fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Hamburg | 12.4.2006 | 17:55 
Verwirrungen zwischen Spielekultur und Nerdstuff

Gerlinde, HansWu, Grenzfurthner

 
 
The Knife im Maria am Ufer - 6. Apri 2006 // Intro Intim
  Eigentlich interessiert ja niemanden in Österreich, was in Berlin los ist. Schon gar nicht die Konzert-Szene. Aber, so dachte ich mir, The Knife geben nur ein einziges Konzert im deutschsprachigen Raum, nur fünf überhaupt - und ich als weltgrößter The Knife-Fan und beinahe Berliner muss die Botschaft heraustragen. Also ging ich auf Geheiß der deutschen Musikzeitschrift intro zum intro intim-Konzert von The Knife im Berliner Maria am Ufer, genau gegenüber vom Ostbahnhof. Ein recht angesagter Laden mit viel Platz und netten Leuten. Viel mehr Club als Konzerthalle. Vergleichbar vielleicht mit dem Flex. Und lasst Euch gesagt sein, ich war aufgeregt wie ein kleines Kind, hibbelig und mein Herz längst eine Steeldrum - denn eigentlich wollten The Knife ja gar nicht auftreten. Konzerte, so dachten sich Olof und Karin Dreijer, das geht nicht mit The Knife zusammen. Leute anschreien, Rockismus, gefüllte Hallen. Alles nicht The Knife. Und dann passiert es halt doch. Das Maria am Ufer, zum Bersten gepackt. Selbst der Türsteher: baff. Sind noch Karten auf der Gästeliste frei für seine beiden Freundinnen? Nein. Gibt's Bier, ohne eine halbe Stunde dafür anstehen zu müssen? Wohl eher nicht. Und wann geht's denn endlich los mit der Show. Und vor allem: was machen Karin und Olof gleich? Da auf der Bühne stehen und tanzen und ins Melodyne- oder Autotune verbesserte Micro singen: "I'm in love with your brother, what's his name?" Wohl nicht.
 The Knife machen Konzert
 
 
Mind is a razorblade
  Dann aber doch. Was sollen sie auch sonst machen? The Knife machen auf Kraftwerk und Scooter und Andre-Hellerism. Angebeamter Vorhang zwischen The Knife und dem Publikum, angebeamte Pappmascheeköpfe, rechts und links, Videoleinwand hintenrum. Praktisch kein Licht auf die beiden, nur wenn Olof pathetisch die Midi-Drumsticks schwingt oder sich Karin die weißen Handschuhe vom UV-Licht anstrahlen lässt, dann tut sich da was. Schwarze Skimasken, die nur Augen, Nase, Mund frei lassen, haben sie auch noch auf. Also volle Kanne bloß keine Identifikation zulassen und das heißt dann auch gern mal: runter von der Bühne, wenn das Lied auch ohne Protagonisten auskommt. Und, hmpf, wie soll man das alles nur finden. Hat sich die Reise gelohnt? Werden sich wohl auch Mike Skinner und Paul Smith von Maximo Park gefragt haben, die zusammen mit mehreren EasyJet-Ladungen Skandinaviern und Engländern extra für The Knife anreisten. Vielleicht denken sie sich ja: Spaß macht es ja schon ganz ungeheuer. Eher scheu wirken die beiden da auf der Bühne, mit ihren großen Manga-Skimaskenaugen, dem bisschen Licht und den beinahe unsicheren Bewegungen. Aber dann knallen die Lieder halt schon ganz ordentlich und wenn dann noch die Lichtanlage grün feuert und raverave, die Leute die Arme in die Höhe schleudern und extatisch zu "We share our Mother's Health" kreischen und jauchzen und bei "From off to on" beinahe rumheulen - vermutlich ist den meisten Gästen mit dem Knife-Konzert einfach nur ein kleiner Traum wahr geworden und dann geht es ja auch nicht mehr ganz um irgendwas wie Performance oder Größe oder so, sondern einfach nur noch: endlich Heartbeats im Club reingehauen zu bekommen, nachdem sich die DJs dieser Welt scheinbar gegen Knife-Play verschworen haben und José Gonzales eigentlich doch recht unerträglich aus Sex und Neonlicht ein wenig Schunkeldunkel machte.
 
 
 
And you danced / Oh what a dance
  Nach einer Stunde ist dann aber auch schon Schluss mit dem Spektakel, Karin und Olof gehen einfach von der Bühne und lassen das Publikum lange nach mehr schreien und pfeifen und johlen, aber dann geht schon das Licht an und der DJ spielt irgendwas und dann ist da plötzlich nicht mehr so viel übrig vom Konzert. Dabei hätten sie es sich noch richtig einfach und spaßig machen können, wenn sie einfach ein paar Hits mehr gespielt hätten und vor allem: länger, länger, länger! Es wäre ja schon toll gewesen, wenn nicht "Pass this on" den Anfang gemacht hätte, das ziemlich kraftlos rüberkam und auch nicht sofort Publikums Aufmerksamkeit bannen konnte. Vielleicht, mögen sie gedacht haben, passt das nicht ins düstere Konzept. Wir hier, das Publikum da. Dazwischen tropft Projektor-Blut über den Vorhang, vergiss den Rock und den Rave, wir machen mal ein wenig drauf los und hoffen, dass wir nicht weiter gebraucht werden. Sie mögen befürchtet haben, dass aus ihrem Haunted House (Pitchfork) doch nur Krimes werden kann auf der Bühne - hätten sie mal lieber auf sich selbst gehört oder mehr Spaß gehabt. Auch wenn's an kleinen Gesten nicht mangelte, The Knife glauben halt einfach nicht an die Musik zur Geste, sondern nur von der Musik als Geste und die braucht bei ihnen bloß kein Konzert, sondern viel eher den Kopfhörer oder den leeren Club. Den The Knife sind vor allem Sehnsucht und nicht Erfüllung und deswegen wohl auch weniger Konzert als Einsamkeit.

 Links Olof rechts Rickard Engfors
 
 
Tar Heart
  // Und wer dann trotzdem The Knife mit großer Show mal sehen will, der muss vielleicht noch ein wenig auf die völlig unbekannten "Zeigeist" (ohne t) warten, die mit "DawnNight" und "Tar Heart" die Deep Cuts-Hits von The Knife dreist und einfach weiterschreiben und bis jetzt in Göteborg live auch scheinbar ganz schön in Richtung Fisherspooner losgesten. Auf ihrem MySpace-Profil oder im Blog eines Freundes gibt's ihre Songs.
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick