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Europa | 28.1.2005 | 21:23 
Tektonische Tellerrandverschiebungen, wechselnde Weltveränderungen und zarte Zivilisationskritik

Farkas, Andreas

 
 
Militärische Lächerlichkeit
  Auf dem Weg zum Exerzierplatz finden wir ein paar hundert Gewehre am Boden. In Abständen und Zweierreihe liegen die da wie zum Trocknen, einfach so im glühenden Sand. Wir witzeln, ob die Soldaten wohl alle drüberhopsen müssen.

Ob die Teile überhaupt geladen waren, frage ich mich später.
Das sich ringsum zur Parade versammelnde Publikum ist durch die frei zugängliche Waffenmenge nämlich keineswegs beunruhigt. Es herrschen mittelmäßige Feiertagsstimmung und 35 Grad im Schatten, hier in der trockenen Distrikthauptstadt Arua, im äußersten Nordwesten Ugandas.
 
 
 
 
 
  Es ist NRM Day, neben dem Independence Day im Oktober, an dem es aus Ermangelung einer historischen Unabhängigkeitsbewegung eigentlich nicht allzuviel zu gedenken gibt, der tollere Staatsfeiertag.

Der Start des Spektakels verzögert sich eine geraume Stunde lang, Kleinkinder trappeln über den Exerzierplatz und die perkussionslastige Blaskapelle bringt eine fidele Generalprobe ihres Repertoires bis endlich die 'guests of honour' majestätisch eintrudeln: der Herr Vorsitzende des Distriktparlaments, der Herr Repräsentant der Zentralregierung im Distrikt und ein ansässiger Armeegeneral.

Gedacht wird heute der siegreichen Eroberung der Hauptstadt durch die Rebellen der National Resistance Army im Jahre 1986, mit der ein fünfjähriger Bürgerkrieg beendet und die schlimmsten Kapitel der ugandischen Geschichte abgeschlossen wurden.
 
 
 
  Endlich marschieren jetzt die Kader mit rattertatam! aufs Spielfeld: zwei Einheiten der offiziellen Uganda's People's Defence Forces, überaus jugendlich und befleckt, gefolgt von fünf verschiedenen Militär- und Polizeieinheiten in ocker-beige-grau, sogar die private Sicherheitsfirma Securiko in dunkelblau darf heute mitmachen.

In erster Linie sind es bunte Hosen, rhythmisch heranrückende WaffenträgerInnen im Massenpartnerlook, ein beeindruckendes Bügelfaltenballett, komplette Menschenordnung gewürzt mit schrillen Kommandoschreien als vulgäre Brechung.

Ich muss an unser altes Schulsportfest in der Krieau denken, als die Truppen beifallheischend ihre Runden ziehen, der Kommentator die entsprechenden Bezeichnungen durch die Lautsprecher spricht und die Kommandanten aus voller Kehle über den Platz rufen.
 
 
 
  Nach der Einmarschzeremonie müssen die bemitleidenswerten Uniformierten ein paar Stunden in der prallen Mittagssonne strammstehen. Damit ihnen nicht fad wird, gibt es leichte Leibesübungen, die auf Anweisung synchron auszuführen sind. Man kennt so etwas ja, aber es hat schon eine erschreckende Qualität, sich so ein Exerzitium aufmerksam reinzuziehen.

Wenn der offensichtlich Vorgesetzte scheinbar mit aller Wut und Verachtung sein Kommando brüllt, daraufhin prompt einpaar hundert Gestalten sich mechanisch an die Mütze greifen - was für ein Geräusch! - und nach dem nächsten Wutausbruch alle Arme seitlich zurück an die Oberschenkel klappen - Ffflappp! - ensteht Faszination.

Die Darbietung demonstriert Macht über gehorsame Körper, deren absolute roboterhafte Verfügbarkeit, durch die monotone Wiederholung des stumpfen Selbstzwecks Befehlsausführung aber auch vollständige Bewusstlosigkeit.

Zur Abwechslung küssen die Kommandanten mit todesmutigem Blick den Knauf ihres erhobenen Säbels, der zackig zur Brust und wieder weggestreckt wird, wenn das Kommando dem nächsten übergeben wird. (Jeder Kommandant darf einmal selbst das Experiment durchführen.)
 
 
 
  Bemerkenswert ist, dass das bunte Zivilvolk, das gelassen im Schatten der Mangobäume zusieht, die Veranstaltung als das durchschaut, was sie wohl unbeabsichtigt auch ist: eine unterhaltsame Parade der Lächerlichkeit.

Wenn ein Kommandant wie übergeschnappt schreit oder wie Rumpelstilzchen auf der Erde herumstampft, braust heiteres Gelächter auf. Als die trötende Blaskapelle für die zweite Runde einen flotten Dixie einlegt und die Soldaten mit verrenktem Hals im Stechschritt über den Sand humpeln als hätten sie sich in die Hosen geschissen, biegt sich die Menge vor Lachen!

Eine wohlgenährte Mama im traditionellen Kostüm salutiert sogar mit persiflierender Zackigkeit vor dem am Rande des Spielfelds abgestellten Wachebeamten und erntet dafür mehr Gelächter, Jubel und Applaus als die zwei Ehrengäste nach ihren emphatischen Ansprachen, in denen sie jeweils dem Präsidenten gratulieren und sich für eine Verfassungsänderung zur Verlängerung seiner Amtszeit aussprechen. Im Nordwesten Ugandas hat es noch nie eine Mehrheit für den Präsidenten gegeben und so fällt auch heute der Applaus peinlich verhalten aus.
 
 
 
  Der Respekt vor dem Militär dürfte sich in dieser Gesellschaft, die dermaßen darunter gelitten hat, zumindest gewandelt haben. Bis heute hat die Armee in Uganda eine besondere Rolle.

So wurden vor zwei Monaten Parlamentsabgeordnete der Oppostition auf dem Weg in ihre Wahlkreise von der Armee aufgehalten und verdroschen.

Teilen der Armee wird außerdem nachgesagt sich im Krieg gegen die LRA durch Sonderzulagen unverhältnismäßig zu bereichern. Zuletzt drohten ranghohe Armeeangehörige dem internationalen Verhandlungsteam, in dem auch Regierungsvertreter eine Lösung mit den LRA-Rebellen herzustellen versuchen, sich nur ja nicht mehr unangemeldet mit Rebellenvertretern zu treffen.
 
 
 
 
 
  Nach drei Stunden ziehen die Soldaten mit Pauken und Trompeten aus der Arena, die Veranstaltung löst sich auf. Wir machen eine Umfrage, was denn die größten Errungenschaften aus 19 Jahren NRM-Regierung seien und den Leuten fällt doch einiges ein: Straßen wurden asphaltiert, es gibt Demokratie und gratis Primärschule für alle und Frauenförderung hat zu Emanzipation und Ministerinnen geführt.

Aber als wir Soldaten fragen, sagen sie uns, sie wissen nichts und genau den Eindruckt machen sie auch.
 
 
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