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Hamburg | 4.4.2006 | 22:03 
Verwirrungen zwischen Spielekultur und Nerdstuff

Gerlinde, HansWu, Grenzfurthner

 
 
Mein Fahrrad
  Im Sommer 1992 wurde ich dreizehn, entdeckte Mal wieder die Liebe und bekam zum Geburtstag ein neues Fahrrad geschenkt. Ich war also schon beinahe erwachsen. Ein kleiner Mensch auf einem viel zu großen Fahrrad. Lila und Blau, das Fahrrad. Strohblond und Sonnenbrandrot, ich. Innerhalb eines Sommers waren wir unzertrennlich. Auf dem Gepäckträger mit immer wilder werdenden Knüpftechniken die Umwelttasche verzurrt, in der linken Lenkerhand die Isomatte, rechts der Schlafsack fuhr ich von Freund zu Freund, von Zeltlager zu Zeltlager. Die 10 Kilometer in die Schule und die 100 Kilometer um den Bodensee, meist aber die paar hundert Meter bis an das nahe Ufer - mit Grillzeug, selbstgebastelten Sprengkörpern und einer Angel ausgerüstet. Auf meinem Fahrrad konnte ich rasen und gemütlich strampeln, die fünf Gänge funktionierten tadellos und die Luftpumpe brauchte ich eigentlich nie. Die Achsen brachen nicht, die Speichen waren gerade und stramm, der Spezialdynamo für 26 Mark machte Licht bei jeder kleinsten Bewegung. Mein Fahrrad, lila und blau war einfach überall mit dabei. Mit ihm fuhr ich zu meinem ersten Kuss, den zweiten erlebte ich gar auf ihm. Mit ihm fuhr ich vom Anlegesteg in den See, überfuhr in einem obskuren Unfall einen Motorradfahrer, brachte mein erstes Mal zu mir nach Hause und lies es mir in Marburg von einem Blinden klauen (der damit durch die ganze Stadt fuhr und erheblichen Schaden anrichtete).
 Das bin ich, aber nicht mein Fahrrad...
 
 
  Nächtlichen Sprühaktionen entfloh ich auf ihm genau so, wie den wütenden Jägern, wenn wir mal wieder im Wald Hochstände knackten. Und den bisher einzigen Faustschlag ins Gesicht empfang ich mit dem Fahrrad zwischen den Beinen. Ich fuhr mit ihm in reife Maisfelder und strampelte mir die wütende Luft aus den Lungen, wenn es mal wieder Streit gab. In meiner Bande übten wir Formationsfahren, nach dem Turnunterricht Akrobatik auf der Lenkerstange. Wenn der Platz knapp war, passten neben mir noch sieben junge Freunde aufs Rad (2 Vorderrad, 2 Hinterrad, einer Gepäckträger, einer Lenkstange, einer Mittelstange) und wenn ich allein war, dann fuhr ich mit Walkman und FM4 im Ohr vom vergeblichen Date bei Verena nach Hause. Das Fahrrad parkte vor verlassenen Häusern, verbrannten Autos und eiskalten Berghütten. Als ich einmal im Dunkel die Kette reparieren wollte, stach ich mir beinahe ein Auge aus und als meine Umwelttasche in die Speichen des Vorderrads kam, überschlug ich mich fürchterlich. Tschummtschumm und tschämmtschämm lernte ich Freihändigfahren mit der Luftgitarre, selbstgebaute Raketen verschoss ich aus der Lenkerstange. Alle drei Monate hatte ich eine andere Klingel und die Kette schmierte ich per Geheimrezept mit Caramba-Kriechöl. In der Werkzeugtasche war neben dem Maulschlüssel auch Angelhaken und die Überlebensausrüstung aus meinem Survivalmesser. Die Luftpumpe war längst abgesägt und zur blaue Flecken verteilenden Korkenkanone umfunktioniert. Im Rücklicht versteckte ich auf Radtouren Geld. Ich lernte durch schwingende Beine vorwärtszukommen und lenkte in Bandenkriegen meine Feinde ab, indem ich vom fahrenden Rad sprang, Unfug machte und wieder Aufsprang. Als meine Freunde und ich uns das erste Mal ohnmächtig drückten, stand mein Fahrrad daneben. Das erste Gras war im Lenker versteckt.

 So und nie anders!
 
 
  Mein Fahrrad war da, als ich 13 war, es erlebte mein Abitur, meinen Umzug nach Marburg und meinen Umzug nach Düsseldorf. Zusammen mit meinem Fahrrad erlebte ich meine Jugend - meine Jugend war das Fahrrad. Erst am See, dann in Marburg und sicherlich auch noch in Düsseldorf, als ich zu Arbeiten begann. Da war es mir längst zu klein, der Lack war brüchig und die Gangschaltung konnte nur noch bis zwei zählen. Ein paar Mal begleitete es mich noch in die Altstadt, ging mit mir nach Hause, wenn's mal wieder spät wurde. Aber meistens stand es vor dem Büro, weil ich meistens im Büro saß. Und dann wurde es mir eines hellichten Tages geklaut. Eigentlich hätte ich traurig sein müssen. Aber vielleicht war in dem Moment auch einfach meine Jugend vorbei.
 
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