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Europa | 10.5.2008 | 15:05 
Tektonische Tellerrandverschiebungen, wechselnde Weltveränderungen und zarte Zivilisationskritik

Farkas, Andreas

 
 
Abschiebung gestoppt - Urlaub gestrichen
  Vor drei Jahren kam der Kameruner Ebenizer Folefack Sontsa nach Belgien. Nachdem sein Asylantrag abgelehnt wurde, kam Ebenizer in ein Abschiebegefängnis im kleinen nordbelgischen Städtchen Merksplas.
 
 
 
Das 1824 errichtete Gefängnis in Merksplas ist heute eines von 224 Abschiebegefängnissen in der Europäischen Union. Auch Familien mit Minderjährigen werden hier festgehalten.
 
 
  Von Februar bis Ende April diesen Jahres war Ebenizer in Merksplas. Bis er zum Flughafen Brüssel gebracht wurde, von wo er zurück nach Kamerun fliegen sollte. Im selben Flugzeug saß auch der in Frankreich lebende Serge Fosso, Mitarbeiter in einem Biotechnologie-Unternehmen und auf dem Weg in den Urlaub.
 
 
 
  Dessen Bericht der im Flugzeug sich abspielenden Ereignisse ist letzte Woche auf afrikanet.info
erschienen. Serge Fosso erzählt darin:

Es ist der 26. April 2008 und ich fahre auf Urlaub nach Kamerun. Um halb sechs Uhr morgens fahre ich von Clichy mit dem Taxi zum Flughafen Charles de Gaulle. Um 7:40 Uhr fliege ich mit Brussels Airlines von Paris nach Brüssel, von wo ich einen Anschlussflug um 10:40 nach Duoala mit der selben Fluglinie habe. Der Flug nach Brüssel verläuft ereignislos und ich komme rechtzeitig zu meinem Anschlussflug. Allerdings beginnen Schwierigkeiten als ich zu meinem Sitz im hinteren Teil des Flugzeugs gelange.

Mir fallen uniformierte Männer auf, die versuchen einen schwarzen Mann zu bändigen, der sich wehrt und schreit:"Hilfe! Lassen Sie mich! Ich möchte nicht weg!"
 
 
 
  Die Männer drücken ihn nieder und versuchen ihn daran zu hindern herauszuschreien. Der junge Mann wehrt sich so fest er kann und schreit weiter während ihn vier Kerle zurückhalten. Polizisten riegeln den Bereich ab und die hilflosen Passagiere sehen zu, wie sich das Schauspiel entwickelt. Ich realisiere unmittelbar, dass das eine Abschiebung ist. Während die Schreie dieses Individuums, das immer noch zusammengestaucht wird, gedämpft werden erinnere ich mich plötzlich an den Fall von Semira Adamu, der jungen nigerianischen Asylwerberin, die 1998 auf einem Flug der Linie SABENA von zwei belgischen Beamten mit einem Polster erstickt wurde.

Gedanken beginnen durch meinen Kopf zu rasen: Was sollte ich tun? Nichts tun wie die anderen? Eingreifen? Als jemand, der sich für Menschenrechte und Rechte von Ausländern in Europa interessiert, stehe ich auf und rufe nach dem nähesten Flugbegleiter.

Ich protestiere laut und hartnäckig und erinnere die Flugbegleiterin daran, dass wir auf einem kommerziellen Flug sind und dass wir unter solchen Bedingungen nicht fliegen können. Die anderen Passagiere, die bis dahin geschwiegen haben, schließen sich an. Ich beginne das sich ereignende Schauspiel mit meiner Videokamera zu filmen, andere Passagiere tun dasselbe. Konfrontiert mit dem anwachsenden Protest verlassen die uniformierten Männer das Flugzeug mit ihrem Passagier.
 
 
 
 
Einpaar Minuten später kommen Polizeibeamte an Bord und identifizieren drei Passagiere (mich inklusive) als Rädelsführer der "Störung" im Flugzeug. Die Beamten fordern uns auf mitzukommen. Als ich sie frage, warum, stürzen sie sich auf mich, es hagelt Schläge und Tritte und ich werde zu Boden geworfen. Mir werden Handschellen angelegt und ich werde durch den Gang gezogen, die Stufen hinunter und in einen Polizeibus geworfen. Im Bus bemerke ich wie einer der Polizisten sich das Video der ursprünglichen Brutalität auf meinem Camcorder anschaut.

Ein langer und schwieriger Tag hat für mich gerade begonnen und ich werde unter Beleidigungen und Misshandlungen zur Arrestzelle des Flughafens gebracht. Um 13:35 Uhr werde ich zusammen mit dem anderen Kameruner wieder freigelassen. Die dritte Person, die aus dem Flugzeug geworfen wurde, sehe ich nicht. Die Polizei informiert uns darüber, dass es uns für die nächsten sechs Monate untersagt ist mit Brussels Airlines zu fliegen. Als wir fragen, wie wir nun nach Douala kommen sollen, schickt uns die Polizei zum Chef der Sicherheitsabteilung. Während wir auf den Sicherheitsboss warten, denke ich an meine kleine Tochter, die freudig und ungeduldig auf mich in Douala wartet und die sehr enttäuscht wäre, wenn ich nicht auftauche.

Ich werde wütend, sehr wütend.
 
 
 
  Die Leiterin der Sicherheitsabteilung kommt endlich und bestätigt, dass wir beide von der Fluglinie auf die schwarze Liste gesetzt wurden. Ich frage sie, wie wir nach Douala kommen sollen aber sie lässt mich abblitzen und besteht darauf, dass die Fluglinie uns nicht entschädigen wird. Meine Wut steigt und ich sage der Dame in klaren Worten, dass es mir egal ist, nie wieder mit Brussels Airlines zu fliegen, dass ich vorhabe nach Paris zurückzukehren und dass ich Entschädigung erhalten sollte, da die Fluggesellschaft ihre vertraglichen Pflichten mir gegenüber nicht erfüllt hat. Mein Ton ist laut aber höflich. Passanten starren uns an. Die Dame ruft die Polizei, die mich dann zurück in die Zelle steckt, wo ich bis zehn Uhr nachts ohne Essen und Trinken und ohne meine Familie kontaktieren zu können eingesperrt werde. (...) Meine Sonnenbrillen fehlen und das Video, auf dem die Polizei den Afrikaner brutal behandelt, ist gelöscht worden. Zum Glück haben andere Passagiere das Ganze gefilmt. (...)

Ich weiß nicht wann und wie ich nach Kamerun kommen werde... Ich weiß nicht wo meine Koffer sind... Aber ich habe nicht vor, die Sache auf sich beruhen zu lassen.


Der Abschiebehäftling Ebenizer Folefack soll, so seine Anwälte, bei der verhinderten Abschiebung schwer misshandelt worden sein. Polizisten hätten auf seinem Hals gekniet und er habe bei dem Rücktransport nach Merkplas seinen Kopf nicht mehr bewegen können.
 
 
 
Protest gegen das Abschiebegefängnis in Merkplas
 
 
  Am 1. Mai wurde Ebenizer Folefack Sontsa in einer Zelle in Merkplas tot aufgefunden, an einem Bettlaken aufgehängt. Die Behörden sprechen von Selbstmord. In kamerunischen Exilkreisen ist man überzeugt, Ebenizer sei umgebracht worden.

Eine Gruppe in Belgien lebender Kameruner hat Klage gegen den belgischen Staat und die Fluglinie SN Brussels eingereicht.

Der tragische Fall, der an die Vorfälle rund um die Abschiebung von Bakary J. aus Österreich erinnert, hat der belgischen Protestbewegung gegen Schubhaft zusätzliche Mobilisierung gebracht.
 
 
 
Grafik: Migreurop
 
 
Proteste vergangenen Mittwoch in Brüssel gegen die europäische Asylpolitik.
 
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