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Europa | 15.7.2006 | 16:44 
Tektonische Tellerrandverschiebungen, wechselnde Weltveränderungen und zarte Zivilisationskritik

Farkas, Andreas

 
 
Let it be known
  Vor genau drei Jahren kam der Atomphysiker Sheibane Wague durch einen Einsatz von Polizei und Rettung im Wiener Stadtpark zu Tode.

Rassistische Polizeigewalt gehört in Österreich auch seither genauso wenig der Vergangenheit an wie Aufrufe zum Töten schwarzer Menschen, die auf Häuserwände geschmiert sind.

In der Öffentlichkeit dominieren Bilder von schwarzen Menschen als kriminelle Objekte. Dazu kommen die allgegenwärtigen Bilder der Werbung, die schwarze Menschen exotisieren und zu sexualisierten Objekten machen.

Was aber allzu oft unsichtbar bleibt, ist die Perspektive schwarzer Menschen auf ihre eigene Geschichte.
Dass es diese Geschichte gibt, dass es schwarze Menschen in Österreich seit Jahrhunderten gibt, hat eine Gruppe junger schwarzer Österreicher im Rahmen des Wiener Mozartjahres recherchiert.
 
 
 
  "Um nach oben zu kommen, müssen wir uns unglaublich stark nach oben pressen, gegen uns zu Boden drückende und diskriminierende Bilder, die tief verwurzelt sind in der Geschichte und die wir tatsächlich jeden Tag spüren, wenn wir auf die Straße gehen."
Nana-Gyan Ackwonu,
Aktivist der Pamoja-Bewegung und Teil der Recherchegruppe zu schwarzer österreichischer Geschichte.

 
 
Selbst erzählen, statt erzählt zu werden
  Auf ihrer Suche nach Spuren schwarzer Menschen im Österreich des 18. Jahrhunderts musste die Recherchegruppe genau die Kategorien anwenden, die sie in Frage stellen will: die Zuschreibung durch das M[ohr]-Wort. Dieses Wort, mit dem alle möglichen "nicht-weißen" Leute bezeichnet wurden, war eine Fantasiefigur, in der Vorstellungen eines luxuriösen "Orients" mitschwangen. Im Wiener Landesarchiv findet sich auf etlichen Todesurkunden schwarzer Menschen dieses M-Wort.
 
 
 
Mmadi-Make, genannt Angelo Soliman (1721 - 1796)
 
 
  Der Zeitgenosse und Logenbruder Mozarts, Angelo Soliman, wurde als junger Bub aus seiner Heimat in Nordostnigeria nach Europa verschleppt. Hier arbeitete er an mehreren Höfen als so genannter "Hof-M*". Schwarze Kinder in orientalische Fantasieuniformen gesteckt galten als schickes Statussymbol und dienten den Aristokraten als "Spielzeug". Bis heute hat das M-Wort diese "niedliche", verharmlosende Bedeutung.
 
 
 
  "Das waren aber Kinder, die verschleppt worden sind aus den afrikanischen Ländern, im Zuge der Versklavung in den österreichischen Höfen gelandet sind und im Grunde Überlebende sind. Es ist nichts Herziges daran, sondern dahinter steckt eine blutige Geschichte, die aber in der österreichischen 'Schokolade-Tradition' pickig verpackt wird. Diese Geschichte gilt es zu entromantisieren, entherzigen." Araba Johnston-Arthur, Kuratorin von Was aller Welt unmöglich scheint
 
 
 
  Die Geschichte aus schwarzer Perspektive zu erzählen, heißt auch den Widerstand schwarzer Menschen sichtbar zu machen, den sie gegen die auferlegten Zwänge leisteten. So hat auch Angelo Soliman 1768 ohne die Erlaubnis seines Dienstherren geheiratet und eine eigene Familie gegründet, was Hofbediensteten verboten war.

Als Angelo Soliman nach seinem Tod wie ein exotisches Tier ausgestopft und in der Kuriositätensammlung des Kaisers zur Schau gestellt wurde, protestierte seine Tochter Josefine Soliman dagegen.
 
 
 
Vorschlag der Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte zur Umbenennung der Löwengasse im 3.Bezirk in Wien, wo Josefine Soliman gewohnt hat.
 
 
'Wir waren, sind und bleiben hier!'
  Das N-Wort, das mit der zunehmenden Sklaverei aufkam, ist heute leider immer noch in Schulbüchern, in Straßennamen und in rassistischen Beschimpfungen zu finden. So als ob uns nicht bewusst wäre, was für eine grausame Geschichte dahinter steht.

"Es kann jederzeit auf uns heruntersausen - bumm! - naja, wir wissen's ja: Schwarze sind: ... Und dann steht eine ganze Maschinerie von Ideologie und Geschichte hinter diesem N-Wort, und mit einem Wort wissen wir alle, was auf uns alles runterprasselt, wie viele Jahrhunderte von Unterdrückung, Mord, Leid, Vergewaltigung, Totschlag, Ausbeutung, Ausplünderung auf uns runterprasseln. Mit einem Wort!

Ich fühl mich als Afrikaner in der Diaspora und spüre mein Eingebettet-Sein in diese Geschichte. Es ist unsere Aufgabe zu sagen: Wir sind Afrikaner, wir sind Österreicher. Wir sind, was wir sind, wir sind das gesamte Spektrum. Weil wir eben in unserer Geschichte viel zu oft reduziert worden sind auf irgendwelche Zuschreibungen und wir uns aber nicht reduzieren lassen."
Nana-Gyan Ackwonu
 
 
 
  Die Ergebnisse der Recherchegruppe zu schwarzer österreichischer Geschichte sind noch bis 30. Juli bei freiem Eintritt in der Kuffner Sternwarte zu sehen.
 
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Konfiguration III: Was aller Welt unmöglich scheint

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