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Hamburg | 4.12.2008 | 17:25 
Verwirrungen zwischen Spielekultur und Nerdstuff

Gerlinde, HansWu, Grenzfurthner

 
 
Decemberlist, Vier: Running Water
  Running Water saß im Imbiß-International an der Ecke Susannenstraße/Schulterblatt, trank viel zu viel Bier, ließ sich auf Schnapps einladen und gröhlte mit seiner unglaublichen Stimme jedesmal das selbe Lied auf zwei Akkorden und einer halben Gitarre, wenn ein Mädchen die Dönerbude betrat. Running Water war zwei Sommer lang eine Konstante meines Hamburger Kneipenlebens. Zwischen Thier und Le Fonque machten wir oft noch einen Abstecher zu "Run". Er saß dann da: Schwimmbrille auf dem Hut, die mit Gaffa reparierte Gitarre an der Wand, immer zwei Dosen Bier und eine kleine Schnappsflasche vor sich. Run sang, trank und erzählte. Von Kingston wo er am 11. Mai 1953 auf Jamaika geboren wurde, von seinem Vater, der in Südwest-London der Priester einer Methodistenkirche war, von seinem eigenen Restaurant, das er in Brixton aufmachte.
 Flyer für eines der letzten Konzerte von Running Water.
 
 
Abbey-Road, Peel, Top of the Pops
  Aber auch von seinen Aufnahmen in den Abbey-Road-Studios, den beiden Peel-Sessions, von dem Geld, das seine Plattenfirma ihm noch schulde, von seinem Auftritt bei Top of the Pops. Von der TV-Show, deren Titelmelodie er schrieb, von dem Film, dessen Hauptdarsteller er war. Es war schwer, ihm all da zu glauben: Run war ein Gestrandeter, ein Absturz. Einer, all dessen Weisheit nur vor ihm selbst halt machte. Aber Run war eben auch charismatisch. Einer, der einem tief ins Herz blicken, der Mut machen konnte. Selbst wenn er wieder von gestern erzählte: Blut gepisst, fast gestorben. Das ging oft so. Manchmal holte seine Freundin, die Taxifahrerin, ihn von solchen Gesprächen ab. Run machte dann das Zeichen, Faust an Faust, zurrte die Schwimmbrille zurecht und steckte sich noch einen Schnapps ein.
 
 
 
Aus den Charts auf die Straße
  Irgendwann kam Run nach so einem Abend nicht mehr ins Imbiß International. Ein paar Jahre vergingen, der Imbiß war längst abgerissen, da sah ihn ein Freund zufällig in London: Mit Schwimmbrille, Bier in der Tasche, der zerbrochenen Gitarre streifte Run durch die Straße auf der Suche nach etwas Kleingeld. Dreißig Jahre zuvor feierte Run hier als Sänger der Reggae-Band Matumbi große Erfolge. Matumbi war eine der ersten und gilt wohl auch als eine der bekanntesten Reggae-Bands des Vereinigten Königreichs. Runs Mitspieler Dennis Bovell konnte sich nach dem Ende von Matumbi als Reggae-Produzent etablieren. Für Run kam der Absturz. Schon kurz nach dem Bandende bestritt er seinen Lebensunterhalt nur noch als Straßenmusiker, klampfte sich durch die London Underground. Wahrscheinlich fand auch damals der Alkohol zu ihm. 1994 spielt er in dem Dokumentar-Spielfilm "A Busker's Odysee" für Channel 4 die Hauptrolle - und dient selbst als Vorlage des angeblich fiktiven Straßenmusikers auf Heilsmission. Musikalisch war 2001 dann endlich ein Lichtblick: Anthony Hall, ein Anwalt im Musikbusiness spricht Running Water auf der Straße an. Hall hatte gerade erst sein Indielabel Pure Mint eröffnet, will nun mit Run eine Platte produzieren. Zu dem Plan stößt Runs Freund Frank "Firewater" Schittenhelm. Running Water hat eine neue Band: Fire and Water.

 Matumbi, legendäre Reggae-Band von Running Water und Dennis Bovell
 
 
  Was daraus wurde? Ich weiß es nicht, das ging alles an mir vorüber. Ich kannte nur den Running Water aus dem Imbiß International. Erst im Juli dieses Jahres erreichte mich die Nachricht, dass Lannie Glenmore "Bevin" Fagan bereits am 2. April 2008 in seiner Wohnung in London einem Herzinfarkt erlegen ist. Der Guardian widmete ihm damals
einen Nachruf
, auch Times Online. Erst dadurch erfuhr ich, wer Running Water einmal war. Nämlich genau der, für den er sich immer ausgab.

 Running Water (r) im Imbiß International im Hamburger Schanzenviertel
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  Kondolenz-Website für Bevin "Running Water" Fagan

Tribut-Video für Running Water
   
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