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Wien | 31.12.2008 | 13:15 
Abstrakte Brutalitäten und Graumarktökonomien

Trishes, Gerlinde, Fuchs

 
 
Inter Outer Trans National
  Im abgelaufenen Jahr wurden sie lauter und lauter bis sie nicht mehr zu überhören waren: die Beats und Reime aus der Peripherie.
Orte,wie die Townships von Pretoria in Südafrika, die Favelas von Rio, Luanda die Hauptstadt von Angola, rückten in den Aufmerksamkeitsradius der europäischen und US-amerikanischen Musikpresse und Clubbesucher. Hier ein Paar Versuche, das Ganze zu benennen, im letzten Jahr sind Begrife wie Tropical Electro , Outernational, Metropolitan Bass, Transnational Ghettotech, Supercontinental House aufgetaucht. Den DJs, den Bloggern, den keine Copyright-Anwälte fürchtenden Remixpiraten, denen haben wir es zu verdanken, dass wir 2008 auch elektronische Genres mit Geburtsorten in der südlichen Hemisphäre lauschen konnten. Nachzuhören auf Mixtapes und in Remixform von DJs und Producern wie Diplo, Radioclit, Switch Crookers.

 
 
 
  Das Verschieben und Erweitern des Aufmerksamkeitsradius ist vor allem für M.I.A nicht nur eine ästhetische sondern auch eine politische Mission. M.I.A. ist es wichtig, sich nicht in kolonialistischer Weise die Musik anzueignen und als ästhetisches Gimmick zu benutzen, sondern in den Ländern mit Musikern unter den dort üblichen Produktionsbedingungen zu arbeiten. Dadurch lenkt man die Aufmerksamkeit auf diese im Schatten der Globalisierung wachsenden Subkulturen, die authentisches Zeugnis der jeweiligen Lebensumstände sind.

Ihr zweites Album "Kala" ist bereits 2007 erscheinen. "Kala" ist in Indien, Trinidad, Liberia, Jamaica, Australien, Japan, England and in den USA entstanden. Das Album ist ein Versuch, die Perspektiven, Hoffnungen und Ängste der Menschen, mit denen M.I.A in den diesen Ländern zusammengearbeitet hat, in den westlichen Popkanon einfließen zu lassen und auch mit unseren Vorstellungen von afrikanischer, indischer, asiatischer südamerikanischer elektronischer Musik und Clubkultur zu brechen.

 M.I.A
 
 
  M.I.A ist auch auf "Black Diamond", dem zweiten Album von Buraka Som Sistema zu hören, das bei uns im Jänner 2009 erscheinen wird.
"Black Diamond" ist ein musikalischer Brückenschlag von Angola nach Portugal. Kuduro ist der Anfang der 90er Jahre in Angola entstanden. Kuduro Beats sind ein Hybrid aus afrikanischen Beatstrukturen, Hip Hop und Elektrobeats, über die auf portugiesisch gerappt wird. Offiziell erschienene Tonträger gibt es sehr wenige, in Europa gar keine, das hat mit den schlechten Produktionsbedingungen in Angola zu tun und der nicht existenten Musikindustrie.

40 Jahre tobte hier der Bürgerkrieg, es gibt immer noch große infrastrukturelle Probleme. Buraka Som Sistema hat sich nach einem Vorort von Lisabon benannt, in dem sehr viele Migranten aus Angola leben. Buraka besteht aus vier Mitgliedern - Europäern und Angolanern. Die erweitere Familie von befreundeten MCs und DJs ist größer. Entstanden ist Buraka Som Sistema aus einer Clubnacht. Kuduro existierte da bereits in Lissabon, wurde aber nicht in den Clubs gespielt, die von Portugiesen besucht wurden. Buraka wollten das ändern, wollte allen Menschen ihre Fusion von Kuduro und Elektrorave vorspielen.

 Buraka Som Sistema
 
 
  An DJ Mujavas Township Funk ist man 2008 auch nicht vorbeigekommen. Mujava stammt aus dem Township Atteridgeville westlich von Pretoria, einer der drei größten Städte Städte Südafrikas. Und der Sound, der in Pretoria und vielen anderen Townships aus den Boxen wummert, ist Kwaito. Es ist die Post-Apartheid-Musik. Mujava steht in der Tradition von Kwaito, geht aber in eine neue Richtung. Wie bei Kwaito ist das Grundgerüst von Mujava Housebeats um die 130 BPM, Mujavas-Tracks sind meist instrumental- und percussionlastig, mit langen Bässen, die an das Wobbeln von Dubstep erinnern.
 
 
 
  Womit sich auch irgendwie ein Kreis wieder schließt. Dem Fließen von Information und Musik durch Kanäle, die nicht von kommerziellen Interessen kontrolliert werden, haben wir diese Musiken zu verdanken.
So verschieden diese Musikstile, Kulturen und ihre Geschichten auch sein mag, sie haben etwas gemeinsam, wenn sie hier bei uns im Westen ankommen. Sie sind kein Produkt, das uns von einer Firma vorgesetzt wird und versucht Authentizität als Verkaufsargument auszuschlachten. Es sind Musikkulturen, die aus materieller Armut und kreativen Reichtum geboren wurden, man spürt die Dringlichkeit, Direktheit und Kraft mit der sich die Artists in einer Sprache, die sie erschaffen haben, artikulieren. Und auch im kommenden Jahr sollten wir die Ohren und Grenzen aufsperren, denn eine Welt die nur aus London, New York Paris besteht wäre doch etwas zu klein.
 
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