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Europa | 29.12.2005 | 20:58 
Tektonische Tellerrandverschiebungen, wechselnde Weltveränderungen und zarte Zivilisationskritik

Farkas, Andreas

 
 
Immer wenn ich ...
  ... in Afrika Silvester feiern will, ziert sich das neue Jahr damit, wirklich anzufangen.
Das ist hauptsächlich wegen der mangelnden Uhrengenauigkeit, die man in dieser Region unter anderem bemängeln kann.

Statt einen präzisen gibt es mehrere spontan-fiktive Count-down-hurras, die nacheinander das neue Jahr begrüßen und man weiß nie ob es tatsächlich "schon soweit ist".
 
 
 
  Wie aus allem, was mir widerfahren ist, lerne ich auch daraus mehr über mich selbst als über das, was Afrika sein könnte: in diesem Fall bin ich ein Sekunden-Fetischist.

 
 
 
Nachrichtenchef Ernest kommt gerade ins Studio und sagt zu Father Tonino: "It is Ratzinger."
 
 
death is not the end
  Am katholischen Radiosender, wo ich 2005 beherbergt war, hatten wir gerade die Fastenzeit und das allerhöchste Fest im Jahreskreis, das Wunder der Auferstehung, bewältigt, da strömten die Gerüchte ein, Johannes Paul II sei seinem Ende nah.

Seit Jahren hatten dafür zuständige Leute kleine bunte Bildchen, Portraits des Papstes, in Umlauf gebracht, die jedoch aus einer anderen Zeit stammten und ihn praktisch als jungen feschen Mann erscheinen ließen. Der Schock über seinen Tod war dann entsprechend heftig.
 
 
 
  Ob es viel half am Radio zu erklären, dass es ja nicht so schlimm sei, schließlich beginne für ihn nun das ewige Leben, er sei ja heimgekehrt zu seinem Vater, weiß ich nicht. Die christliche Glaubenslehre, dass der Tod kein Unglück, kein Ende, sondern Erlösung bedeuten kann, ist in Uganda nicht seit Jahrhunderten verankert.
 
 
 
  Der Jubel über Ratzinger hingegen war dann bei den heimischen Christen größer als bei den ausländischen Missionaren. Man freute sich darauf, dass Papst Benedikt in der Kirche aufräumen werde. "He is going to set things straight!"

 
 
 
Mitglieder des Seniorenverbandes der Pfarre Ediofe hören sich Volkslieder an, die wir davor mit ihnen aufgenommen haben.
 
 
wo anders is a ned anders
  Stereotype Vorstellungen verabschieden ist ja das Betörendste daran, wenn man sich ein Jahr woanders aufhalten kann. In den ersten Wochen und Monaten meines Afrikaaufenthalts habe ich von dieser Möglichkeit allerdings noch wenig Gebrauch gemacht, zu viele Bilder vom Wilden/ Ursprünglichen/ Magischen/ ..., die ich aus Europa mitgenommen hatte, warteten darauf bestätigt zu werden. Ich hörte dann irgendwann unbewusst auf, danach zu suchen.
 
 
 
  Meist erzählte ich ungefragt, dass ich aus Austria komme, worauf ich auf Metternich und den Wiener Kongress angesprochen wurde. Das Vorurteil, dass ich - wie alle Weißen in Afrika - steinreich sein müsste, konnte ich nur schwer entkräften. Es war dann aber doch kein wirkliches Hindernis dafür, über andere Dinge zu diskutieren, wie ich zuerst befürchtet hatte.

Kulturelle Unterschiede erscheinen als Angewohnheiten, über die man sich hinweg verständigen kann, wenn das ein ernstes Anliegen ist. Trotzdem musste ich bei Gesprächen mit Freunden über Demokratie oder Hexenzauber aufpassen, nicht sehr schnell überheblich zu wirken.

 
 
 
Ein Uhrenverkäufer am zentralen Busbahnhof in Kampala.
 
 
Kritik ist Luxus
  In Uganda stehen seit über 40 Jahren erstmals wieder freie Wahlen mit einem Mehrparteiensystem bevor. Mit einer Verfassungsänderung hat sich auch der amtierende Präsident darauf vorbereitet: eine Begrenzung der Anzahl von möglichen Amtszeiten wurde gestrichen, er darf also wieder gewählt werden.
 
 
 
  Nach dem Sommer kam dann der ehemalige Leibarzt des Präsidenten, sein Herausforderer in den letzten Präsidentschaftswahlen und Chef der größten Oppositionspartei zurück aus dem südafrikanischen Exil. Er wollte sich für die kommenden Wahlen im März als Kandidat registrieren lassen. Ein Verkehrschaos in der Hauptstadt und Euphorie unter seinen Anhängern im ganzen Land waren die Folge.
 
 
 
  Mitte November wurde der Oppositionschef verhaftet: Landesverrat und Vergewaltigung lautet die Anklage. Die wenigsten glauben daran, dass die Wahlen zu einer politischen Stabilisierung des Landes führen werden.


 Ein Oppositionschef in Siegespose und Handschellen
 
 
 
 
  Einige Zeit auf einem anderen Erdteil zu leben, hat auch den Effekt, dass der Blick auf den eigenen Erdteil sich verändert. Wenn man länger weg ist, kann man allerdings auch den einen oder anderen Veränderungsprozess zuhause versäumen.

Beispielsweise wüsste ich nicht zu sagen, ob die liebe Verdrießlichkeit der wiener Bevölkerung ihre ureigenste Spezialität ist, oder hat sich 2005 tatsächlich die Laune verschlechtert?
(Wobei, seit Weihnachten sehe ich lauter herzliche Leute.)
 
 
 
  Letztes Silvester habe ich in einem Radiostudio verbracht. Unter den Studiogästen waren alte Schulfreunde des Djs, Verwandte und Bekannte der HörspielproduzentInnen und ModeratorInnen, VertreterInnen der drei größten Sprachgruppen, außerdem Kongolesen, Belgier und Österreicher. Neben der Party im On Air-Studio waren die Weggeh-Alternativen im näheren Umkreis nämlich nicht so vielfältig.
 
 
 
  Wir hatten uns vorgenommen, Radiogeschichte zu schreiben und als erster Sender der Region die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen und dann weiter auszustrahlen! Ausreichend Diesel war im Tank und eine angemessene Anzahl heimischer Braugetränke lag gekühlt im Kondenswasser der Klimaanlage.

Wir riefen 2005 zu einem Zeitpunkt aus, der uns dramaturgisch geeignet erschien, jeder normale Mensch war sowieso schon längst im Bett.

 
 
 
 
 
  Ich wünsche dir, dass du auch 2006 weitere Heimaten findest, wo immer du bist.
 
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