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Europa | 3.5.2006 | 08:33 
Tektonische Tellerrandverschiebungen, wechselnde Weltveränderungen und zarte Zivilisationskritik

Farkas, Andreas

 
 
hidden histories...
  Während Salzburgs fürstbischöflicher Hofkomponist Leopold M. seinem vierjährigen Sohn ersten Klavierunterricht erteilt, führt die Westafrikanerin Queen Cubah eine Revolte von versklavten Afrikanerinnen in Jamaika an.
 
 
 
  Auf der Reise von Amsterdam nach Paris verfasst das zehnjährige "Wolferl" bereits erste Sonaten für Klavier und Violine als in Wien der kaiserliche Jagdpark Prater erstmals für nicht-Adelige öffnet und am selben Tag 102 schwule Männer aufgegriffen, verhaftet und verurteilt werden.
Ein Jahr später wird "Ketzerei" aus dem Strafgesetzbuch der Habsburgermonarchie gestrichen und Mozarts Familie flüchtet wegen einer Pockenepidemie von Wien nach Brünn.
 
 
 
...gotta be told
  Maria Theresia verbietet Ehen zwischen Roma und verfügt, dass alle Roma-Kinder über 5 Jahre aus ihren Familien entfernt und zu ungarischen Bauern gebracht werden, zur "Umerziehung" zu "gehorsamen, arbeitsamen Menschen". Im selben Jahr komponiert der 17 jährige Mozart sein erstes Klavierkonzert und die 19 jährige Phillis Wheatley veröffentlicht als erste Afrikanerin ein Buch in Europa: Poems on Various Subjects, Religious and Moral.
 
 
 
let it be known
  Was wir von der Vergangenheit zu wissen glauben, setzt sich oft aus überlieferten Heldenmythen, glorreichen Siegergeschichten und staatlich kommissionierten Schulbüchern zusammen.

Mächtige, historisch gewachsene Geschichtsbilder und geografische Karten bestimmen Zeit und Raum und wirken auf Gegenwart und Zukunft. Viele Perspektiven werden dabei ausgeblendet, verdrängt und negiert.

Solche verborgenen Geschichten werden in dem vierteiligen Ausstellungsprojekt remapping mozart aus der Position von handelnden Subjekten recherchiert und erzählt.

Einer gewaltvollen Geschichte der Konstruktion von "Anderen" und von "Andersartigkeit" wird so eine eigene Geschichte mit eigenen Lebensrealitäten und Überlebensstrategien entgegengesetzt.

Einbahnstraße

Arbeiten und Projekte von Martin Krenn
Galerie Vor Ort
Wohlmutstrasse 14-16, 1020 Wien

Eröffnung: 11. Mai 2006, 19 Uhr
Dauer: 12. Mai bis 10. Juni 2006
 
 
  "Es ist nicht so, dass wir nicht schon immer hier gewesen wären, seit es ein Hier gab. Es ist so, dass die Buchstaben unserer Namen durcheinander geworfen wurden, wenn nicht gar völlig ausgelöscht, unsere Fingerabdrücke an den Hebeln der Geschichte hat man als flüchtige Berührung von Vögeln bezeichnet."
Marion Kraft / Rukhsana Shamim Ashraf-Khan in memoriam Audre Lorde

Angelo Soliman wurde in Nordnigeria geboren, fiel im Alter von sieben jahren Sklavenhändlern in die Hände und wurde nach Europa verschleppt. Er landete als Hofdiener in Wien, wo er als Schachmeister und in sechs Sprachen parlierend gewisse Anerkennung errang. Freimaurerischer Logenbruder Mozarts, verheiratet, eine Tochter: Josephine. Er starb 1796 als Wiener Bürger und kaiserlicher Offizier. Nach seinem Tod wurde er ausgestopft und halbnackt in exotischen Kleidern neben ausgestopften Tieren in tropischer Kulisse des k. u. k. Hof-Naturalienkabinetts zur Schau gestellt.
 Angelo Soliman
(1721 - 1796)
Logenbruder Mozarts
 
 
Im Rahmen von remapping mozart drehte sich eine Tasse mit der Darstellung des afrofranzösischen Komponisten und Direktors der Pariser Oper Joseph Boulogne(1745 - 1799). Bei einem Konzertabend in memoriam Sheibane Wague wird ein Teil seines Werks neu aufgeführt werden.
 
 
Wer alles zu verlieren hat, muss alles wagen!
  Unter diesem Motto der Entführung aus dem Serail thematisierte die erste Ausstellung des Projekts rassistische Stereotype seit der Aufklärung. Wie z.B. orientalische, exotisierte und sexualisierte Darstellungen nicht-europäischer Opernfiguren zur Konstruktion des "absolut aufgeklärten" (weißen, männlichen) bürgerlichen Selbst beitragen konnten.

Dem gegenübergestellt wurden u.a. die Ergebnisse der Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte in Form eines Hiphop-Videoclips.

*Die meisten Afrikaner in Wien arbeiteten als Läufer, sie mussten den Kutschen ihrer Dienstherren vorauseilen, um ihnen in den engen Gassen Platz zu machen.

 aus dem Musikvideo let it be known:
"most brothers were runners* while sisters forced to work as maids..."
 
 
Frisch zum Kampfe! Frisch zum Streite!
  So lautet die zweite Ausstellung, die im Wiener Stuwerviertel von Herrschaftstechniken wie Regulierungen und Ausschlüssen, aber auch Rebellionen handeln soll.

Von den Toleranzpatenten Josephs II und den Entwürfen der "Polizeywissenschaften" von Joseph von Sonnenfels (ein weiterer freimaurischer Logenbruder Mozarts) spannt sich ein Bogen bis zu aktuellen Ordungspolitiken und Ausgrenzungsmethoden, die nicht zuletzt von den BewohnerInnen des Stuwerviertels täglich erduldet werden müssen.

Welcher Art die künstlerischen Interventionsformen und Gegengeschichtsschreibungen sind, die sich im ganzen Stadtviertel einnisten, kann vor Ort bis 11. Juni bei freiem Eintritt erfahren werden.

 
 
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  remapping mozart - program
   
 
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