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Wien | 5.7.2008 | 17:47 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Lou Reed auf Wientagung
  1973 veröffentlicht Lou Reed ein Album über Caroline und Jim. Zwei Junkies, zwei sich verlierende Existenzen. Das zweigeteilte Berlin diente Lou Reed - der die Stadt zum Zeitpunkt der Albumarbeit noch gar nicht besucht hat - nur als Metapher für "Eifersucht, Zorn und Sprachlosigkeit".

'Berlin' ist inhaltlich, wenn man so möchte, die makroskopische Ausleuchtung von all dem Bösen in
'Walk On The Wild Side'. Es ist nicht weniger schockierend als 'Heroin' von Velvet Underground.
 
 
 
 
Orchester vs. Glamrock
  Ausgeleuchtet und wörtlich betont werden Themen wie Drogenmissbrauch, Prostitution, Selbstmord oder häusliche Gewalt. Es ist ein nüchternes, wenig beschönigendes Album, ein Studio Konzept-Album, das mit zahlreichen Sessionmusikern und Orchesterbeteiligung eingespielt wurde. Der Rührstab des Dirigenten statt Reißverschluss-Pose.

Das Album ist nicht sexy. Es ist traurig, es ist ehrlich. Es ist 1973 und Lou Reed schwebt im Berlin der 20er und 30er. Wäre Lou Reed nicht in der kulturellen Blutlacke New York groß geworden, 'Berlin' wäre nie entstanden. Lou Reeds Worte sind das raue und kraftvolle Element auf 'Berlin'. Allein das Ende des Albums ist ein Geniestreich. Nochmal: EIN GENIESTREICH. Die letzten sieben Minuten des einstündigen Hörerlebnisses bringen das Scheitern, die Illusion, den Wunsch nach Besserung, das Leugnen des zwischenmenschlichen Terrors nochmal auf den Punkt, wenn Lou Reed und ein Chor das Ende der Geschichte von Jim und Caroline beweint: "I'm gonna stop wasting my time. Somebody else would have broken both of her arms" heißt es in 'Sad Song'.

Nochmal: SAD SONG! Einfach ein Geniestreich. Das alles ist kein Geheimnis nach 35 Jahren.
 
 
 
 
 
Lester und Lou
  Und doch hat man 'Berlin' verkannt und verrissen. Damals. Hört man sich 'Berlin' 35 Jahre später an, kann man die Aufregung rund um das Album weder verstehen, noch nachvollziehen. Lester Bangs hat 'Berlin' als "einen gigantischen Klumpen von Maden strotzenden Grolls" bezeichnet, was sich weiters als "the most depressed album ever made" übersetzen lässt.

So what? Derselbe Wortheld hat letztendlich 'Metal Machine Music' (1975) als "greatest album ever
made"
bezeichnet und in einem 17 Punkte-umfassenden Manifest unter anderem als Grund angeführt: "Any idiot with the equipment could have made this album, including me, you or Lou." Also make up your own mind.

Und weil jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, an diesem großartigen wirren Autor und seine Hassliebe mit Lou Reed (check out 'Psychotic Reactions and carburetor Dung') zu erinnern, hier noch ein Zitat:

"Lou Reed is my own hero, principally because he stands for all the most fucked up things that I could ever possibly conceive of. Which probably only shows the limits
of my imagination!"
 
 
 
 
 
Julian Schnabel und die Leinwand
  Lou Reed hat der Misserfolg von 'Berlin', wenn man der Interviewschreibung glauben möchte, das Genick gebrochen. Die Ausmaße, die das angenommen hat, heißen: das Album wurde nie live aufgeführt. Bis 2006, als in New York die Idee geboren wurde, jene knapp 60 Karriereminuten in seiner vollen Länge und Wucht darzubieten.

Der Künstler Julian Schnabel hat das dazugehörige Bühnen-Set designt, die chinesischen Drucke, die als Leinwandtapete und Projektionsfläche dienen, ausgesucht, die fliegende Couch (angelehnt an Alejandro Garmendia) beigesteuert und gemeinsam mit seiner Tochter neues Filmmaterial sowie Filmcollagen erarbeitet, um die 'Berlin'-Aufführung visuell zu unterstützen. Details dazu kann man hier nachlesen.

Ebenfalls maßgeblich an der Neuinszenierung dieser Rockoper beteiligt: Produzentenlegende Hal Willner. So hat die Aufführung von 'Berlin' gestern Abend im Wiener Gasometer mit einem Intro von ihm begonnen.
 
 
 
Vorhersehbarkeit galore
  Der weiße Bühnenvorhang zur Seite gerollt, im Hintergrund ein Mädchenchor im blauen Gewand, das kurz 'Sad Song' anstimmt, ein kleines String&Horn-Ensemble im rechten Eck, in der Mitte der Schlagzeuger hinter Plexiglaswand geborgen, die 'Berlin'-Band und der lyrische Übeltäter selbst an der Bühnenfront. Los geht's.

Das Konzept der 1:1-Darbietung einer wichtigen Platte ist kein neues und so werde ich auch nächstes Jahr wieder das All Tomorrow's Parties-Festival (!) besuchen, das von jenem Organisator und Musikfan (let's call him Barry, shall we?) ins Leben gerufen wurde, der mit seiner 'Don't Look Back'-Konzertreihe genau dieses versucht: Sonic Youth zum Beispiel dazu zu bringen, 'Daydream Nation' in voller Länge aufzuführen.

Jetzt hat natürlich die Vorhersehbarkeit einer 1:1-Songperformance ihren Reiz, oder den traurigen Höhepunkt darin, dass ich beispielsweise wusste, dass ich zwischen Track Nummer 5, 'How Do You Think It Feels', ruhig kurz zur Bar gehen kann, denn die ersten Takte von 'Oh, Jim' zu versäumen, das wird schon zu verkraften sein.
 
 
 
 
 
  Nun muss man vielleicht auch nicht viel über die Original-Dramaturgie der Platte erwähnen: das einläutende Happy Birthday-Intro, die klagende Klaviereröffnung fehlte genausowenig wie die Zuspielung der weinenden Kinder bei 'The Kids'. So bleibt vielleicht, auf die Unterschiede zur Original-Platte hinzuweisen.

Ach ja: Standortsuche war in diesem halbvollen (im Vergleich zum halbleerem) Gasometer das geringste Problem, trotzdem hätten die Leinwandprojektionen ruhig dominanter sein können, was eigentlich nur so viel wie "sichtbarer" bedeutet.

Aber womöglich war die geheimnisvolle Projektion der Versuch, einen Ausgleich zwischen bombastischer Textebene und dem Sound zu schaffen.
 
 
 
Gitarrensolo vs. Textvortrag
  Die Neuinterpretierung bot eine stärkere Einbindung des Chores, der 'Lady Day" zum Beispiel zu einem Parade-Gospel-Rock-Song transformiert hat. Man sah Steve Hunter als Posing-Meister ein schier endloses Gitarrensolo seinem Instrument entlocken, bei dem sich meine Haare zu Berge stellten, denn schon beim zweiten Song der Chor dazu missbraucht wird, Soli in die Länge zu ziehen, dann Gute Nacht dem Halleluja.

Das musikalische Horrorgespenst, das manche in einem Trompeten-Solo verkörpert sehen, heißt bei mir: Gitarren-Solo. Blasphemie hin oder her: das ist wie Nagellack verwenden um den Dreck unter den Fingernägeln nicht sehen zu müssen.

Letztendlich machte es wohl die Balance aus, denn jede potenzielle Kniebeuge am Instrument findet
ihr Fade-Out-Ende und führt das konzentrierte Augenlicht wieder an die Lippen des Lou Reed. Spätestens ab 'Caroline Says, Part 2' wurde die Show wieder auf die Erzählebene von 'Berlin' gelenkt. Auf die Prostituierte, auf die Mutter, der die Kinder weggenommen werden.
 
 
 
Oh oh oh what a feeling
  Und so wird das Konzert zu einem großen Erzählkino, vielleicht auch weil die unterbewusste Bildhypnose der Schnabels anfängt zu wirken und Lou Reed gegen Ende nicht mehr so oft auf die imaginären Textzeilen starrt, ganz in seine Wohlfühl-Dirigentenrolle fällt, und sich auch überrascht und dankbar und womöglich auch begeistert (you never know) von der Darbietung seiner Band zeigt. An 'Oh oh oh what a feeling!' aus 'The Bed' und dem fulminanten 'Sad Song' sollten sich wohl alle wahrhaftigen Pop-Kompositionen messen.

Nach einer vollständigen (Vor und Nachname) Vorstellung des Berlin-Ensembles, folgten noch drei Zugaben: das unglaubliche 'Satellite Of Love', 'Rock'n'Roll' und ein, wie ich annehme, neuer Song der den Titel 'Power of the Heart' tragen könnte. Letzte Tat: Vorhang zu.

Knapp 90 Minuten dem 35 Jahre alten, vertonten Überlebenskampf zweier - man könnte ganz abgehärtet sagen: nicht mehr und nicht weniger prototypischen - Stadtmenschen zu hören, lässt einen kurz selber in die Knie gehen.

Lou Reed ist nach Leonard Cohen und Nick Cave einer meiner drei Songwriting-Säulenheiliger. Jemand, der Emotionen ausstellt und auf den Punkt bringen kann. In diesem Sinne ist 'Berlin' ein zeitloses Werk, das in einem ziemlich unvergesslichen "bigger than life"-Rahmen präsentiert wurde, diese Kälte in Alaska muss mal jemand nachvertonen.
 
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