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Wien | 16.8.2008 | 17:52 
Please don't put your life in the hands
of a rock 'n' roll band

Farkas, Christianlehner, Ondrusova

 
 
Klamauk im Dreck
  FM4 Frequency - der dritte Tag vor der Green Stage und im Weekender Zelt.
 
 
 
  Irgendwie ist heute alles anders. Nach durchgehendem Regen, war es heute am frühen Nachmittag vor der Green Stage hauptsächlich kalt. In allen möglichen Arten von Kleidung, Stoff oder Plastik sind die Festivalbesucher gehüllt. Dazu noch Zentimeter dicker Schlamm auf den Schuhen und man merkt: Fashion was vorgestern. Und obwohl sich die Sonne dann doch noch mal kurz heraus traut, fangen Kollegin Reiser und ich heute ausnahmweise mal im Weekender Zelt an. Gute Wahl.

 
 
The Lines
  Im Weekender Zelt passieren bei diesem Festival anscheinend die besten Dinge. Zumindest was mein Leibeigen, den Indie Rock angeht. Die Weekenders haben einfach einen Riecher für the Next Big Thing. So überraschen mich The Lines, die ich gar nicht gekannt habe, dermaßen, dass ich sofort einen kleinen Freakout feiere. Blutjung und völlig durchgeknallt ist die Devise - das Schlagzeug setzt keine Sekunde aus und The Lines geben mehr in ihrem undankbaren 16.15er Slot als so mancher Headliner. Um dem ganzen, das sowieso nur noch "go, go, go!" ist, noch mehr Beat zu verleihen, schnappt sich der Sänger kurzerhand Sticks und haut, à la Liars, auf seine eigene Trommel. Außerdem haben sie grandiose Textzeilen wie "I heard these whispers from you, brothers and sisters." Ich will ein T-Shirt. Und ein Autogramm.
 
 
 
 
 
Get Well Soon
  Kollegin Reiser ist entzückt, ich distanziere mich ein bisschen vom trägen Sound der deutschen Band Get Well Soon. Ich bin ja großer Fan der Bright Eyes/Beirut Schiene, aber GWS kommen da einfach zu kurz für mich. Natürlich ist der Slot der Band ebenfalls nicht klug eingeteilt, so müssen sie nach Itchy Poopzkid (ja, wirklich) ebenfalls mit "Fun-Punk Klassikern" mithalten. "Wir geben uns Mühe mit den Stadion Rock Posen". Da kommen auch schon die ersten kreischenden Girlies (dieses Festivals vielleicht sogar) aus der Menge zum Vorschein. Die mariachi-artigen, traurigen Trompeten muntern das wehleidige Set der GWS Truppe dann ein bisschen auf. Auch die bezaubernde Background-Chanteuse, die gerne die Becken zusammenkleschen lässt, ist ein Lichtblick auf der Bühne. Ansonsten ist mir das alles zu zäh, zu in die Länge gezogen, zu sehr minor chords. Deswegen: "Rest your weary head, you will get well soon."
 
 
 
 
 
 
 
The Lea Shores
  Fast schon ein bisschen in Richtung stoner rock schwurbeln sich die ebenfalls gutaussehenden, ganz in schwarz gekleideten Lea Shores auf der Weekender Stage. Vor einem Backdrop, der was Ominöses, Höllenschlundartiges hat, legen die Lea Shores eine psychedelische, hingebungsvolle Show hin. Beendet wird das ganze von einem Maraca-Freakout, bei dem der Sänger sich minutenlang spastisch mit seinem Instrument durch die Gegend wirft. Der Mann hinter mir meint: "Das waren jetzt Engländer". Als ob das alles erklärt.
 
 
 
 
 
Red Light Company
  Zuerst freue ich mich, dass es endlich einmal eine Dame ins Weekender Zelt rein geschafft hat, dann muss ich feststellen, dass der Bassist doch keine ist. Er ähnelt einem Model dieser Firma, sieht aber schick aus in seinem schwarzen Outfit. Schon als sie die Bühne betreten, merke ich, dass es Red Light Company ernst mit uns meinen. Der Sänger mit Engelshaaren starrt ins Publikum, als würde er gleich runterspringen und uns verprügeln. Hat er dann aber nicht, stattdessen kündigt er ohne einen Hauch von Ironie an "This is a song about death". Ansonsten wenig Bühnenaktion und die Musik erinnert mich überraschenderweise an die der heutigen Race Stage Headliner, The Killers. Also alles halb so wild und dann doch eher beschwingt positiv. Vor allem hat mir gefallen, dass sich der einschüchternde Frontman und der Bassist die Vocals geteilt haben. Ein voller Sound, ein gut gefülltes Zelt - was will man mehr?

 
 
 
 
Madsen
  Da ist sie, die selbsternannte "Perfektion". Nach einem langen Tag bekommt jetzt endlich die Unter-20-Fraktion auch ihren Spaß ab. Die wirklich jungen Festivalbesucher strömen vor die Bühne, um ihre Idole hautnah zu erleben. Verliebte Blicke und viel Gekreische. Obwohl sie eigentlich fast nie über die Drei-Akkord-Grenze und ihre auf endlos eingestellte Floskelschleuder hinaus zielen, haben Madsen eine fast schon erschreckend große Macht auf der Bühne. "Wir können in die Madsen Geschichte eingehen!" wird das Publikum aufgefordert noch mehr die Ellbogen blecken zu lassen. "Ich habe ein kleines Deja Vu", meint Herr Madsen. Stimmt, vor genau einem Jahr haben wir genau das schon einmal erlebt. Viel hat sich seitdem nicht getan - es wird wieder Deichkind angestimmt, es wird wieder "Be My Baby" undankbar gecovered und es wird wieder über die abwesende Band des Abends gelästert. In diesem Falle, Pete Doherty. Ich finde ja, wenn man selbst Musik macht, die am besten der Soundtrack zu einer Vorabend-Serie ist, sollte man nicht schlecht über Bands sprechen, die eindeutig mehr drauf haben. Aber hey, das Publikum liebt Statements wie "Komm schlag ein, oder lass es sein". Ich tu letzeres.
 
 
 
 
 
 
 
Justice
  von Arthur Einöder

Die Green Stage empfängt mich furios. Der Sound: voll, laut und klar. Die kleine Bühne führt die Race Stage, auf der ich die letzten zweieinhalb Tage praktisch gelebt habe, klangtechnisch regelrecht vor. Justice rocken.

 
 
 
 
 
  Was für ein Beginn! Ein Kreuz und leuchtende Verstärker! Ein blinkendes Star Trek Panel! Und die Rückkehr der Overtüre: Wie bei einer Oper nehmen Justice Elemente der kommenden 70 Minuten vorweg, teasen auf Dinge, die da kommen. Ein bisschen Phantom, ein kleines Pünktchen, das die Großbuchstaben voneinander trennt, ein Funken Stress.

Allerspätestens seit diesem Video ist ja bekannt, dass es beim Konzept Justice weniger um die Qualität einer Emotion geht, als um ihre Intension. Gut möglich, dass die aggressiven Hooligans im Moshpit (And Justice For All!) eigens von Gaspard Augé und Xavier de Rosnay engagiert worden sind. Hass, Wut, Liebe, Einsamkeit, Enttäuschung, Glück, oder wie auch immer diese Dinge alle heißen mögen. Alles dasselbe. In der Kathedrale von Justice, die am FM4 Frequency Festival errichtet wird, ist der Name nebensächlich. Hier wird in Betragstrichen gedacht, getanzt und die Messe gelesen.

Ganz nebenbei lösen Justice die (am Frequency) vorherrschende Live-Konvention von ihrer Schablone ab. Justice, die vielleicht beste Indie-Rock-Band des vergangenen Jahres, spielen keine Zugabe und deuten die Pause neu. Während, bandauf bandab die Pause als regeneratives Element zum Instrumenten- und Gedankenstimmen für Publikum und Bühnenfiguren genutzt wird, ist die Pause hier - auch da ließe sich so eine Klassik-Parallele ziehen - Spannung pur. Statt Entladung setzt es in den unzähligen Breaks Aufladung. Atemstillstand statt Applaus.
 
 
 
 
 
  Eine Stunde lang lassen Justice ihre Muskeln spielen, verschanzen sich hinter einem Wall aus elektronischen Geräten, ein Altar der Clubkultur, auf dem am Rockfestival die Gaben bereitet werden. Ob sie nun demütig am Bühnenrand knien und sich aus der geschützten Festung herauswagen, ob sie befehlend und fordernd die Hände des Publikums in die Luft dirigieren, oder glücklich und zufrieden schließlich von der Bühne abmarschieren: Was bleibt, ist ein Overkill an Sensation und von der Party erschöpfte Beine.
 
 
 
 
 
Tricky
  "Vor kurzem auf einem Flughafen ist jemand auf mich zugekommen und hat gemeint, er sei mit meiner Musik aufgewachsen - and I was like WOW", antwortet Tricky im Interview auf die Frage, wie das denn so ist, 2008 vor Tausenden Leuten zu spielen, die bei seiner musikalischen Geburt gerade der Station 'Zahnfee' entwachsen waren. Auf der Bühne ist der Anachronismus tatsächlich Trumpf. Auch wenn die ein oder andere Zuck-und-Rauchsession nach den Energiebündeln Justice die Menge ein wenig stocken lässt: Der Mann, der Kylie Minogue kredibler findet als "so ziemlich alles, was auf großen Festivals im Artistbereich herumrennt" (weil sie nämlich trotz geradezu unmenschlichen Ruhms ihre Termine stets einhält!), weiß um ein Uhr früh bei geschätzten elf Grad tatsächlich noch zu necken. Tricky reißt sich das Gewand vom Leib, konterkariert die Stingsche Schlottermanier mit nobler Zurückhaltung, solange die restliche Livecrew in charge ist, lässt den Devil dann aber doch in Helsinki bleiben. Macht nichts, so haben wir genug Kraft, die eingeschlammte Funktionskleidung zu Bette zu tragen. Wer wissen will, wofür Adrian Thaws seine quality time benützt, bitte hier nachschauen (für Kunden geeignet, die auch den Artikel The Office angesehen haben!
 
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