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Wien | 21.6.2008 | 20:55 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
15 Step(s).
  Schritt Nummer eins lautet wie immer: rechtzeitig Karten sichern. Der Weg zum Festivalgelände in Neuhausen ob Eck ist mit ein paar wenigen aber trostlosen Menschen gesät, die selbstgebastelte "Suche Karten"-Schilder hochhalten. You do it to yourself und das bedeutet: Festivalurlaub. Ab in den Norden Richtung Süddeutschland. Bei Radiohead muss man nicht zweimal nachdenken. Und auch sonst, scheint das Southside Festival Jahr für Jahr von glücklichen Händen und Köpfen programmiert. Unvergesslich letztes Jahr: Modest Mouse und Conor Oberst. Heuer hätte es fast wieder ein Johnny Marr-Beobachtungsszenario gegeben. The Cribs haben sich schließlich den Ex-Smiths-Gitarristen als viertes Bandmitglied unter den Fingernagel gerissen. Anscheinend nur fürs kommende Studioalbum, denn ihren Auftritt haben die Brüder Jarman als Trio absolviert. Rockkampfgeist, in schwer zuckender Ordnung. Die einzige britische Band gestern, der ich den DIY-Status abnehme. Im Vergleich zu einer Band wie den hohlen Kooks ("we're all about THE FUN..!" Ja eh!) ein wahrer Ausreißer.
 Schritt Nummer 3: Regenschutz einpacken. Die Richard-Wagner-Wolken könnten sich zwar nur als "oberflächlich böse" entpuppen, aber wer will sich damit schon anlegen.
 
 
The Cribs und "the thoughtful stagehands".
 
 
Schritt Nummer Vier hat mit Flüssigkeiten zu tun. Das Saunazelt, die dritte Bühne des Southside Festivals, verlangt es so. Während sich die meisten das T-Shirt ausziehen, versucht es Hamilton von BSP auf die Stadt-Hund-Weise, sprich: mit geöffnetem Mund.
 
 
  British Sea Power haben den Zeitgeist erkannt und ihre Bühne mit Fahnen ausgeschmückt, das bringt zum einen EM-Sympathie-Punkte (Schritt Nummer Fünf: Fussball-Ergebnisse nicht vernachlässigen!) und Camping-Mode aufs Podest, hat aber in erster Linie mit ihrem Song "Waving Flags" zu tun: Eine Klein-Ode über die Einwanderungsströme in England, ein Lied über Ost-Europäische Wirtschaftsflüchtlinge: "You of legal drinking age on minimum wage, welcome in!" Ein Popthema, das nicht selten zu politischen Missverständnissen führt (siehe Morrissey vs. NME), für British Sea Power ist "Waving Flags" eine romantische Willkommens-Hymne an alle Menschen, die sich über Teiche hinweg ein neues Zuhause aufbauen. Im direkten Einverständnis mit Yan&Co bedeutet das kulturelle Vielfalt in der näheren Wohnumgebung. Stichwort: Kaffeehäuser z.b. Ein "Peace, Love and Understanding"-Song der 00er Jahre.

 
 
 
 
  Im Konzertrahmen geben sich British Sea Power zu nachmittäglicher Stunde recht verhalten. Der vorgegebene Zeitrahmen von 45 Minuten erlaubt wenig außertourliche Handlungen für die British Sea Power berühmt sind. Schließlich wird hier gerne gehüpft und geklettert. Schritt Nummer Sechs hat allerdings mit Zeitmanagement zu tun, denn zu einer 100% Überprüfung kommt es nicht, schließlich ruft ein Interviewtermin. Aber es gibt ein Wiedersehen am Fm4 Frequency Festival. Be very afraid.
 
 
 
Bat For Lashes
 
 
  Bat For Lashes haben die Zeltbühne am ersten Festivaltag eröffnet. Die Björk-Vergleiche sind schon von weitem erkennbar. Liebe fürs Detail spiegelt sich sowohl im Outfit als auch in der Musik wieder. Keine Festivalband eigentlich und schon gar keine Zeltband. Im Interview erzählt Bat For Lashes Sängerin Natasha Khan, wie sehr sie die großen Locations (Amphitheater u.a.), die sie als Support auf der Radiohead-Tour bespielt, beeindrucken. Man kann sich's sehr gut vorstellen. Schritt Sieben hat überhaupt mit Vorstellungskraft zu tun. Denn: Nach dem ersten großen Festival der Saison, dem Nova Rock, war mein Glaube an stimmungsvolle Festivals bei denen man sich nicht krampfhaft die äußeren Umstände wegdenken muss, sondern halbwegs automatisch in das Eigenleben Musikgroßereignis hineingesogen wird, auf eine Sparflamme reduziert worden. Friedlich ist nicht das Gegenteil von langweilig. Hier in Neuhausen ob Eck, scheint man zwischen den knocked-out-Besucherinnen tatsächlich noch auf Reflektionsbewusste Seelen zu stoßen, die einem im dritten Nebensatz die Biographie eines 12 Uhr-Performers runterbeten können. Klar, Zufall. Wie überhaupt auf Festivals vieles dem Zufall überlassen wird: Schritt Nummer Acht: An Zufälle festhalten.

 
 
 
 
  Schritt Nummer Neun erklärt Andreas Gstettner: "Bei vielen Sportarten, wie dem Klettern, gehört gerade das "Sich fallen lassen können" paradoxer Weise zu einem perfekten Tag. Kein Stress, sich selber keinen Druck machen und Dinge einfach passieren lassen. So geht es mir auch mit der Musik der Isländer Sigur Ros, die als erster Hauptact die Massen vor die Bühne geholt haben. Während im Rücken ein wundervoller, fast schon kitschiger Sonnenuntergang in den unterschiedlichsten Rosa-, Orange- und Rottönen das Szenario bestimmt, bietet sich auf der Bühne ein nicht minder schönes Schauspiel. Man fällt in das Soundmeer der mit Geigebogen gestrichenen Gitarrenakkorde, der Bass massiert die Magengrube, sphärische Keyboard- und Pianoklänge bahnen sich ihren Raum hinter einem Turm an Equippment hervor, während ein Bläserquintett in blitzweißen Anzügen ihre sanften Harmonien beisteuern. Man kann sich perfekt fallen lassen in die zarte Glockenspielrhythmik, das zwischen Tasteninstrumenten und Geigen und Cello hin und her wechselnde Musikerkollektivs, dass selbst bei härter werdenden Ausbrüchen einen kurz darauf wieder in den Arm nimmt. Der Anblick der Vogelfedern, die dem Sigur Ros Sänger dezent hinter den Ohren aus den Haaren stehen, mag bei dem Einen oder der Anderen zwar die Herr der Ringe-Assoziation Legolas hervorrufen, aber das ist auch schon das einzige, was bei dem überwältigenden Konzert irritieren könnte."
 
 
 
Elbow
 
 
  Schritt Nummer Zehn, Herr Gstettner übernehmen Sie: "Sich mit Freunden treffen. Das Gehört auf Festivals genauso dazu, wie die Brezel zur süddeutschen Weißwurscht. Trotzdem war ich angenehm überrascht, als zu Mittag auf der Bühne mir plötzlich Guy Garvey, der Sänger von Elbow zuwinkt. Eine kurze Plauderei mit ihm und Bassist Pete lässt das Gefühl der großartigen Livepräsentation von "The Seldom Seen Kid" in Manchester im April wieder aufleben. Kurze Zeit später steht die Band auf der riesigen grünen Bühne, gibt sich sehr natürlich und vertraut, zwinkert den Fans zu. Guy schickt mit seinen sympathisch ausladenden Gesten seine poetischen Texte an jeden einzelnen vor der Bühne und als ihre Heimatstadthymne "Station Approach" erklingt, verbreitet sich Euphorie und das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Nach den rockigen Stücke"Leaders Of The Free World" und der famosen Single "Grounds For Divorce" haben Elbow auch die Muse und das Gespür, das Tempo herauszunehmen und mit "The Stops" ihre schönest Slow-Motion Nummer zu spielen. Guy Garvey und seine Band hat es auf alle Fälle geschafft, um fünf Uhr nachmittags ihr ganzes Können, ihren Charme und ihr Gefühl in knappen fünfunddreißig Minuten zu komprimieren. Ähnlich wie in Manchester treffe ich die Band dann gleich drei Mal am Abend wieder, zum körnenden Abschluss während des Radiohead Konzertes voller guter Laune tanzend im Publikum."

Apropos Radiohead:
 
 
 
 
 
  Es ist tatsächlich ein gigantischer Leuchtröhren-Vorhang, der die große Festivalbühne schmückt. Warum auch nicht, ab 1 Meter 95 bis zur Festivalbühnendecke ist quasi Freiraum angesagt. Radiohead füllen diesen mit einer Lichtinstallation und beweisen mal wieder großes Feingefühl für Tour-Umstände. Auf einigen dieser Leuchtröhren sind Kameras angebracht, die von oben das Geschehen filmen und auf die großen Screens rechts und links projizieren, das wiederum erinnert ästhetisch stark an Radiohead's Live-Webcasts. Die Durchüberlegtheit dieses bescheidenen aber effektiven stage settings ist umwerfend. Und Radiohead als Liveact? Unglaublich brav. Nicht schlecht, im Gegenteil, aber auf Perfektion getrimmt, da wird der Song auf Reisen in die Köpfe der Besucherinnen geschickt und muss dort an Ecken und Kanten wachsen. 15 Step war der Opener der Show übrigens. Und so sind die wichtigsten Schritte auf der To-Think-About-Liste eines gelungenen Festivals: Durchhaltevermögen trainieren. Warten bis zum Schluss. Der erste Song ist nicht der letzte Song und ja: Radiohead sind ein eigenes Festival.
 
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  www.southside.de

www.dasding.tv

fm4.orf.at/festivalradio
   
 
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