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Wien | 14.7.2006 | 12:14 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Eine/r für alle und alles für eines
  Tag 1 am Nuke-Festival

Mein Orientierungssinn ist ja wirklich ausbaufähig, denn wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich hier schon mal gewesen bin, hätte ich es eben nicht gewusst und wäre noch nie hier gewesen auf dem VAZ-Gelände in St. Pölten. Denn an die Wohnhäuser am Parkplatz-Rand, wo früher vielleicht eh kein Parkplatz war, kann ich mich nicht erinnern, geschweige denn an diese Treppen und Stiegen und diese ko(s)mischen Farbkombinationen der Halle. Nach einem kurvenreichen Einparken ein schnelles Schlendern über das Schotter-Gelände, zwischen Büschen hindurch und mit Wassergeräuschen im Ohrwinkel machen wir uns auf in Richtung Arbeitsplatz. Da vorne ist es: Die Bühne, Donnerstag Abend der wichtigste Teil des Beobachtungszentrums hier am Nuke-Festival. Frau Kollegin Gollackner macht den strebsamen Anfang und berichtet über die Eröffnungsband des Abends: The Beautiful Kantine Band.
 
 
 
The Beautiful Kantine Band - das kommt raus, wenn man Beatles, Beachboys und Burgenland in einen Topf schmeißt, das ganze mit einer Prise Peter Kraus-Chic würzt und kräftig umrührt. Ein schweißtreibendes Set Surfin'rockin'beats im grauen Anzug. Und da am Schlagzeug sitzt einer, der sieht aus wie Dave Grohl! (Aufwändige Recherchen haben ergeben, dass es sich bei besagter menschlicher Drummachine um Max handelt, manchen vielleicht auch bekannt von der Band Garish.)
 
 
  Aus der kühlen Halle wird langsam aber sicher eine schwüle Halle. Böse Vorahnungen kommen hoch, denn die Vorstellung, dass, sobald sich das gesamte Festival-Publikum des Abends einfindet, die Schweißpfropfen nur so von der hohen Decke runterkullern werden, ist keine angenehme.

Bis es soweit ist, machen sich die Schweißflecken eher undurchsichtig bemerkbar und die Uhr im Hallengebäude zeigt erst 18 Uhr. Ich bin noch bei einem Wortwechsel mit Adam Green gefangen, der noch schnell meint, ein Best-Of-Album von Creedence Clearwater Revival müsste wohl jede Person besitzen, als aus sicherer Bühnenentfernung die ersten Takte von "Finally" anklingen. Bei "I love this so far" hab ich die Band im Blickwinkel und die Best-Of-Einkaufs-Tipps zur Seite gelegt.
 
 
 
 
 
Die Frames und meine Welt,
  das ist seit mittlerweile fünf Jahren eine emotionale Kollision. Mit einem Gefühl, sich irgendwie abnabeln zu müssen, das Fan-Sein ein für alle Mal abzuschütteln und auf Beobachterposition zu schalten, bin ich bei ihrem letzten Club-Konzert im Flex gestanden und weigerte mich, diesen Gig in Worte zu fassen. Kein Kopfüber-Fallenlassen mehr, kein Erinnerungsschwelgen in Anekdoten mehr, nur die erlebte Musik in den Bezug der aktuellen Trocken-Musiken stellen und mal schauen, was passiert.
Es ist nun aber so passiert, dass meine Nüchternheit, diese Band als "eine von vielen" betrachten zu wollen - vielleicht gar "this guy is a fake!" auf die Bühne zu rufen! - überrollt wurde und ich mich überzeugt und gefestigt auf der Fan-Seite wiedergefunden habe.
 
 
 
  Wie sie das schaffen, das in eine lange Tour eingebettete Konzert so frisch und energetisch wie das erste Konzert überhaupt klingen zu lassen, bei dem es um alles oder nichts geht, so dass bei jedem Song der Funke einer Initialzündung springt. Ich habe keine Worte dafür.
"Confidence" und ich glaube mich an das Wort "Routine" erinnern zu können. Bei dieser Band ist es, wie wenn man sich Bälle auf einem Spielfeld zuwirft, meint Glen Hansard. Es funktioniert auf jeden Fall, ist gestern nach knapp 50 Minuten allerdings schon wieder vorbei.

Gegrüßt sei der Fan, der - wie Mr. Hansard im Interview erzählte - vor kurzem seinen Job gekündigt hat, als er "Finally" im Radio hörte. Vielleicht ist dieses "Alles oder nichts" genau der gefühlsechte Identifikationsmagnet, von dem ich mich nicht trennen kann. Wozu auch. Wann auch. Sorry, I had to dream away.
 
 
 
 
 
Kooks
  "Inside In/Inside Out" von den Kooks ist eine auf den Punkt gebrachte Platte, die den Wunsch "to make people dance" nicht verfehlt. So in etwa sieht auch die Erwartungsfront bei diesem Band-Debüt auf österreichischem Boden aus.

Davor aber kurz zur Einstimmung ein Plaudern aus dem Interview-Kästchen: Luke Pritchard und Hugh Harris meinen, sie seien in Salzburg, auf jeden Fall in "Austria-Town". Denn sie sind in einem dicken Wagen mit getönten Scheiben entführt und "angeliefert" worden.
Frage: "But what do the people want?"
Antwort Hugh Harris: "Songs."
Antwort Luke Pritchard: "Nothing and everything!"
Gesagt und dann faltet Luke Pritchard mal schnell die Hände, um einen Atemzug lang zu meditieren. Kein Scheiß.
 
 
 
  Aber keine The-Band ohne vier Mitglieder. Wo sind also die anderen beiden: "Max and ahm uhm Paul - HAHA, I almost forgot his name - were stuck in traffic," meint der Kooks-Sänger.
"But why didn't you split up anyway?" frage ich - tief ins grammatikalische Freud-Näpfchen blickend.
"What do you mean split up? We didn't split. The other guys are stuck in trafficjams!"
Nein, da sich Promo-Termine und Beziehungs-Termine nicht so leicht vereinbaren lassen, haben sich die Band-Mitglieder eben Mal für ein paar hundert verpflichtende Kilometer getrennt. Und staubedingt haben es die beiden leider nach allem Wollen und Willen nicht rechtzeitig zum Gig geschafft.
So spielen die beiden Kooks-Mitglieder ihr Set eben akustisch. "Because it's natural." Weil so auch die Lieder entstehen und das Setting den Kern und Ursprung der Kooks anyway darstellt.
 
 
 
 
 
  Irritierend für denjenigen, der sich wundert, wer da gerade akustisch von Sofas singt, den nächstbesten / nächstbestaussehenden Besucher nach der auftretenden Band fragt und so aus Julian Casablancas Mund den Namen dieser Formation hören kann: "The Kooks."

Für manche dürfte das Set vielleicht zu sehr "stripped down" gewesen sein, als Fan von reduziert und simpel waren mir selbst die 34 Minuten Spielzeit nicht und nicht genug.
Dafür einmalig! (Was so auch nicht stimmt, denn Teile vom Set werden auf den Frequenzen dieses Senders spätestens in der nächsten FM4 Festivalradio-Sendung zu hören sein. Und die Kooks, die wissen, was sie "Austria-Town near Germany" schuldig sind. Eine 200% Kooks-Premiere. Das hamma schriftlich, bitte:
 
 
 
 
 
Always greener on the other side
  Die Uhr im Turnsaal (nach dem Glockenschlag: Bockhüpfen!) gibt grünes Licht für Haha Adam Green. Hat jemand ein bisschen Zeit für eine Polka und Pop-Metapher?
Nein, also dann auch hier kurz die Zeit zurückdrehen zum Interview. Adam Green und ich, wir kennen uns ja nur aus Büchern und Briefen. Die Freude, mal ein Gespräch vor dem Konzert führen zu können, bleibt mir erschrocken in den Knochen stecken, denn rein äußerlich ist ihm die Antifolk-Unschuld und Verspieltheit zwischen den Zahnlücken entfleucht. Vom Thema "Sleeping Pills" kommen wir auch schneller zur Best-Of-Clearwater Revival als geplant.
"It's a pity they don't play (denk: exist) anymore!" meine ich tief im grammatikalischen Freud-Näpfchen verweilend, und glasige Augen antworten dabei: "No, they don't play anymore."
 
 
 
 
 
  Das Konzert tut schon beim Hinschauen weh, die chaotische Untanzbarkeit des Adam Green, die auch als schrullig gedeutet werden kann, kommt verloren und desorientiert rüber. Mehr unbeholfen als ein Markenzeichen.
Einzig der Brand-Kollos?? - der auch nicht die freundliche Ausstrahlung versprüht, die so Dorffest-Musik versprühen könnte - hält den wackeligen Star im Zaum und gibt dem Auftritt einen kurzen, aber roten Faden.
 
 
 
 
 
The Strokes
  Und jetzt erst recht ein Ausholen: Denn damals, in der Libro Music Hall, bei ihrem Debüt-Konzert als DIE The-Band, das ging ja gar nicht. Ein ultra-kurzes, dem Charterfolg preislich angepasstes und womöglich der Geübtheit halber schlapp-schüchtern-runtergespieltes Konzert in einer Mehrzweckhalle. Bumm zack. Das ist kein Traum. Das ist ein Trauma in der Konzertaufstellung.
Mittlerweile aber hat die Band ja ihre Gelenke wieder entdeckt, mehr Schreib-Erfahrung gesammelt und die Stelle der "DIE Band" mit weitem Speer-Wurf-Abstand durch ihr Album "First Impressions of Earth" zurückerobert.
 
 
 
 
 
  Als Schmankerl für das Fan-Auge hat die Band gleich den besten Lichtdesigner der Rock-Umgebung eingekauft und sich konzeptuell mit Lasern verwirklichen lassen. Ich bin mir sicher, Casablanca hat vor Tour-Vorfreude an seiner Lederjacke gekaut. Denn im Vergleich zu dem, was in der bleibenden Erinnerungskiste an Strokes-Erlebnis (die Einzahl hier ist kein Fehler) als erinnerungswürdig eingestuft ist, war die Band beim gestrigen Konzert fast schon professionell hyperaktiv.
 
 
 
 
 
  Und ein Turnsaal voller fordernder und mit jedem Song mehr und mehr in Befriedigungszustand versetzter Menschen-Menge, aus der entweder vereinzelte schwerelose Beinpaare hervorschauen oder entzückte Rücken, kann nicht irren.
(Einzig das tanzende Mädl, das glaubt, ihre brennende Zigarette in mein Ohr stecken zu müssen, irrt gewaltig!)
Wenn es ein kollektives Crowd-Gedächtnis gibt, muss es auch einen kollektiven Erfahrungswert geben, der gestern bei der Mehrheit in den roten und zehnstelligen Bereich der perfekten Rockseligkeit eingeschlagen hat.
 
 
 
 
 
  Dass für mich das Nuke-Festival mit diesem intensiven Prä-Festival-Tag gleich wieder irgendwie aufhört, liegt an meiner instrumentalen Verbohrtheit und wörtlichen Geschmacksbeschränkung.
Freitag und Samstag übernimmt Kollege Trishes das Schreibruder. Feuer und Flamme dann erst wieder bei "Death to the Pixies".

Alle Fotos: Elisabeth Gollackner.
Bis auf: The Kooks von Florian Wieser.

 
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