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Wien | 27.10.2008 | 12:44 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Brutale Zeiten
  Replizieren: ein Wort, das in meinem Ausdrucksschatz bisher keine Bedeutung gehabt hat; ich finde, das ist auch gut so. Wer hingegen oft und ausdrücklich repliziert ist Heide Schmidt, die viele ihrer Stellungnahmen einleitet mit als Replik auf. Insofern gestatte ich mir jetzt auch einmal eine kurze Replik, vielleicht eine die mich ins Fegefeuer der aggressiven Forumseinträge befördern wird, angeleitet und angestachelt von den vielen überschwänglich positiven Kommentaren zu Tomas Alfredsons Let the Right One In.

Ich hab zu dem Film aus mehreren Gründen geschwiegen: zum einen hat er mir nicht wirklich gefallen, zum anderen hab ich ihn bereits im Jänner gesehen und meine Erinnerungen daran sind glaub ich schon im März verblasst. Insofern kann ich jetzt gleich voraus schicken, dass alle folgenden Sätze zum Film nur bedingt stimmen werden, vielleicht sogar Lügen sind.
 
 
 
Let the Right One In
  An was ich mich noch erinnere ist der Schnee: nichts wirklich Außergewöhnliches für einen schwedischen Film, aber doch effektiv in Szene gesetzt, denn das Weiß auf der Leinwand ist eine tückische Angelegenheit, vor allem in Bezug auf Konturen, bei Alfredson funktioniert das aber sehr gut, es ist stimmungsvoll schön wie der Rest des Films.

Und dann darf ich mal schnell grundsätzlich hinweisen darauf, dass Let the Right One In, auch wenn er von allen als ein solcher begriffen wird, kein Horror-, nicht einmal ein Fantasyfilm ist, weil dem Alfredson die fantastischen Elemente darin merklich wenig bedeuten: sein Film ist die Verfilmung eines Entwicklungsromans, funktioniert als solche auch gut.

Ich hoffe, dass mir Recht gegeben wird, wenn ich meine, dass der emotionale Angelhaken der Geschichte, nämlich diese Kondition, die einen untauglich macht für den Rest der Gesellschaft, die ein Leben nach anderen Regeln, einer anderen Moralvorstellung nach sich zieht, Kern ist von so ziemlich einer jeden fantastischen Geschichte, auch von so ziemlich einer jeden Erzählung von Heranwachsenden. Insofern schiebt Alfredson, meinem Gefühl nach, nur zwei Genres ineinander, die in ihrer Essenz immer schon eins waren, das aber eben dann mit dem Gestus (und der war es, der mir diesen Film schließlich verdorben hat) etwas Besonderes, Neuartiges zu machen, keinen von diesen depperten Horrorfilmen eben.

Mein Gefühl bestätigt haben diverse Interviews mit dem Herrn, in denen er bereits jetzt auf das anstehende Hollywood-Remake seines Films spuckt, denn das würde sicherlich nah am Mainstream sein, eben nicht so kunstvoll und kunstsinnig wie sein Film.

 "Let the right one in"
 
 
Keep the Wrong Ones Out
  Aber "Let the Right One In" passt hervorragend zur Viennale, insofern er ein Horrorfilm ist, vor allem gemacht für Leute, die üblicherweise keine Horrorfilme mögen, weil sie sich diesen Film schön schauen können, auch da er so anschmiegsam ist, weil man ihn sich leicht schön reden kann, weil doch die Freundschaft/Liebe zwischen diesen Kindern einsteht für (vieles, was meinst du?).

Es würde mich vermutlich gar nicht stören (noch mal: es ist ja ein solider Film), hätte die Viennale auch nur irgendeine Ahnung vom Genrekino, würde sie auch nur die Speerspitze von den lässigsten fantastischen Filmen dieses Jahres zeigen. Das tut sie aber nicht: kein Jose Mojica Marins (The Embodiment of Evil ist der beste Horrorfilm dieses Jahres, eine Offenbarung), kein Kawasaki Minoru (sein Attack on the G8-Summit ist die Apotheose des Gummimonsterkinos), kein Oshii Mamoru (sein The Skycrawlers ist der beste Animationsfilm, den ich seit langer Zeit gesehen habe). Ich könnte diese Liste noch beliebig lang fort führen, ich weiß auch, dass sich die Viennale um einige wenige Genre-Filme bemüht hätte (etwa Kathryn Bigelows furiosen Irakkriegs-Actionfilm The Hurt Locker oder Miyazaki Hayaos Andersen-Märchen Ponyo on the Cliff by the Sea), sie aber vom Verleih nicht freigegeben worden sind.

Filme wie Eskalofrio (den ich nicht einmal gesehen habe, wie unprofessionell) oder "Let the Right One In" sind meiner Einschätzung nach Alibi-Horrorfilme, die im Programm sind, damit überhaupt irgendwas dieses Genres im Programm ist. Letztes Jahr gab's den großartigen Romero-Film und den famosen Klassiker Suspiria von Dario Argento (dessen neue, mittlerweile schon gar nicht mehr so neue, Arbeit La Terza Madre war in Österreich hingegen - bisher, vielleicht tut sich noch was - gar nie zu sehen): auch das eher Augenauswischer denn Augenöffner.

 "Let the right one in"
 
 
Must Read After My Death
  So, genug gemosert, gestern hatte ich einen feinen Viennale-Tag, kann sogleich eine Empfehlung rausschicken für einen Dokumentarfilm, der nur einmal und zwar am Abend des 29. Oktober zu sehen sein wird. Er heißt Must Read After My Death. Der Regisseur Morgan Dews hat nach dem Ableben seiner Großmutter Allis eine Schachtel mit der Aufschrift gefunden, die zum Titel seines Films geworden ist. Darin: Tonband- und Filmaufnahmen, die die außergewöhnliche, tragische Geschichte seiner Familie erzählen, eine Geschichte von der er bis dahin nichts gewusst hat.

Seine Großeltern Allis und Charley haben bereits in den Fünfziger Jahren eine offene Ehe praktiziert. Alles schien perfekt bis zum Umzug in eine Vorstadtsiedlung in Hartford, Connecticut und der Geburt ihrer insgesamt vier Kinder. Langsam aber unaufhaltsam belegen die Aufnahmen das Abgleiten der Familie in den Wahnsinn: die Eltern streiten sich nur noch, Charley wird zum Alkoholiker, seine gewalttätigen Ausbrüche mehren sich.

Nach und nach entwickelt jedes ihrer Kinder eine Psychopathologie: es gibt Zeiten, an denen sind sämtlichen Familienmitglieder entweder in eine Institution eingewiesen oder jedenfalls in Therapie. Morgan Dews, der Enkelsohn, kann sich selbst nicht wirklich erklären, es geht aus den Aufnahmen auch nicht eindeutig hervor, wie es passieren konnte, dass das vormals glückliche Leben plötzlich zerbrochen ist. Sein "Must Read After My Death" ist jedenfalls ein intensives Dokument. Empfehlenswert.

 "Must read after my death"
 
 
Vroooooooooooooooooooooooooooom!
  Und dann: auf die Rennstrecke, am besten ohne Sturzhelm, dafür mit aufgemotzten Boliden. Figure 8-Racing nennt sich die Höllentour, an der in Jack Hills Klassiker Pit Stop ein junger Rebell teilnimmt: Die Strecke ist geformt wie eine Acht, das bedeutet dass es in der Mitte eine Kreuzung gibt. Massenkarambolagen sind vorprogrammiert. Freilich ist das Rasen nur der Aufhänger für eine zutiefst moralische Geschichte, sozusagen der Prototyp aller späteren Rennfilme: es gibt einen arroganten Konkurrenten (gespielt vom ewig genialen Sid Haig), einen rücksichtslosen Manager und vieles mehr. Mittendrin: die junge Ellen Burstyn, damals noch mit ihrem Geburtsnamen Ellen McRae angeführt.

 
 
Saturday Night Fever presents:
  Schließlich: "Tony Manero"; der diesjährige Hype-Film aus Cannes, der im Chile unter Diktator Pinochet spielt, die (ziemlich theoretische, aber taugliche) Erkaltung der Gesellschaft zum Ankerpunkt nimmt für seine Hauptfigur, einen grimmigen Soziopathen mit einer fast schon perversen Liebe zu John Travoltas Figur Tony Manero aus Saturday Night Fever.

Die Kamera ist zeitgenössisch mobil und verwackelt, will Unmittelbarkeit produzieren und dennoch stolpert der Film über seine Inszenierung: einmal zu oft lässt Regisseur Pablo Larrain das Bild unscharf, so dass man ihm ein bewusstes Spiel mit Stilmitteln unterstellen muss, ein Kalkulieren mit Effekten, ein Spekulieren mit dem Publikum. Selbiges gilt für die immer wieder durchbrechenden Gewaltmomente, die jedenfalls in diesem Film merkwürdig wirken, etwas zu fest angedrückt.

"Tony Manero" wird nie zu einem glaubwürdigen Psychogramm dieses Manns oder Soziogramm dieser Zeit, weil die Figur nicht funktioniert als Mensch, sondern eben nur als Beinah-Karikatur, ein wenig wie Abel Ferrara im "Driller Killer". Tatsächlich hat Larrains Film viel gemein mit den Psychopathen-Studien der frühen Achtziger Jahre. Für mich ein kalter, zyischer Film, eine Mode-Erscheinung, nicht mehr.

 
 
Ah! Filmgeschichte!
  Tja, und heute gibt's für mich nur Klassiker: von Roger Corman, André de Toth und H.B. Halicki. Allesamt im Filmmuseum.
 
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  Alle Stories zur Viennale 2008

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