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Europa | 19.7.2008 | 13:46 
Tektonische Tellerrandverschiebungen, wechselnde Weltveränderungen und zarte Zivilisationskritik

Farkas, Andreas

 
 
Globalisierung der kapitalistischen Marktwirtschaft ist gescheitert.
  Als ich diese Überschrift unlängst in einem Geburtstagsmail las, mischte sich die Freude über das plötzliche Ende des Kapitalismus mit der Sorge, was denn nun nach dem Crash bevorstünde. Es war der 10. Geburtstag von attac, der internationalen Vereinigung für eine Besteuerung von Finanztransaktionen zum Nutzen der BürgerInnen.
 
 
 
attac macht gerne thematisches Straßentheater. Hier z.B. Kritik am Kapitaldeckungsverfahren bei Pensionen.
 
 
10 Jahre attac
  Nach dem Erscheinen eines Leitartikels von Ignacio Ramonet, dem Chefredakteur der Monatszeitung le monde diplomatique, in dem er die Deregulierung der Finanzmärkte kritisierte, gründete sich im Juni 1998 das globalisierungskritische Netzwerk attac. Inzwischen zählt die Bewegung weltweit rund 100.000 Mitglieder, darunter der französische Landwirt und notorische McDonalds-Filialen-Zerleger José Bové und der Musikant Manu Chao. Die Obfrau von attac Österreich, Alexandra Strickner, fasst nach 10 Jahren Aufklärungsarbeit und Protesten die Erfolge so zusammen: "Wir haben die blinden Freihandelsbemühungen der WTO gestoppt, die undemokratische G8 delegitimiert, die neoliberale EU-Verfassung zum Scheitern gebracht, die unsoziale EU-Dienstleistungsrichtlinie entschärft, kommunale Privatisierungen und die EU-Softwarepatentrichtlinie verhindert." Dies alles sei für attac-Mitgründer Christian Felber kein Grund leiser zu treten - seine umfassende Bestandsaufnahme: "Wir erleben aktuell nicht nur eine Stabilitäts- und Konjunkturkrise, sondern eine ökologische, soziale, ethische und demokratische Krise."
 
 
 
Systemwechsel
  Um Alterna- und Perspektiven zu einem Systemwechsel geht es dieser Tage im oberösterreichischen Steyr, wo sich bekannte "attackis", globalisierungskritisch Interessierte und Wissenschaftler aus verschiedenen Richtungen zur attac Sommerakademie treffen.

Aus aktuellem Anlass habe ich also meine Abneigung gegen Lernen in den Ferien überwunden und in Steyr zwischen Vormittags- und Nachmittagsworkshop mit dem ehemaligen Fabrikarbeiter, Preisboxer und Krankenpfleger Frithjof Bergmann von der Universität Michigan gesprochen, dem Autor von "On Being Free" oder "Neue Arbeit, neue Kultur: ein Manifest".

 
 
Grüß Gott, Herr Bergmann.
  So jetzt geht's.
 
 
 
Es sieht ja nicht so gut aus im Moment, die Verhältnisse werden doch autoritärer: Militarisierung, Entdemokratisierung und der konsequente Abbau von sozialen Sicherungssystemen. Wieso sollten wir ausgerechnet jetzt in einem Augenblick, wo sich scheinbar so viele dringende Fragen stellen, über diesen Augenblick hinaus denken und utopisch denken?
  Weil wir müssen, das ist die ganz kurze Antwort. Die etwas ausführlichere Antwort ist, dass wir in einer Konfiguration von sich gegenseitig verschärfenden Problemen liegen. Wir haben einerseits das Wirtschaftsproblem, das im Augenblick noch als Bankenproblem behandelt wird, das aber viel tiefer liegt. Wir haben außerdem das Problem der wachsenden Spaltung zwischen Reichtum und Armut und damit verknüpft das Problem des wachsenden Terrorismus. Dazu kommt das Steigen der Preise, das mit dem Ausgehen von Ressourcen verknüpft ist. Weil diese Probleme derart verknüpft sind und sich in einem so schnellen Tempo verschärfen, muss man wirklich über das Grundsätzliche nachdenken. Aus meiner Sicht gibt es da keine oberflächlichen Antworten. Das, was im Augenblick als Antwort angeboten wird, ist im Ernstfall gar keine. Man kann davon sprechen, dass sich jetzt eine Ratlosigkeit sehr verbreitet hat. Die Angst der Menschen ist verknüpft mit dem Gefühl, es geht weiter abwärts, die Probleme werden ärger. Was kann man überhaupt tun?

 Frithjof Bergmann
 
 
Das, was von Politikern noch versprochen und erwartet wird, ist paradoxer Weise etwas, das Sie als Teil des Problems sehen: Arbeitsplätze, Lohnarbeit.
  Die Politik im Allgemeinen und fast überall hat eigentlich nur ein Rezept: Wirtschaftswachstum. Ich spreche hier gerne vom Wirtschaftswachstumswahnsinn. Man tut alles, um die Wirtschaft zum Wachsen zu bringen. Aber wenn man die Politiker erwischt, wenn sie nicht gerade auf einer Bühne oder nicht vor einem Mikrofon stehen, dann geben sehr viele zu, dass sie natürlich wissen, dass Wirtschaftswachstum langfristig keine Antwort ist und dass sich im Gegenteil das Problem der Arbeit weiter verschärfen wird. Mit Wachstum dagegen anzukommen ist, wie wenn man zu einem der amerikanischen Waldbrände aufgeregt mit einer Tasse Tee läuft in dem Gedanken man könne mit der Tasse Tee den Waldbrand löschen.
 
 
 
1984 haben Sie in der ehemaligen Arbeiterhochburg Flint in Michigan das erste "Center for New Work" gegründet. Was kann unter "New Work" oder "Neue Arbeit" verstanden werden?
  Das, was man bisher in den letzten 200 Jahren als Arbeit definierte, was man sich als Arbeit vorstellte und was man als Arbeit erlebte, war Arbeit in einem bezahlten Arbeitsplatz. Wir sind von Anfang an davon ausgegangen, dass grundsätzlich andere Arten von Arbeit entwickelt werden müssen. Also nicht mehr Arbeit, sondern grundsätzlich neue Arten von befreiender Arbeit. Im Rahmen eines Gemeinschaftszentrums kann sehr viel Arbeit organisiert werden. Mit sehr moderner Technologie, manchmal aber auch mit sehr einfacher, schon längst dagewesener Technologie und mit verhältnismäßig wenig Schweiß kann all das erzeugt werden, was man braucht, um befreit zu sein, um nicht dauernd von den Hunden der Notwendigkeit in die Fersen gebissen zu werden. Diese Form der neuen Arbeit hat auch etwas mit Bauerntum zu tun, mit dem Sich-selbst-Versorgen. Ich habe es einmal high tech self providing genannt. Die andere Art der neuen Arbeit ist die Arbeit, wo es um den Versuch geht herauszufinden, was Menschen eigentlich wirklich wollen und was sie als belebend, als lebensgebend und schön empfinden und nicht nur als Spaß, sondern lebenserfüllend erleben. Wir arbeiten seit über 25 Jahren daran, das an verschiedenen Orten zu realisieren.
 
 
 
Wie waren Ihre Erfahrungen mit den Leuten, die jahrelang in einem Lohnarbeitsverhältnis gearbeitet haben, wo ja für bestimmte Zwecke gearbeitet wird, und die sich dann dieser Umstellung ausgesetzt haben?
  Es hat viele Leute gegeben, Fabriksarbeiter mit einer ganz großen Körperweite sozusagen, unglaublich entwickelten Muskeln und sehr viel Tätowierung, die bei der Frage, was sie eigentlich wirklich, wirklich tun wollen, in Tränen ausgebrochen sind und geheult haben. Weil man dann erst darüber redet. Die Kinder hassen sie, die Frau hasst sie auch. Und im Grunde genommen warum? Weil sie immer erschöpft nach Hause kommen.
 
 
 
Heute Abend Podiumsdiskussion
  Frithjof Bergmann hat auf verschiedenen Erdteilen Zentren für neue Arbeit gegründet, u.a. an der Entwicklung eines Open-Source-Automobils mitgewirkt und trägt heute, Samstag, 19. Juli 2008, in Steyr zur Podiumsdiskussion "Alternativen und Perspektiven mit globaler Hebelwirkung" bei.
 
 
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