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Wien | 2.11.2008 | 16:22 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Vom Leben gezeichnet
  Wie animiert, wie fiktional dürfen oder müssen Dokumentarfilme sein, um so etwas wie filmische Wahrheit zu entwickeln? Eine Frage, die durch Ari Folmans Aufsehen erregende Dokuanimation Waltz with Bashir erneut aufgeworfen wird. Aber auch eine Frage, die vielleicht so alt ist wie das Genre selbst, hier eben jetzt in zeitgemäßem, politisch relevantem Gewand wiederkehrt.

Folman, geboren 1962 in Israel, war nie daran gelegen, die Konflikte seines Landes, die Konflikte seiner eigenen Biografie in klassischen Schicksalsgeschichten zu formulieren. Schon das Kinodebüt des studierten Filmwissenschaftlers Saint Clara (1996) ist ein ziemlich glattes Spiel mit den Erzählgangarten des massenkompatiblen Genrefilms, lässt ein hellseherisches Mädchen gegen ein ganzes Dorf antreten und schließlich für ihre große Liebe kämpfen.

2001 entsteht mit Made in Israel eine brachiale Actionkomödie, die sich noch offenkundiger als der Vorgänger an Hollywood-Klischees abarbeitet, versucht, sie zu unterwandern, letztendlich aber reaktionär bleiben muss.
 
 
 
Posed to Death?
  "Waltz with Bashir" sorgte schon vor seiner Welturaufführung bei den Filmfestspielen von Cannes im vergangenen Mai für gehörigen Wirbel: vermutet wurde ein Zeitgeistfilm, der den Überraschungserfolg Persepolis (2007) kopiert und schröpft. Das kann man Folmans Film schon aus rein logischen Gründen nicht vorwerfen: seine animierte Dokumentation hatte - wie dem Endergebnis auch anzusehen ist - eine sehr lange Nachprouduktionszeit, die Trickfilmsequenzen sind spektakulär. Dass aber reine Oberfläche, bloßer Schauwert, nacktes Kalkül mit den Zuschauersinnen nicht ausreicht, das hat bereits Robert Rodriguez' optisch brillante, aber erzählerisch unergiebige Frank Miller-Adaption Sin City (2005) vorgeführt.
 
 
 
 
 
Erinnerung an ein Massaker
  Ari Folman erzählt mit "Waltz with Bashir" einen Teil seines eigenen Lebens nach, formuliert aber gleichzeitig - in der Grundstruktur der Geschichte, in der sich ein israelischer Soldat nicht mehr an die grauenvollen Geschehnisse von damals erinnern kann oder will - ein nationales Trauma und seine missglückte oder gar nicht erst versuchte Bewältigung mit.

1982 marschiert Israel in den Libanon ein, um die dort erstarkte PLO zu zerschlagen. Folman selbst ist einer der Soldaten, der auch zum Zeugen des Massakers von Sabra und Schatila in Westbeirut wird: am 16. September des Jahres werden etwa 150 phalangistische Milizionäre (die sich schon zuvor Auseinandersetzungen mit der PLO geliefert haben) in ein Flüchtlingslager kommandiert, in dem sich Männer, Kinder und Frauen vor den Tumulten in Sicherheit gebracht haben.

In dieser Nacht werden laut offiziellen Angaben 460 Menschen getötet, vergewaltigt und gefoltert: all das unter den Augen der israelischen Soldaten, die einen Verteidigungsring um das Lager geformt, das Massaker zumindest teilweise beobachtet und zur besseren Sicht der Milizionäre Leuchtraketen in den Himmel geschossen haben.
 
 
 
Apocalypse Wow!
  "Waltz with Bashir" nimmt seinen Titel von einem besinnungslosen Tanz, den einer von Folmans damaligen Kollegen in Beirut aufführt: im Hintergrund hängen Plakate des just bei einem Bombenattentat ermordeten Führers der phalangistischen Miliz Baschir Gemayel. Sein Tod war ein Hauptgrund für die aufgeladene Stimmung und das Massaker.

Folman strukturiert seinen Film lose um seine eigene Erinnerungsreise herum: nach und nach sucht er Freunde und Bekannte und damalige Kollegen auf, um seine Erinnerungsfetzen (in denen man unter anderem ihn selbst und zwei weitere junge Männer nackt aus dem orange schimmernden Meer steigen sieht) aufzufüllen und zu verbinden.

Während erzählt wird, durchaus in der Konvention einer Talking Heads-Dokumentation, zeichnen die Trickbilder die (eventuellen?) damaligen Geschehnisse nach, jedenfalls eben das, an was sich die Leute erinnern. Mit dem Gefühl, die ganze Welt erobern zu können, steuern junge Männer ihre Panzer über Felder, die Zigarette im Mundwinkel, einen Rocksong in den Ohren, auf den Lippen. Traum und Wirklichkeit vermengen sich kontinuierlich, in seinen stärksten Momenten produziert Folmans Film einen schauerlich surrealen Bildersog (etwa wenn ein Soldat mit einer baumgroßen nackten Frau auf dem Meer in Richtung Zukunft schwimmt, während seine Kollegen auf dem explodierenden Boot sterben oder wenn sie in einem Olivenhain unter Feindesfeuer geraten, das jedenfalls in der Erinnerung von Kindern mit Maschinengewehren stammt).

In letzter Konsequenz wird die Animation in den finalen Einstellungen zur Realität, die auch die Erlösung von Folmans Alter Ego, eben sein Erinnern, bedeuten.
 
 
 
 
 
Mein Leben als Film
  Wenn "Waltz with Bashir" jetzt als one of a kind und sui generis rezipiert wird, dann ist das erstaunlich engsichtig, übersieht nicht nur eine lange Geschichte des dokumentarischen Essayfilms und die in den letzten Jahren verstärkt wahrgenommene Erzählform des nachträglich zur Familienaufstellung montierten Home Movies (etwa von Jonathan Caouette), sondern auch jene Filmemacher, die bereits seit Jahren, teilweise Jahrzehnten mit den Mitteln des Animationsfilms Dokumentationen gestalten.

Etwa die beiden US-Amerikaner Sandra und Paul Fierlinger, die in Arbeiten wie Drawn from Memory (der Titel würde auch Folmans Film stehen) oder Still Life with Animated Dogs ihre persönlichen Geschichten im wahren Wortsinn nachzeichnen. Nicht unerwähnt bleiben darf auch der Animationsfilmpionier John Randolph Bray, der mit seinen kurzen gezeichneten Erziehungsfilmen schon in den 1910er-Jahren (und den folgenden) die Grenzen zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem/Animiertem porös gemacht hat.
 
 
 
Kino, erinnere dich!
  "Waltz with Bashir" ist gewisslich ein außergewöhnlicher Film: aber gerade in seiner Hybridform bleibt er unbefriedigend. Ihn als eine Art Psychotherapie zu begreifen und benennen macht diesbezüglich durchaus Sinn: in kleinen Montagen wird dem Zuschauer sogar erklärt, wie fragil und unzuverlässig menschliche Erinnerungen generell sind, was einem sozusagen auch den Schlüssel für "Waltz with Bashir" in die Hand drückt.

Aber vor allem bremsen die über die Bilder gelegten Berichte der Befragten die Bilderkraft (die sie durchaus besitzen; wie gesagt: die Animation ist hervorragend) aus wie auch deren Potenzial, direkt ins Unterbewusste zu steigen, zu führen. Blickt man auf Teilstücke des Kinos etwa von Jacques Rivette, im Besonderen auf sein Hauptwerk Celine und Julie fahren Boot (1974) oder auch auf das zutiefst innerliche, lyrische, zeitweise klumpige Werk von Alain Resnais (Letztes Jahr in Marienbad; 1961) erhält man ein Gefühl dafür, wie man sich der Traumlogik von Erinnerungen filmisch annähern kann.

Für mich war an "Waltz with Bashir" enttäuschend, wie konventionell Folman in seinem Aufbruch, der letztendlich nur ein ästhetischer, eventuell noch ein inhaltlicher ist, bleibt, wie viel Kraft den Bildern, der Musik dadurch genommen wird, dass beinahe immerzu jemand darüber, dazu, eigentlich aber dagegen erzählt. Und daran ändert auch die Tatsache nix, dass Folmans Arbeit für mich eindeutig in die richtige Richtung zeigt: weg vom Tatsachenbericht, hin zu einer filmischen Wahrheit. Jetzt muss nur noch jemand diesen Weg gehen.
 
 
 
 
 
Weitsichtige Einsichten
  Das Magazin Frames Per Second hat bereits im März 2005, also noch weit vor dem Hype um Folmans Film, eine Sondernummer zum Genre der Doku-Animation veröffentlicht. Die findet ihr hier!
 
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  waltz-with-bashir.pandorafilm.de
   
 
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