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Wien | 12.12.2008 | 15:18 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Alle Schrauben lockern!
  In Hollywood heißt es immer: in schlechten Zeiten lacht es sich am besten. Und weiters: die Unterhaltungsindustrie wird niemals untergehen. Für diese Theorie gibt es einen Beleg. Einen schrillen, lauten und sehr komischen Beleg: als 1934 die erste Screwball-Comedy über die US-Leinwände donnert, wirkt das wie ein trotziger Tanz auf dem Vulkan. Denn während der großen Depression waren die Zukunftsaussichten denkbar schlecht. Zwischen Hungermärschen und Notsuppenküchen strömte das Publikum scharenweise in die anarchischen Komödien, in denen sich die Beaus und Belles der Studios minutenlang die Pointen um die hübschen Ohren gepfeffert haben.
 
 
 
Die Nacht, in der die Erde still stand
  It Happened One Night: so heißt ein Film von Frank Capra aus dem Jahr 1934. So heißt auch die erste Screwball-Comedy der Filmgeschichte. Eigentlich aber hat sich das Genre schon früher angekündigt: mit der Marktdurchsetzung des Tonfilms Anfang der 30er-Jahre haben sich vollkommen neue Möglichkeiten für die Filmemacher ergeben. Der Dialogwitz der Madcappers (eine andere Bezeichnung für die Screwball-Komödie) hat die Erzählrhythmen revolutioniert und das Kino entscheidend mitgeprägt: die Geschwindigkeit, die Aneinanderreihung von Pointen und die Körperkomik lassen sich zurückverfolgen zu den Slapstick-Komödien und Caper-Kapriolen der Stummfilmzeit.

Die formidabel orchestrierten Missgeschicks- und Verwechslungs-Parcours, die Darsteller wie Stan Laurel & Oliver Hardy oder W.C. Fields nebst vielen anderen zu durchlaufen hatten, galten vor allem beim Mittelklasse-Publikum der damaligen Zeit wenig: man merkt daran auch, wie sich das Kino von der Massengaudi im Jahrmarktszelt hin entwickelt hat zur respektablen Abendgestaltung für respektable Leutschaften. Die Screwball-Komödie mit der zarten Gesellschaftskritik im Unterboden, den selbstbestimmten Frauen als Handlungsträgern und intelligenten Dialogen mittendrin, war dann auch the thing to do.

 
 
Scharfe Schüsse
  'It Happened One Night': den Titel von Capras Film darf man wörtlich nehmen, auch wenn es darin nicht nur um eine, sondern gleich mehrere Nächte geht, die Clark Gable und Claudette Colbert miteinander verbringen (müssen). Aber der Erfolg des Genres geschieht wahrlich über Nacht. Capra gibt die Formel vor: man nehme eine weltfremde Millionenerbin und einen bodenständigen Arbeiter und schicke sie auf eine Reise quer durchs Land (oder lasse sie eben einen anderen Hindernis-Parcours durchlaufen).

Die Dialoge sind scharf wie Messer und gefährlich wie geladene Pistolen: durch die Komödie steppen Klassen- und Geschlechterkampf. Der Slapstick wird sophisticated, Capras Film bekommt dafür fünf Oscars.

'It Happened One Night' ist einer der letzten Filme, die vor der Inkraftsetzung des Hays Code realisiert werden konnten. Alle späteren Screwball-Comedies müssen sich dem strengen moralethischen Regelwerk, verfasst vom Jesuitenpriester Daniel Lord, beugen: sogar verheirateten Paaren ist es forthin untersagt, sich auf der Leinwand ein Bett zu teilen. Erotik und Sexualität werden nur mehr angedeutet: das Spiel mit dem Subtext wird zum Merkmal und Erfolgsgeheimnis der Screwball-Comedy.

 
 
Ladies & Gentlemen
  Mit Screwball-Comedies feiern Regisseure wie Howard Hawks oder George Cukor gewaltige Erfolge: die Karrieren der Filmemacher florieren dabei ebenso wie die der Schauspieler. Cary Grant und Carole Lombard sind zwar bereits vor dem Siegeszug des Genres bekannt. Aber erst die tollpatschigen Schönlinge und scharfzüngigen Frauen der Screwball-Comedy machen aus ihnen Leinwand-Ikonen.

Grant erfährt durch diese Rollen überhaupt eine Image-Umdeutung: der fesche Frauen- (und Männer-)held verwächst mit dem Genre und wird zu seinem Aushängeschild, gerade weil sich seine "good looks" hervorragend konterkarieren haben lassen mit dem Tölpelhaften und Unbeholfenen vieler seiner Komödien-Figuren. Die Schauspielerinnen (etwa Irene Dunne, Claudette Colbert, Carole Lombard) hingegen sind gern situiert in der feinen Gesellschaft, repräsentieren oft auch die Familienmillionen, bemühen sich um Etikette und Fassung, die letztendlich freilich abbröckeln, weil sie vom Schmäh zerfräst werden müssen.
 
 
 
Kurz vor der Explosion
  In der zweiten Hälfte der 30er-Jahre erreicht die Screwball-Komödie ihren Höhepunkt: vieles, was danach entsteht, ist schon eindeutig getrimmt, der Nonsens zurück gefahren, die Absurdität gedrosselt. Einige Regisseure lockern allerdings zu viele Schrauben auf einmal: 1938 kommt Howard Hawks Bringing Up Baby in die US-Kinos.

Der renommierte Regisseur erschreckt und überfordert das Publikum mit einer exzessiven Katharine Hepburn und tonnenweise Nonsens-Dialogen. Hepburns Karriere trug damals sogar Schaden davon; große Teile des Publikums und auch der Kritik waren von ihrer überhitzten Figur (in diesem vollkommen überhitzten Film) verstört. Heutzutage gilt das ultraschnelle und bizarre Liebesabenteuer zwischen einem Dinosaurierforscher und einem Society-Girl zu Recht als Meilenstein des Komödienkinos. 'Bringing Up Baby' war, wie viele andere Genre-Vertreter auch, seiner Zeit zu weit voraus.

 
 
Der letzte Ball
  Nicht einmal zehn Jahre lang währt der Glanz der Screwball-Comedy. Mit den voran schreitenden Gräueln des Zweiten Weltkriegs sinkt die Lust des Publikums auf verrückte Frauen und tölpelige Männer. Man will Sicherheit und eine starke Hand. Jedenfalls keine Filme, die den Konservativismus der Zeit unterwandern und angreifbar machen. Anfang der 40er-Jahre kommt es zu einer letzten Aufbäumung des Genres. Alfred Hitchcock dreht Mr. & Mrs. Smith und Preston Sturges seine Palm Beach Story. 1942 ist dann der vorerst letzte Screwball geflogen.

Die Screwball-Comedy ist zweifellos eines der prägenden Film-Genres des 20. Jahrhunderts. In Hollywood entstehen immer noch Hommagen an die Klassiker: 2003 etwa drehen die Coen-Brüder Intolerable Cruelty und geben damit auch eine Ahnung davon, wie die Screwball-Comedy heutzutage aussehen könnte. Die Chancen auf eine gelungene Revitalisierung des Genres stehen dabei gar nicht so schlecht: der Motor hinter dem damaligen Irrwitz war ja immerhin auch eine Weltwirtschaftskrise.

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