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Hamburg | 7.7.2007 | 21:07 
Verwirrungen zwischen Spielekultur und Nerdstuff

Gerlinde, HansWu, Grenzfurthner

 
 
Live Earth - Aufstand für gegen die Menschen
  Karneval der Kulturen, Love Parade, Christopher Street Day, Fasching. Paraden jagen mir Angst und Schrecken ein. Ich dachte lange, das läge daran, dass es mir einfach zu doof sei. Aber es ist ja ganz anders. Rostock, Proteste gegen Studiengebühren, Warten in der Busschlange. Alles ganz furchtbar. Und jetzt, bei Live Earth ist es mir zum ersten Mal klar geworden. Das dient alles der Identitätsbildung über die und in der Gruppe. Und damit ist es protofaschistisch. Aber Live Earth ist noch mehr: messianisch! Also noch viel mehr und ganz abscheulich.
 Menschen schauen Menschen auf die Finger.
 
 
  So, große Worte zunächst. Jetzt aber der Reihe nach. Live Earth soll - so die Website - zwei Milliarden Leute mithilfe über hundert Musiker dazu bringen, die Klimakrise zu bewältigen. Großes Schreckgespenst. Klimakrise. Aber geht es wirklich darum? Ich denke nein. Die Klimakrise soll der Weltuntergang sein. Und da sollte man hellhörig werden. Die Klimakrise als menschgemachter Weltuntergang. Der Mensch, der sich gegen irgendeine Natur stellt, deren Teil er nicht ist, sondern deren Widersacher oder Beschützer. Klimaschutz als Gottesauftrag? Oder nicht vielleicht Klimaschutz als Widerstand gegen die Widernatürlichkeit des Menschen, der sich ganz undemütig der Götter entledigen und deren Werk zerstören will. Woher nimmt der Mensch überhaupt die Macht, einen ganzen Planeten zerstören zu können.
 
 
 
  Das Klimaschutz-Spektakel ist eine quasi-religiöser Aufstand gegen den Menschen an sich, der sich gegen irgendein Gesetz stellt. Ja, sich sogar über es erhebt. Der Mensch darf das nicht: die Erde kaputt machen. Von den Kindern geliehen und so. Als ob es etwas Höheres gäbe, vor dem der Mensch demütig zu sein habe. Und wenn einer ruft: Weltuntergang, dann ist das ein Gedanke, dem sich viele gerne anschließen. Zumal in einer Welt, in der ja sonst nichts mehr wert ist. Wo man ja noch nicht mal auf seine eigene Nation, sein Volk stolz sein darf. Oder auf seine Rasse oder sein biologisches Geschlecht. Jaja. Al Gore also ein Messias, der den Weltuntergang verkündet. Wer das Licht gesehen hat, der hat Angst und ruft selber: Weltuntergang! Hört ihr es denn nicht, seht ihr es denn nicht? Der Mensch macht die Welt kaputt!. Wer so spricht, der kann nur drauf hoffen, dass sie wirklich untergeht, die Welt - oder: der Mensch.
 
 
 
  Die Immanentisierung des Eschatons also - die ständige Existenz der Apokalypse und des darauf folgenden Jüngsten Gerichts im Bewusstsein. Und das ist das große Paradoxon des eifrigen Klimaschutzes. Man muss dagegen sein und zugleich darauf hoffen, dass es auch passiert. Dann hat man recht. War alles es wert. Danach kann man sagen: Ich hab es doch gesagt - und besteht vor dem Jüngsten Gericht. Und alle anderen werden vergangen sein und brennen für alle Ewigkeit im Klimaerwärmung Fegefeuer.
 
 
 
  Soweit und nur kurz dazu. Deswegen mag ich die Botschaft des Live Earth nicht - weil es geht gar nicht ums Klima. Es geht gegen den freien Menschen, der sich gegen etwas stellt, das angeblich höher als er ist. Viel eher sollte er im Verständnis der Eifrigen FÜR das Höhere sein. Aber wenn es etwas Höheres als den Menschen gibt, dann ist der Mensch nichts mehr, dann ist das Individuum nichts mehr und dann sind wir wieder beim Faschismus.
 
 
 
  Weitere Paradoxie an der Geschichte - und Paradoxie des Faschismus: Sich in einer Gruppe einzugliedern schafft endlich Identität. Aufgabe der Individualität und Annahme der Gruppenidentität. Live Earth & Rostock sind die großen Messen, in denen identitäres Gehabe einstudiert und gefestigt wird. Und die Prediger sind die Musiker und Veranstalter und letzten Endes jeder Besucher, der zurück kehrt und seinen faulen Freunden erzählt: Seht, ich mache etwas. Ich bin etwas. Ihr seid alle Feinde der höheren Macht - und ihr werdet alle elendig brennen. Schön: In Hamburg kamen nur ein paar Tausend Besucher zum Konzert, wahrscheinlich weil es regnete und deswegen das Höllenfeuer so fern. Außerdem war ja auch Schlagermove. Eine ganz schön widerwärtige Parade des billigen Spaßes im superfluffi Retro-Kostüm. Bunte Pullover, Blume im Haar - siebzehn Jahr, blondes Haar. Die haben aber wenigstens kein ernstes Anliegen wie Live Earth. Und komme mir ja niemand mit: Ach, übertreib doch nicht. Live Earth ist doch ein harmloses Spektakel mit ein paar netten Bands und gut gemeint ist es doch auch.
 
 
 
  Da denk ich mir: Von wegen! Das ist weder gut noch gut gemeint. Selbst gnädig von der Kritik oben abweichend heißt Klimaschutz für mich immer noch: Konservierung. Und zwar Konservierung eines nordhemisphärischen Lebenstils, der EH schon - jetzt wieder mit oben gesprochen - sündig ist. Wir haben schon gesündigt, so viel kaputt gemacht, sollen es die anderen lieber erst gar nicht so weit schaffen. Schützen wir sie vor sich selbst und uns gleich mit - und dass wir sie dabei ihrer Freiheit berauben und uns sogar noch nordhemisphärisch arrogant über sie stellen - aber was sage ich. Was hier Klimaschutz heißt, heißt auch: Wir, die haha, westlichen, haha, Nationen haben eh schon eine tolle Effizienz, sparen überall Energie, um Geld zu sparen, und fahren mit dem Auto nur noch lange Strecken (und mit dem Flieger kurze). Und drunten in China und in den ganzen Entwicklungsländern, da ist es ja eh noch viel schlimmer. Dusch ich halt eine Minute weniger am Tag, dann bin ich immer noch sauber, vor allem im Gewissen.
 
 
 
  Ja, merkt ihr's denn nicht? Das ist nicht Klimaschutz, das ist Selbstverarsche und das Beschneiden der Chancen anderer Menschen, ein ähnliches industrielles Niveau wie wir zu erreichen - OHNE dass wir unseres ändern müssten. Eine andere Welt ist möglich? Ha, natürlich. Und deswegen muss sie ja auf jeden Fall verhindert werden! Wer Wasser spart, spart nämlich gar nichts. Außer den Gedanken an all die anderen Dinge, die man nur schmerzlich sich ersparen könnte. Und dann - Live Earth in Hamburg - der schreckliche Anti-Amerikanismus. Und einer von ihnen selber steht dann noch vorne dran. Dann kann es ja gar nicht so schlecht sein, gegen Amerika zu sein. Das ist alles so blöd, dass man es gar nicht aufschreiben müsste. Das Live Earth-Spektakel ist eine Arche Noah derer, die erhalten wollen, was ihnen nützt und alles andere gern in irgendwelchen Überschwemmungen hinweggespült sähen.
 
 
 
  Und und und - so viel Erbärmliches. Und wenn ich oben schrieb, dass es weder gut gemeint noch gut sei, so muss ich doch wiederholen: Es geht hier nicht um Inhalte. Dass die Dekonstruktion der Inhalte so einfach geht, liegt einfach daran, dass solche Veranstaltungen jenseits der Inhalte funktionieren. Und das ist wieder so trivial, dass es eigentlich gar nicht erwähnt werden müsste - wenn nicht die Diskussionen ständig wieder auf die Inhalte zurück kämen. Aber die Inhalte sind nur die Maskerade, hinter der Abgründe lauern: Sehnsucht nach Geborgenheit, Angst vor Veränderung, immernoch der Gottkomplex. Religion ist der Umgang mit dem Tod. Rostock, Fasching, Live Earth ist der Umgang mit der eigenen Nichtigkeit. Die Aufwertung der eigenen Nichtigkeit durch die Ewigkeit - durch mehr des selben. Und da ist das Spiegelbild die Anmaßung, dass der Mensch irgendetwas in der Hand hätte, über dem er also steht. Solchen Leuten werden meine zukünftigen Kinder die Erde nicht ausleihen.
 
 
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