte ich hier aber mal eindeutig festhalten, dass wir uns alle glücklich schätzen können, in dieser Stadt so ein Filmfestival zu haben, das zwar Macken und Ungereimtheiten, aber eben vor allem auch eine Haltung und eine, zuweilen sehr verengte, aber immerhin authentische Sicht auf das Kino hat.

Vielleicht zeigt sich das nirgendwo besser und eindeutiger und charmanter und überzeugender, als in der Auswahl der Sonderprogramme, Tributes und Retrospektiven: zu Hans Hurchs - ich vermute mal - persönlicher Leidenschaft für die Gegenkultur(en) von vor vierzig Jahren schweige ich mich mal dezent aus, das geht mir nämlich schon ziemlich auf die Nerven.
 
 
 
Klimawechsel: John Gianvito
  Ich bin ja während des Jahres doch auf einigen Festivals und sehe, was sozusagen die Konkurrenz in punkto Würdigung einzelner herausragender Kreativer im Filmbereich so treibt, und da muss ich sagen, ist die Viennale allen anderen bei weitem voraus. Einen Regisseur wie John Gianvito, im letzten Jahr mit seinem monolithischen Grabstein-Essay zur US-amerikanischen Geschichte, Profit Motive and the Whispering Wind in Wien zu Gast, mit einer Werkschau zu ehren, das mag für einen der die Viennale und ihre unorthodoxen Entscheidungen gewohnt ist, selbstverständlich sein, für viele internationale Gäste zeigt sich aber genau daran das Rückgrat dieses Festivals.

Eine Arbeit wie Gianvitos The Mad Songs of Fernanda Hussein auf der großen Leinwand sehen zu dürfen (der Film war zwar schon vor einigen Jahre im Österreichischen Filmmuseum zu sehen, dort hab ich ihn allerdings verpasst), ist auch für mich, bei dem sich aufgrund der vielen Kinobesuche teilweise schon Augenverschleißerscheinungen einstellen, eine absolute Sensation.

Im Verlauf von mehreren Jahren realisiert, hat John Gianvito, ein aufrichtiger ideologischer Linker, damit einen außergewöhnlich persönlichen, aber auch einen quintessenziellen Film zum gesellschaftlichen und politischen Klima in den USA Anfang der Neunziger Jahre inszeniert. Und man sitzt dann drin und fragt sich, wie diese ganzen Kanons und filmgeschichtlichen Generalsanierungen diesen Film bisher ignorieren konnten: ich persönlich habe davon bisher weder gelesen, noch sonderlich viel davon gehört.

 Profit Motive and the Whispering Wind
 
 
Vom Verschwinden in der Geschichte
  "The Mad Songs of Fernanda Hussein" ist zerteilt in drei Kapitel: gleich das erste erzählt von der Titelfigur, deren zwei Kinder Opfer politischer Agitation werden. In einer Zeit, in der kleine Buben Kappen mit dem Desert Storm-Schriftzug tragen, in der Saddam Hussein als neuer Teufel in kryptoreligiöser Rhetorik beschworen wird, von Politikern und Medien gleichermaßen, ist es vielleicht gar nicht verwunderlich, dass Fernandas Kinder von einem Unbekannten ermordet und in den Fluss geworfen werden, weil sie mit Nachnamen Hussein heißen.

Als die seelisch kaputte Frau die Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgibt, rät ihr der Officer dazu, den Nachnamen zu ändern. Im Hintergrund hängt das Yellow Ribbon das sagt: Support our Troops. Gianvito selbst spielt auch eine Rolle: die des Lehrers Blacksmith (ganz so als wüsste er, dass ein so persönlicher, politischer Film auch immer etwas Belehrendes hat), der einen seiner Schüler bei Demonstrationen gegen den Golfkrieg unterstützt, mit ihm Flugblätter verteilt. Fernandas Leid wird im Film nicht gedimmt, sie verschwindet nach einer Stunde und taucht erst ganz am Ende wieder auf.

Dazwischen steht der heimgekehrte Ex-Soldat Carlos irgendwo in New Mexico und hört auf einmal The Mad Songs of Fernanda Hussein: ein Flehen, ein Säuseln, ein Schreien. Gianvito ist mit diesem knapp dreistündigen Film ein Rundumschlag gelungen, in dem er das Persönliche ins Politische leitet und umgekehrt, schließlich aber doch eine Gesellschaftsbefindlichkeit skizzieren will und das mit dem außergewöhnlichen Ende auch erreicht. Die kleinen Schnitzer und Polemiken, die teilweise ausgefahrenen Argumente verzeiht man diesem großen Film gerne: es ist ein Vorschlag aus Überzeugung.

 The Mad Songs of Fernanda Hussein
 
 
Lied, gut: Miguel Gomes
  Ebenso exotisch wie die Entscheidung für Gianvito ist diejenige, den jungen portugiesischen Regisseur Miguel Gomes mit einer Werkschau zu ehren. Schon einmal stellte Hurch einen Filmemacher aus dem westlichsten europäischen Land, nämlich Pedro Costa, verdientermaßen ins Zentrum seines Festivals.

Das Kino von Miguel Gomes ist - so scheint es mir - wie ein radikales, neuzeitiges Märchen, allerdings eines, das erst durch den Zuschauer geschrieben wird. Wenn in der ersten Einstellung von Our Beloved Month of August ein Fuchs um einen Hühnerkäfig schleicht, dann ist das mehr als ein Bild aus dem ländlichen Portugal. Gomes weiß, der Zuschauer weiß um die Geschichten, die damit verknüpft sind: vom schlauen Fuchs, vom blöden Huhn. Und dann läuft der Fuchs weg, abgeschlossen wird nicht, eher schon gleich verwiesen - allerdings spielerisch, mit Humor, nicht verkopft wie bei vielen anderen Regisseuren - auf die Gebautheit von allem, das man sieht und spürt: das ist keine Dokumentation, beweisen die Bilder, in denen Gomes selbst mit seiner Crew in einer Holzhütte eine Kette aus Domino-Steinen aufbaut, plötzlich sein Produzent die Tür öffnet und alles zusammenfällt.

Man kann diese Sequenz als Grundidee von Gomes' vollkommen uneitlem Kino begreifen: dass nämlich der Zufall und die Überraschung und das Ungeplante eine mindestens ebenso große Rolle spielt wie das fertige Drehbuch, das es vermutlich eh nie gegeben hat. Die erste Hälfte von Our Beloved Month of August serviert ohne erkennbare narrative Ordnung, eher überzeugend in den einzelnen Sequenzen Auftritte von Schlagerkapellen auf Dorfplätzen: es wird gesungen von ewiger Liebe und schnellem Tod, die Festbesucher tanzen zu diesen Geschichten, ein wenig wie der Zuschauer durch diesen Film tanzt, ein wenig wie Gomes selbst in seinem Film tanzt.

 Aquele querido mês de Agosto - Our Beloved Month of August
 
 
Und aus der Mitte entspringt ein Kuss
  Es werden Geschichten erzählt in diesen Liedern, es werden aber auch Geschichten erzählt von den Einwohnern: von einem Mann, der seine Frau mit einer Axt ermordet hat. Irgendwann kehrt diese Legende, diese Wahrheit (?) zurück in einem Film-im-Film: ein Regisseur führt in einem Lokal seine Neubearbeitung von Rotkäppchen vor, die Axt blitzt im Kunstlicht auf.

Und dann ist da die Geschichte vom Flussmann Miller, die man sich im Dorf erzählt, der später dann selbst auftaucht und sein Leben erzählt: wie er von der massiven, hohen Brücke in den Fluss gesprungen ist, wie er es schon oft getan hat, diesmal aber der Wasserstand zu niedrig war und er sich verletzt hat.

Nur langsam schälen sich Hauptfiguren heraus: eine Feuerbeobachterin, die auf einem Hochstand in den Bergen steht und jede Qualmentwicklung melden muss. Ein junger Portugiese, der am Ende des Sommers, gleich nach dem August nach Straßburg gehen wird um zu studieren. Eine junge Frau, die nach dem spurlosen Verschwinden ihrer Mutter (man sagt, sie sei von Außerirdischen entführt worden; wieder eine Geschichte, wieder Realität?) von ihrem Vater eingeengt wird. Es geht viel zu viel vor in mir, in diesem Film, um über alles zu schreiben.
 
 
 
Magic Kingdom
  Und dann sind da die Bilder: wie sich der Nebel die Waldhänge runter stürzt, wie ein Feuerwehrauto eine Landstraße entlang fährt; Bilder von religiösen Prozessionen (immerhin: es ist ein persönlicher Film) und immer wieder von Volksfesten.

Miguel Gomes ist kein Künstler, ich glaube auch er will keiner sein. Er ist ein intuitiver Filmemacher, der ein famoses Gespür hat für innere Zusammenhänge: seine Filme wirken auch deshalb so spontan, weil er sich die Freiheit zum Treibenlassen heraus nimmt, weil er sich dann durchaus einmal an einer dieser vielen Geschichten fest beißen kann, weil es ihm gefällt, auch wenn er damit Gefahr läuft, die Zuseher zu langweilen, vielleicht auch sie zu verlieren.

Im Innern, und da gebe ich dem kanadischen Kollegen Mark Peranson recht, hat Gomes etwas von einem Magier, dessen Geschichten überwältigt werden vom Zauber des Films, wenn sich auf der Tonspur plötzlich Töne einstellen, die keinen Bezug zum Bild haben. Und am Ende ist es vollkommen gleichgültig, ob etwas wahr ist oder nicht, da Film sowieso die schönste Lüge der Welt ist.
 
 
 
Puh!
  Heute werde ich mir The Decline of Western Civilization und, wenn es sich ausgeht, Eskalofrio ansehen. Bis morgen.
 
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  Alle Stories zur Viennale 2008

www.viennale.at
   
 
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