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Europa | 11.3.2008 | 19:30 
Tektonische Tellerrandverschiebungen, wechselnde Weltveränderungen und zarte Zivilisationskritik

Farkas, Andreas

 
 
Anders als du selbst?
  Francesca Habsburg - die Erbin aus der Thyssen-Stahl-Dynastie, die den Enkel des letzten österreichischen Kaisers geheiratet hat - sammelt heute in erster Linie Kunst. Ihre zu diesem Zweck gegründete Privatstiftung eröffnete dieser Tage eine Ausstellung in Graz, die Teile der Sammlung zeigt.

In Wien sind in der Ausstellung "Other than Yourself", Kunstwerke zu sehen, die sich mit spezifischen historischen Kontexten und dem Entstehen von Erinnerung befassen. Woran sich die Kunstmäzene aus ihrer eigenen Vergangenheit erinnern, bleibt darin allerdings ausgespart.


In Kritik geriet Habsburgs Privatstiftung zuletzt vor 2 Jahren anlässlich der Ausstellung "KÜBA - journey against the current", die im Wiener Nestroyhof zu sehen war, einem ehemaligen jüdischen Theater, das von den Nationalsozialisten "arisiert" wurde, die Besitzer vertrieben oder ermordet.

 
 
Is there a reason to remember?
 
Why are some images different from others?

Why does an image contain many secrets?

What is it that can release them so as to connect with many unknown lives?


Amar Kanwar, The Lightening Testimonies
 
 
 
  Seit letztem Monat ist in der Wiener Himmelpfortgasse die Schau "Other than Yourself - An Investigation between Inner and Outer Space" bei freiem Eintritt zu sehen. Die Ausstellung behandelt Fragen nach dem Öffentlichen und dem Privaten, dem Selbst und dem Anderen und besteht zum einen Teil aus Kunstwerken der Sammlung, zum anderen aus thematisch dazu kuratierten Arbeiten.
 
 
 
An der Wand hängen 51 Porträts. Für "Super-Noi" bat Maurizio Cattelan Freunde und Verwandte einem polizeilichen Fahndungszeichner physische Beschrei- bungen seiner Person zu geben. Cattelan dazu:"It was really about how people around you perceive you in different ways than how you really are. I was thinking about visualizing the idea of the self."
 
 
Mit The Bag haben Emanuel Danesch und David Rych einen von innen verschließbaren Sack designt und auch gleich im öffentlich zugänglichen Stadtraum getestet.

Das aktuelle Modell hat zwei nach außen wendbare Seiten. Wünscht man im Stadtraum ungestört abzutauchen, wendet man die Tarnfarbe Grau nach außen. Wünscht man weithin sichtbar zu sein, so wendet man den Sack auf die Seite mit der Signalfarbe Orange.
 
 
  Eine Untersuchung zwischen privatem und öffentlichem Raum ist auch "Triangle", eine vierteilige Fotoinstallation von 1979, in der Sanja Ivekovic ihre Performance dokumentiert, die sie auf ihrem Balkon in Zagreb durchführte am Tag als General Tito die Stadt besuchte und unter ihrem Balkon vorbeifuhr.
 
 
 
»Die Performance (...) entsteht aus der Kommunikation zwischen drei Personen:
1. Einer Person auf dem Dach eines Hochhauses gegenüber meiner Wohnung.
2. Mir selbst: Ich auf meinem Balkon.
3. Einem Polizisten, der sich auf der Straße vor dem Haus befindet.
Wegen der Beton-Konstruktionsweise des Balkons kann mich nur die Person auf dem Dach sehen und der Performance folgen.
 
 
  Meine Vermutung ist, dass diese Person ein Fernglas und ein Walkie-Talkie hat. Ich sehe, dass auch der Polizist auf der Straße ein Walkie-Talkie hat.
Die Performance beginnt, indem ich den Balkon betrete und mich auf einen Stuhl setze. Ich trinke Whiskey, lese ein Buch und tue so, als würde ich masturbieren. Nach einer gewissen Zeit klingelt der Polizist an meiner Tür und befiehlt mir, "Personen und Objekte vom Balkon zu entfernen."

 
 
 
 
 
 
  Sanja Ivekovic pflanzte im Sommer für die Documenta in Kassel ein Mohnfeld, das sie mit einem Lied einer feministischen Gruppe aus Kroatien und mit einem Lied der revolutionären Vereinigung der Frauen Afgahnistans RAWA beschallen ließ.

Ivekovics "Poppy Field" wurde wie auch der Documenta-Beitrag des indischen Künstlers Amar Kanwar "The Lightening Testimonies", der nun seither erstmals in Wien ausgestellt wird, von Francesca Habsburgs Privatstiftung finanziert.
 
 
 
They created an image
  that was meant to lie.

They then created another image to convince me about the truth of that lie.

They obliterated every dream I had, my home, my love, my family, my land, my trees, my river.

They annihilated every sign of my ancestors.


Amar Kanwar, The Lightening Testimonies
 
 
 
"I am concerned about creating stories, that disturb you and probably make you want to reunderstand your own relation with power, politics, sexuality, violence, the nation..." sagt Amar Kanwar über seine acht-Screen-Video-Installation, für die er drei Jahre lang durch Dörfer und Regionen in Indien und Pakistan reiste. Er suchte danach wie Erinnerung an traumatische Ereignisse während der Unruhen 1947 in verschiedenen Communities unterschiedlich festgehalten wird, weitergegeben wird oder verschwindet.
 
 
  Über die Kriegsverbrechen sowohl der indischen als auch der pakistanischen Armee, über die systematischen Verschleppungen und Vergewaltigungen junger Frauen sammelte der Filmemacher Erinnerungen.

"Sometimes you only get the story if you are taken to a particular place. (...) There is a dialogue of something that is incomplete. I may talk about the day my house got painted. I talk about what I bought that day. I will not talk about what happened that day."
 
 
 
 
 
Everyone recalls differently.
  Individuals and communities.

Differently alone and differently together.

Maybe in words or in songs and stories, probably in gestures, little pencil marks or simply in a look.

Maybe it can be recalled but only through that stone under the tree or in the tangent that lies in the new jewelry that was bought just yesterday.


Amar Kanwar, The Lightening Testimonies
 
 
 
Erinnern?
  Wie aber gehen die Kunstsammler, wie geht die Familie Thyssen Bornemisza selbst mit ihrer Vergangenheit um?

Francesca Habsburg, geborene Thyssen Bornemisza, beruft sich ganz auf die Tradition des Kunstsammelns ihrer Familie, die über mehrere Generationen eine der größten Kunstsammlungen Europas angehäuft hat.
Im Jahr, als ihr Vater starb, gründete die Milliardärserbin ihre eigene Privatstiftung, "TBA21".

Woran erinnern sich die Nachfahren der Thyssens und der Thyssen Bornemiszas heute? Und wie gehen sie mit der teilweise unaufgearbeiteten Vergangenheit um?

Mehr dazu hier.
 
 
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