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Wien | 19.12.2008 | 20:51 
Please don't put your life in the hands
of a rock 'n' roll band

Farkas, Christianlehner, Ondrusova

 
 
Krachbummzack, she's lost control again.
  Die Suche nach Familie und Selbst in einer herzlosen Welt: Ray Robinsons Roman "Lily" zeigt kühne Coolness und Verletzbarkeit.
 
 
 
Confusion in her eyes that says it all
  Wenn Romane lautmalerische Elemente extra herausheben und zum Teil des Layouts machen, wenn sie kleine Grafiken mitten im Satz auftauchen lassen, dann sollte das gerechtfertigt sein. Denn schneller als man umblättern kann, wird durch so kleine Gimmicks das Lesevergnügen versaut. Soll ja kein Bilderbuch sein. Meine Skepsis war also groß, als ich Ray Robinsons Roman "Lily" zum ersten Mal durchblättere. Einleitendes Joy Divison Zitat, gut. Immer wieder abgebildete Tabletten, in verschiedenen Formen, ganze Seiten gefüllt mit HUAHUAHSUAGS!!!!UAUAUAPOWPPUF!!. Really?

Really. Dank seiner eingestreuten visuellen Hilfsmitel schafft es Robinson, die Probleme der Protagonistin noch mehr zu verdeutlichen. Die Banalität, aber auch die Repetition einer schweren, chronischen Krankheit. Er zeigt damit, wie sehr so etwas das Leben einnimmt, wie es aber auch manchmal einfach als alltäglich abgestempelt wird. Deswegen drei Tabletten abgebildet am Ende eines Paragraphen. Erwähnen muss man es ja nicht immer. Aber es ist immer da.

Und was ist es, das die Protagonistin so einnimmt? Epilepsie. "She's Lost Control Again."

 
 
And she's clinging to the nearest passer by
  Immer wieder wird erwähnt, dass Ian Curtis "das ja auch hatte". Lily, die Heldin des Romans, geht abgeklärt durch ihr Leben, findet Trost darin, dass erfolgreiche Menschen an der gleichen Krankheit leiden. Aber ist es wirklich ein Roman über Epilepsie? Eigentlich nicht.

Eigentlich lebt Lily friedlich, langweilig, unspektakulär in einem Kaff im Norden Englands. Arbeitet in einem Kasino an der Kassa, wo sie anderen Leuten das Glück wortwörtlich in Plastikjetons aushändigt. Ihr selbst passiert weder Glück und Unglück. Letzerem versucht sie vor allem in ihrer Wohnung vorzubeugen, indem sie sich (über)lebensnotwendige Dinge an die Wand kritzelt. So wie im Film "Memento", denn manchmal ist sich Lily nicht mehr sicher wer oder wo sie ist.

Wenn man in die Wohnung kam, sah man als Erstes eine Zeile, die ich mit dickem schwarzem Marker auf die Wand geschrieben hatte:
Kein Sorge zu Hause Bett Schlaf Bald Besser Alles Liebe Lily


Ihre Mutter hat sie damals ins Heim gesteckt, seitdem gibt es keinen Kontakt mehr zwischen ihr und Lily. Und dann plötzlich, die Nachricht von ihrem Tod und ein unerwartet großes Erbe, das ins Haus steht. Lilys Bruder Barry, ihr einziger Halt, ergreift die Gelegenheit, gleich mal mit seinem Anteil nach Amerika abzuhauen. Das gute Gewissen und die Neugier plagen Lily, und sie beschließt ihren anderen, seit Jahren verschollenen Bruder Mikey ausfindig zu machen, und ihm seinen Anteil am Erbe zukommen zu lassen.
 
 
 
 
 
And she gave away the secrets of her past
  Lily macht sich auf nach London, denn dort, irgendwo soll er sein. Aber Achtung, jetzt keine blauäugige Großstadtromantik. Ray Robinson beschreibt London und all die Eindrücke, die man als Besucher dort auf sich einprasseln lässt, mit einer nüchternen, realen Sicht. Überhaupt ist seine Sprache eine oft sehr derbe, aber dadurch sehr zugängliche. Hier wird definitiv nichts verschönert, wenn es nicht schön ist.

In der Metrople verschlimmern sich Lilys Anfälle, nebenbei erlebt sie aber auch allerhand. Sie sammelt Eindrücke und Erfahrungen auf ihrer Spurensuche. Langsam wandelt sich die abgeklärte, coole Heldin zu einer, deren Kern zum Vorschein kommt, die bereit ist, ihre Panzer abzulegen. Lily lernt und wächst und wird so dem Leser immer sympatischer. War man am Anfang vielleicht noch verwundert, warum einen das Schicksal dieser Dame interessieren sollte, ist man am Ende ganz auf ihrer Seite.

Weil diese Geschichte versucht, besonders realitätstreu zu sein, ist auch der Umgang mit Lilys Krankheit einerseits A-Thema, andererseits Alltag. Es ist erfrischend, dass Robinson versteht, dass eine chronische Krankheit oder eine Behinderung sich nicht ständig auf das Leben der Betroffenen auswirken muss. Man lernt damit umzugehen, das ständige Tablettenschlucken wird zu einer banalen Alltagshandlung. Aber sogleich schafft es die Krankheit, sich immer wieder lautstark zu melden und Lilys Leben von einer Minute auf die andere in eine komplett andere Bahn zu werfen. Diese Dichotomie der Zustände wird selten so akkurat beschrieben, dass sie hier besonders gelungen auffällt.

"Lily", ein Roman, der anhand von simplen Dingen, kleinen Gesprächen und Gefühlen weiter geht als so manch anderer "Entwicklungsroman".
 
 
 
And a voice that told her when and where to act
  Mal trocknet der Mund total aus, dann sabber ich wieder alles voll... Ich höre mich nuscheln. Ich kann meine Hände sehen, die an irgendwas zerren, ich sehe meine zuckenden Beine. Ich fange an zu schauckeln. Ich fange an zu kauen und zu schnalzen: mwa, mwa. Das Wummern wird stärker. In den Schläfen hämmert es. Mein Körper ist voller Musik. Ich spüre wie die Ladung durch meine Adern zuckt.

"Lily" von Ray Robinson ist im Mare Buchverlag erschienen und wurde von Gregor Hens ins Deutsche übersetzt.
 
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