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Europa | 14.9.2008 | 13:43 
Tektonische Tellerrandverschiebungen, wechselnde Weltveränderungen und zarte Zivilisationskritik

Farkas, Andreas

 
 
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  "Next time you open the paper and you see an intellectual property rights decision, it is not about something small and technical. It is about the future of the freedom to be as social beings with each other and the way information, knowledge and culture will be produced."
(Yochai Benkler)
 
 
 
  Unter dem Titel "A NEW CULTURAL ECONOMY - wenn Eigentum an seine Grenzen stößt" wurden auf der eben zu Ende gegangenen ars electronica Möglichkeiten diskutiert, wie die in digitalen Netzwerken praktizierte freie Kooperation sich auf die immaterielle wie materielle Ökonomie von morgen auswirken könnte.

Spätestens seit zur Jahrtausendwende Jeremy Rifkins Buch Access - Das Verschwinden des Eigentums erschienen ist, spricht sich herum, dass Wertschöpfung nicht unbedingt nur mit der Veräußerung von Besitzrechten zu tun hat, sondern immer mehr mit Teilhabe in sozialen Netzwerken. Es wechseln sich Horrorvorstellungen von einer entfremdeten Cyberwelt, in der alle Beziehungen und Erlebnisse zur Ware geworden sind mit euphorischen Erlösungsfantasien ab, in denen ganz schleichend die radikale Peer2Peer-Ökonomie den Kapitalismus überwindet.
 
 
 
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  Wenn, wie irgend so ein dotcom-Yuppie einmal behauptet hat, geistiges Eigentum das Öl des 21. Jahrhunderts ist, sind Filesharing, Open-Source-Bewegung oder die auf systematischen Urheberrechtsverletzungen beruhende Platform YouTube dann brennende Ölfelder? Herrscht hier offener Krieg?

Obwohl eine rigorose Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte jegliche Innovation entschleunigt, setzen sich Kultur- oder Pharmaindustrie für verschärften Patentschutz ein. Der Ideen- und Wissensfluss soll nur fließen, wenn abgepackt und verkauft werden kann.
 
 
 
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  Besonders spannend verspricht die Schlacht um das spukende Geisteseigentum zu werden, wenn "die Kreativen" selber Stellung beziehen oder aber wie Söldner an die Front geschickt zu werden scheinen. "Vorgeschobene Zöglinge der Musikindustrie" nennt der deutsche Komponist Johannes Kreidler die über 200 Kulturschaffenden, die einen offenen Brief zum Tag des geistigen Eigentums an Angela Merkel geschrieben haben.

DJ Ötzi, Scooter und Tokio Hotel rufen darin zusammen mit MIA., Max Herre, 2raumwohnung und anderen nach "staatlicher Aufsicht" und die deutsche Kanzlerin dazu auf, das Thema geistiges Eigentum "zur Chefsache" zu machen. Der Brief endet mit der finsteren Warnung "... die Internetpiraterie [trifft] vor allem junge Nachwuchstalente. Langfristig wird so die kulturelle und kreative Vielfalt in unserem Land abnehmen und wir verspielen eine unserer wichtigsten Zukunftsressourcen."
 
 
 
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  Der 1980 in Esslingen geborene Johannes Kreidler hat Komposition, Elektronische Musik und Musiktheorie studiert. Für ihn stellt die Kopierbarkeit digitaler Sounddaten mehr eine fantastische technische Möglichkeit und weniger eine Gefahr dar. "Kopieren ist eine Kulturtechnik." bemerkt er mit Blick auf Sampling, musikalisches Zitat und Variation. Der Schutz und die Einklagbarkeit geistiger Eigentumsrechte sind für seine Herangehensweise eher hinderlich.
 
 
 
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  Wenn Musiker mit vorhandenem Material arbeiten wollen, das der allgemeinen Bildung des Gehörs bekannt ist, dessen Verwertungsrechte die Musiker aber nicht besitzen, so sollte vor einer Veröffentlichung der neuen Musik schon einmal ein Anwalt beigezogen werden.

Schon kleinste Teile eines Songs können nämlich als geistiges Eigentum gelten. Ausschlaggebend ist nicht etwa die Länge (z.B. eine Sekunde) des Soundschnipsels, sondern die so genannte "Schöpfungshöhe", über die zu urteilen ist. "Musik ist keine Kunst mehr, Musik ist eine juristische Fachdisziplin." stellt Kreidler angesichts eines Urheberrechts fest, das den digitalen Soundbearbeitungsmöglichkeiten einfach nicht mehr entspräche.
 
 
 
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  Johannes Kreidler ist nun einer größeren über die Fachkreise der Neuen Musik hinausgehenden Öffentlichkeit durch sein 33-sekündiges Stück product placements bekannt geworden , das er aus 70.200 Fremdzitaten komponiert hat. Vier Stunden lang habe er am Computer daran gearbeitet. Danach saß er noch sechs Wochen am Ausfüllen der 70.200 Antragsformulare für die Lizenzen. Diese brachte er kürzlich mit dem Lastkraftwagen nach Berlin zur Verwertungsgesellschaft GEMA, wo er das Musikstück ordnungsgemäß anmeldete.

 Johannes Kreidler zwischen den Lizenznachweisen für das Musikstück 'product placements'.
 
 
 
 
  Mit seiner Aktion gießt Kreidler Öl ins Feuer der schwelenden Debatten über die Grenzen geistigen Eigentums.

"Es darf nicht sein, dass für kleinste Klänge Lizenzen gekauft werden müss(t)en, die monatelange Arbeitsleistung eines jungen Komponisten aber in keinem Verhältnis zur GEMA-Ausschüttung steht. Dafür hat dieser selbst wiederum der GEMA noch Gebühren zu entrichten, wenn er seine eigenen Werke im Netz zum (kostenlosen!) Download anbietet." kritisiert Kreidler.

Als Finanzierungsmodelle schlägt er konsequente Abgaben auf Leermedien oder eine Kulturflatrate vor und fordert: Kreativität muss medial gefördert werden und grundsätzlich legal sein.
 
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  Johannes Kreidler: 'product placement'
   
 
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