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Wien | 19.7.2008 | 10:16 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Sub Pop Singles Club
  "Und was machst du so?" Schallplatten sammeln? Vinyl sind nicht die neuen Briefmarken. Es ist eines von vielen Musikgenuss-Formaten. Genauso wie die Stereogum-mp3-Mixe auf meiner Festplatte, stapeln sich auch einige wenige 7'' in meinem äh Bücherregal. Ab August dieses Jahres bis August 2009 werden da mindestens noch 12 Scheiben dazukommen. Denn: ich werde Abonnentin im Sub Pop Singles Club.

Die Idee: zu einem Fixpreis von 90 Dollar im Jahr bekommt man vom Seattle's finest record label monatlich eine neue Single zugeschickt. So einfach. Sub Pop ist überall und jetzt auch in deinem Postfach.
 Loser! Send us your money!
 
 
Absolutely nothing sounds better
  Letztes Wochenende feierte Sub Pop 20-jähriges Jubiläum. Das ist insofern verstörend ("Waaaas? Sooooo alt?"), als es das "Label" als Inbegriff musikalischer Szeneverknüpfung schon vor dem Jahr 1988 gegeben hat. Begonnen hat alles 1980 nicht in der zukünftigen Grunge-Hochburg Seattle, sondern in Olympia, Washington als Bruce Pavitt mit Malstiften und Klebstoff bewaffnet, die erste Ausgabe seines "Subterranean Pop" Fanzines kreierte. Ein Umzug nach Seattle und das Zusammentreffen mit Jonathan Poneman legten dann den Grundstein für die schwierige aber fruchtbare Arbeit, durch die noch heute mit Sub-Pop-Logos bestückte Alben in den Plattenläden des Vertrauens zu finden sind.

 Das Cover der 3. Ausgabe des Sub Pop Fanzines.
 
 
We're not the best but pretty good
  Heute gibt es Seminare und To-Do-Listen, um den crediblen (oder nicht?) Status zu erreichen, mit dem Sub Pop nach und nach "erwachsen" geworden ist. Ein Teil vieler Label-Marketing-Strategien, neben großspurigen "World Domination" T-Shirts (um die "corporate culture" mit der Ironieschleuder mitten ins Gesicht zu treffen - vgl. auch Kurt Cobains "Corporate Magazines still suck"-Shirt), war auch der "Sub Pop Singles Club".

Die Fankultur zu festigen war natürlich damals 1988 ein erhoffter Nebeneffekt, eine Sub-Pop-Platte war ein Stück Identität zum Anhalten. Fürs Label bedeutete der Singles-Club allerdings viel mehr, nämlich eine kleine fixe (!) Einnahmequelle in der damals vielleicht noch übersichtlichen, aber nicht wirklich vorhersehbaren Musik-Verkaufsindustrie.

Früher war natürlich alles besser, deswegen kostete die Mitgliedschaft auch "nur" 35$. Wer kapitalistische Rechnungen anstellen möchte, kann natürlich nachschauen, wieviel eine der ersten Club-Singles nämlich "Love Buzz / Big Cheese" von Nirvana heute in der Originalpressung kostet. Für alle anderen wird der Singles-Club wohl Ausdruck eines bestehenden blinden Vertrauens in die geschmackssicheren Ohren der Labelbetreiber sein. Umtausch ausgeschlossen.

 Ein Cover der Labelcompilations "Sub Pop 200"
 
 
 
 
World Domination - gestern
  Grunge findet man z.B. in jeder Badewanne oder Dusche. Es ist das Wort für Dreck. Ein Werbespot für einen Putzartikel in den 90ern mit dem man schwor den "grunge" im Abfluss zu beseitigen, brachte das Wort in alle Szene-Münder. Soundgarden, Mudhoney eh klar. Nirvana kamen und mit ihnen auch die Umwälzungen. Intern und ein bisschen Welt-extern auch. Die Professionalisierung des DIY-Status bedeutete für die Labelbetreiber Pavitt und Poneman auch von Handschlagqualität auf sattelfeste Labelverträge umzusteigen.

Die erste Band sicherte Sub Pop auch gleich das Überleben in den 90ern: Nirvana. Einzig weil Krist Novoselic seine Beziehung zum Label schriftlich festigen wollte, konnte Sub Pop bei Nirvanas Wechsel zu Geffen an den Einnahmen von "Nevermind" und "In Utero" mitnaschen. Die Vereinnahmung der Grunge-Bewegung bzw. die Explosion des "Alternative Rock"-Genres in Richtung Mainstream-Begrifflichkeit, brachte Sub Pop in eine Konkurrenz-Situation zu big major players.

1995 verkauft sich Sub Pop zu 49% an Warner Bros, damit folgt der Versuch mit den Mechanismen der Major Labels zu arbeiten: horrende Band-Vorschüsse und die Expansion des Plattenfirmenbüros lassen eine Labeleigene T-Shirt-Kollektion mit der Aufschrift "What part of 'we have no money' don't you understand?" Realität werden.

 Zuerst der nackte Oberkörper dann das Flanellhemd.
 
 
World Domination - heute
  Bruce Pavitt zieht sich 1996 aus dem Geschäft zurück und kehrt Anfang der 00er Jahre - versöhnt mit Jon Poneman - als "Berater" zum Label zurück. 2001 veröffentlicht Sub Pop das Debütalbum der Shins. It's gonna change your life, wird Natalie Portman später sagen und heute kann man sich nicht mehr erinnern, ob A&R-Mann Isaac Brock (of Modest Mouse fame) mit dem ersten Shins-Demo antanzte oder die Band doch von Love As Laughter weiterempfohlen wurde. Und es ist auch egal. Verkaufstechnisch weiterhin hervorstechend : Postal Services "Give Up" und natürlich "Whincing The Night Away". Im abgeklärten Heute wird niemand mehr die Billboard-Charts-Platzierung dieses letzten Shins-Album hinterfragen. Number 2 heißt in dem Fall 100.000 verkaufte Alben in der ersten Verkaufswoche. "Going out of business since 1988" ist heute nur mehr ein weiteres ironisches T-Shirt-Label-Motto von Sub Pop.

Gestern ist das neue CSS-Album "Donkey" erschienen. "Band Of Horses" passt zu Sub Pop wie die Faust aufs Aug. Da ist auch "Iron&Wine" nicht weit. Sleater Kinneys "Woods" sei hier noch mal in Erinnerung gerufen genauso wie Mudhoney mit ihrem aktuellen "The Lucky Ones". Mit Hardly Art (benannt nach dem Thermals Song "No Culture Icons") hat Sub Pop nun auch ein Sublabel. Watch out for "The Dutchess and The Dukes" zum Beispiel.

 The Shins: "Oh Inverted Years"
 
 
Wie geht's weiter?
  Sub Pop Records hat in ihrer Geschichte zahlreiche Talfahrten erlebt: von Erfolg zu Misserfolg und zurück. Der "Singles Club" war immer ein finanzieller Strohhalm, der Essen auf den Tisch brachte. Die 2008er Ausgabe soll ein Fenster in die akustische Welt des Labels sein. Und zum Thema musikalische Stile? "Die Vielfalt geht Hand in Hand mit Vervielfältigung" meint Jonathan Poneman in einem kürzlich veröffentlichten Pitchfork Interview und bezieht sich weiters auf die "long tail theory": eine Theorie, die besagt, dass die kleinen Auflagen vieler (!) einzelner Nischenprodukte zusammen das System-Überleben sichert.(Stark vereinfacht: lese Chris Anderson.)

Ideologisch klingelt beim Namen Sub Pop die DIY-Major-Indie-Erinnerungskassa. Die Gemeinsamkeit aller (neuen) Sub Pop-Bands lässt sich heute nicht mehr im Sound verorten, sondern in der Bekennung zu einem alternativen Denkmuster. Man reiht sich in die Geschichte ein. (Oder auch: höre Thermals!) Für die Labelseite heißt das auch, sich zu seiner Größe bekennen. Und ein Bewusstsein und die Erfahrung (und die Ruhe?!) entwickeln, um zu entscheiden, ob "band bidding wars" - setze viel Geld für eine große Band, anstatt weniger Geld in 3 kleine Bands - heute noch Sinn machen.

Die 2008er-Club-Singles werden wohl von KünstlerInnen aus dem Long-tail-Sektor kommen. Die Bands werden Om, Unnatural Helpers oder Tyvek heißen. Keine Ahnung, wer das ist. Aber das werd ich noch rausfinden. Sobald ich eine Kreditkarte auftreiben kann.

 Auch nicht schlecht!
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  www.subpop.com
Und nochmal!

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