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Wien | 14.9.2008 | 22:46 
Please don't put your life in the hands
of a rock 'n' roll band

Farkas, Christianlehner, Ondrusova

 
 
David Foster Wallace ist tot
  David Foster Wallace, der Ausnahme-Kultautor, der mit seinem ironischen Humor als eines der größten Talente neuer amerikanischer Literatur galt, beging Selbstmord.

Mehr dazu auf ORF.at.

Und hier nochmals die Besprechung des letzten Buches von David Foster Wallace, das im April 2008 auf Deutsch erschienen ist:
 
 
 
Lesestoff: David Foster Wallace - 'Vergessenheit'
  An den Rand der amerikanischen Gesellschaft und der Unterhaltungsindustrie mit einem Ausnahmeautor.
 
 
 
"Verschwende bitte nicht meine Zeit indem du das erwähnst ...
  David Foster Wallace war ein Ausnahmeautor - in der englischsprachigen Gegenwartsliteratur wird er gleich nach dem König des Verschrobenen, Thomas Pynchon, eingereiht. Er ging ständig den schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn: Der ehemalige Tennisstar und diplomierte Mathematiker lieferte bereits mit 34 sein tausendseitiges opus magnum 'Infinite Jest'. Als Autor war er ein unscheinbarer Rockstar auf dem amerikanischen Markt, schrieb Essays und Kurzgeschichten für anerkannte Blätter und war für seine eigenwillige Sicht auf die Dinge bekannt. In seinen Romanen und Geschichten beschäftigte er sich gerne mit den Abgründen Amerikas und der Entertainment-Industrie.
 
 
 
... schließlich weiß jeder, welch absurdes und triviales Thema das ist ..."
  Auch mit seinen Kurzgeschichten führte uns Foster Wallace in diese Gefilde: In der ersten Geschichte beschreibt er in einer Reihe von Gedankensprüngen die Fahrt einer Frau im Bus. Allerdings haben sie mehrere Schönheitsoperationen grässlich entstellt und nun macht sie sich auf den Weg zu ihrem Anwalt. Als Begleitung: Ihr Sohn, der sich, Satz für Satz, immer mehr zum unheimlichen Psychopathen entpuppt. Das ist Foster Wallace's Spezialität - Schicht für Schicht werden seine unaufälligen Protagonisten enttarnt. In der zweiten Geschichte wird ein Golfspiel mit dem Schwiegervater für einen überforderten Familienvater zum Auslöser einer Lawine an Selbstzweifel:

"Es muss ungefähr an diesem Punkt gewesen sein, dass eine neue Welle des Orientierungsverlusts (...) mich überollte (...) mit Symptomen und Sinneseindrücken, die sich fast unmöglich beschreiben ließen, außer, dass man sagen könnte, diese Phasen ähnelten immer einem zerebralen Erdbeben oder 'Tsunami', quasi einem 'neuralem Protest' (...)"

 
 
© Marion Ettlinger
 
 
"Meine Frau hält mich für unschlüssig, aber ich bin mir nicht so sicher"
  Foster Wallace übertreibt maßlos, liefert uns eine manische Flut an Details und überschüssigen Informationen. Aber aus diesen grellen Skizzen von miserablen Existenzen entsteht eine perfekte Satire auf den "american way of life"- Foster Wallace's Geschichten zeigen Menschen, die das Triviale zu ihrem Lebensinhalt machen. Sie ahnen nicht, wie wir Leser, dass etwas Furchtbares um die Ecke lauert. Dieser Grundtenor des Morbiden kommt auch in der scheinbar humorvollen Novelle 'TV der Leiden' durch:

"Mrs. Moltke bestätigte erneut, dass sie über alles gründlich nachgedacht habe, und dass die meisten Leute so eine Chance im Leben nicht bekämen, aber sie (...) und dass sie diese Chance nutzen wollte. Die Chance, berühmt und irgendwie wichtig zu werden. Sich unterscheiden von der großen, gesichtslosen Masse (...)"

 
 
"Das Bewusstsein ist der Albtraum der Natur"
  Was als Farce auf die Zeitschriften-Industrie in New York beginnt, lässt am Ende das Lachen in der Kehle des Lesers stecken bleiben. Skip Atwater ist engagierter Boulevard-Journalist, der sein Büro im World Trade Center verlässt um einen Fäkal-Künstler im mittleren Westen zu interviewen. Wallace's Kommentare zu Stadt- und Landleben sind bitter - beide werden nur mit Klischees beschrieben. Als Atwater seiner nächsten Story nachjagt, über einen TV-Sender, der ausschließlich menschliches Leid zeigt, beginnt ein bedrückender Wandel. Mit dem Wissen, dass sich alles nur Wochen vor dem 11. September abspielt, möchte man die Protagonisten rütteln und gar anschreien: Kümmert euch doch nicht so viel um diese unwesentlichen Dinge!

"Auch wenn es niemand laut aussprach, jeder bei Style, Atwater eingeschlossen, erkannte darin den alles beherrschenden Konflikt in der amerikanischen Psyche. Es ging um die Bewirtschaftung der Bedeutungslosigkeit."

David Foster Wallaces Humor ist ein tiefschwarzer, der wohl am ehesten dem von Chuck Pahlaniuk ähnelt. 'Vergessenheit' ist wegen seiner Stimmungschwankungen und Darstellungen hoffnungsloser Charaktere kein einfaches Buch. Was oberflächlich wie ein lustiges Bild von absurden Begebenheiten aussieht, hinterlässt dann doch große moralische und philosophische Fragen. 'Vergessenheit' ist ein Buch, das nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird.

 
 
PS:
  'Vergessenheit' und sein "companion"-Band 'In alter Vertrautheit' sind bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Übersetzt von Ulrich Blumenbach und Marcus Ingendaay.

Und weil ich dank DaddyD weiß, dass es LOLauthors gibt: hier die David Foster Wallace Edition.
 
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