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Hamburg | 18.12.2005 | 09:00 
Verwirrungen zwischen Spielekultur und Nerdstuff

Gerlinde, HansWu, Grenzfurthner

 
 
Thirty Records Over Chanukka
  Achtzehntes Fenster.
 
 
 
Glen Meadmore - diverse [Amoeba, Pervertidora]
  Alter Schwede, jetzt versuch' ich hier schon den fünften Textanfang und dabei soll der Adventskalender doch leicht und flockig und interessant sein. Aber Glen macht es einem nicht einfach. Deswegen runter mit der Maske und aufs Gerate-Wohl losgeschrieben. Es geht um Glen Meadmore, dem völlig wahnsinnigen, liebenswürdigen und schweinegroßen Glen Meadmore, seines Zeichens gay christian country punk aus Los Angeles, geboren in Winnepeg/Canada, in den Achzigern und Neunzigern im Zuge der Queercore-Explosion an der amerikanischen Westküste groß geworden und seitdem für wilde Shows, große Anzüglichkeiten in Engelsstimme und einige ganz und gar fragwürdige Aktionen berühmt. Berühmt allerdings bei einem viel zu kleinen, wenn auch teils hochkarätig besetzten Publikum. Zum Beispiel Brian Eno, Genesis P-Orridge, Captain Beefheart, Jello Biafra, Peaches und angeblich auch Ozzy Osbourne samt Klan. Und klar - jetzt muss das ja so kommen - ich lasse zwar Berühmtheit vermissen, bin aber trotzdem ein großer Fan von Glen und es könnte mir nichts besseres einfallen, als auch Euch davon zu überzeugen, dass ihr es auch werdet. Aber wie um alles in der Welt soll man das anstellen? Die vielen Geschichten erzählen? Die tollen Lieder? Albumrezensionen? Es hilft alles nichts, Glen schenkt Euch ein paar MP3s, ich erzähl ein paar Anekdoten und am Schluss seid ihr alle total beeindruckt und kauft seine ersten Alben, die er bald remastert und auf CD auch in Europa veröffentlichen wird.
 

 
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title: Do Me
artist: Glen Meadmore
label: Pervertidora
length: 5:01
vom Album Chicken n Biscuits
MP3 (4.814MB) | WMA
   
 
 
  Und weil ja alles mit allem zusammenhängt (AHMAZ), muss die Geschichte mit FM4 anfangen, Genauer: dem Sumpf, in dem Fritz damals das "kranke Arschloch" Glen Meadmore vorstellte. Ich glaube, das waren seine Worte. Beeindruckt machte ich mich auf die Suche nach Glen, fand ihn, schrieb ihm, kurz darauf rief er einfach an: "Hi, doll." - und ich war hinüber. Glen ist unfassbar. Also wirklich unfassbar. Anzüglich, unverschämt, unberührbar naiv. Und das geile ist: seine Musik ist genau das. Schwer beeindruckt von Kraftwerk und Kinderliedern machte sich Glen dran, seine ganz persönliche Vorstellung von Musik zu verwirklichen. Repetitiv, schwuchtelig und eingängig, wie's nur geht. 1987 bringt er sein Debut "Chicken 'n Biscuits" raus. Darauf, mein Lieblingstitel: "Do Me", das es im Genesis P-Orridge Remix auf Glens Labelseite von Pervertidora zum Download gibt (links oben). Gleich ein Jahr später brachte Glen "Squaw Bread" heraus. Allein wegen "I teach you to steal my man" und dem famosen "I'm so glad I heard the story" ist's mein Glen-Lieblingsalbum. Es folgten Boned, Hot, Horny & Born Again und schließlich Cowboy Songs for little Hustlers, das von Steve Albini produziert wurde.
 

 
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title: Hog Tied, Cock Eyed
artist: Glen Meadmore
label: Pervertidora
length: 2:03
Vom Album Boned
MP3 (1.974MB) | WMA
   
 
 
Glen Meadmore
 
 
  Zwischendurch sorgt Glen für Aufsehen, als er sich einen abgehackten Hähnchenkopf auf der Bühne einführt und mitsamt Mudslide auf einen Zuhörer entlässt - als Kommentar auf die lasche artyfarty-avantgarde Szene in LA, sagt er. Glen spielt in diversen Filmen, darunter "White Hustler" von Rick Castro und Bruce LaBruce. Auf Konzerten wird ihm der Strom abgestellt, das Publikum droht im Prügel an und in Interviews hält er sich kaum zurück zu sagen, was er halt gerade sagen will. Im aktuellen Zoo Magazine zum Beispiel, wie er seinen "heißen Vater" durch Masturbation zum Sex überreden wollte, der jedoch wenig darauf reagierte. Sein Spiel mit seiner Christlichkeit bleibt rätselhaft. Interviewer: "Glen, seriously, you're a very forgiving lady." - Glen: "So was Jesus!" Meine Idee, Jesus für das Glory Hole zu danken, nimmt er gerade als Song auf, in wunderschönen Hymnen (eh ein Hobby von ihm), sieht er sein Ende kommen, freut sich auf den Himmel und preist den HERRn:"If God can save a nelly-assholed queen like me, just think what he can do for you!" (Yonder over there). Und als Freund Jan ihn fragte: "Would you fuck Jesus?" zeigt sich Glen mit zarter Stimme begeistern-entrüstet: "Who wouldn't?!"
 

 
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title: Yonder Over There
artist: Glen Meadmore
label: Pervertidora
length: 3:03
vom Album Hot, Horny & Born Again
MP3 (2.936MB) | WMA
   
 
 
  Aber bevor jetzt jemand schreit: man, billige Provokation. Langweilig! - so einfach ist das nicht. Und da komme ich vielleicht näher an Glen und seine Musik heran. Was an Glen provokant wirkt, ist seine ganz und gar nicht auf Schock ausgerichtete Herangehensweise: immer direkt, kein Tabu und aus vollem Herzen. Hauptsache nicht ernst nehmen und immer feste druff. Wenn er von den "Heaven Bells" sing, die uns begrüßen, wo es keinen Schmerz mehr gibt, wenn er eine Nebenbuhlerin bedroht, dann geschieht das mit theatralischer Geste und kindlichem Charme. Nie aber aus Bosheit oder weil er jemanden verletzen oder vorführen wollte. Glen lebte jahrelang mit einem alten Freund zusammen, der ihn belog, betrog und bestahl. Aber Glen mochte ihn und vergab, weil's das höchste ist.
Sein Leben scheint zwischen Einsamkeit und aufgedrehtem Wahnsinn zu pendeln, sein Geld verdient er in einem Limo-Service, seine Zeit verbringt er am Telefon. Seine einzige und große Liebe wohnt unendlich weit weg, Zärtlichkeiten bekommt er als Almosen - und mit neuer Musik sah es bis vor kurzem auch noch düster aus. Aber Glen ist geduldig und demütig - solange er keine Gitarre im Arm hält. Dann lässt er die Sau raus, rockt was das Zeug hält und ist dabei pure Freude. Und nach einem kleinen Wohnzimmerkonzert muss ich sagen: so anzüglich war's für mich noch nie, jemandem beim Singen zuzuhören. Und ich sage Euch: wenn alles klappt, dann kommt Glen nächstes Jahr nach Europa. Mit Band, mit seinen alten Liedern und großen Hymnen auf kleinen Bühnen. Und das solltet Ihr euch auf keinen Fall entgehen lassen. So, genug der blöden Anekdoten und Verweise - jetzt noch Eternal Love und dann muss ich ins Bett, in das Glen nicht passen würde. Er ist einfach zu groß. Ehrlich!
 
 
 
  Wer Glen Meadmore nicht mag, der mag auch das nicht:
Liebe, Hymnen
Sex & Vergebung
 
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