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Wien | 30.8.2008 | 11:55 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Keep moving.
  Eugene Hutz steht mit angemalten und spitzgewordenen Stiefeln hinter dem Bühnenbereich in Wiesen und tippt per Adlersystem E-Mail-Botschaften in die Maschine. Aus "Just 5 Minutes!" werden auch tatsächlich fünf Minuten und während vor uns 3 Feet Smaller ihr Set beginnen ("What did you say?"), flüchten wir in das fahrende Wohnhaus dieser Band: Gogol Bordello. Die Bastarde der Punkmusik. Das Gespräch kann zwischen Akkordeon und Butterbrot beginnen, unterbrochen durch das zischende Geräusch der sich öffnenden Tür.
 
 
 
Gypsy Punk Revolution
  Eugene Hutz und seine "Gypsy Punk Revolution" ist am Rollen. Das, was bei uns seit 2004 als schräge Performancetruppe bekannt geworden ist, ist mittlerweile ein perfektioniertes Unternehmen. Perfektioniert nicht im musikalischen Sinn, dazu später, aber im Sinne der inhaltlicher Basis. Gogol Bordello stehen für etwas, sie haben Bedeutung. Und das lässt sich nicht mit einem Peace-Zeichen und einem "Seid ihr alle da"-Ruf auf der Bühne zusammenfassen, das erklärt sich in der Zusammenstellung der Ideen einzelner Bandmitglieder. Allen voran natürlich Eugene Hutz selber. DJ, Schauspieler, Musiker, ein geographisch Getriebener.

Was an Gogol Bordello interessant ist? Die Band ist alles - außer romantisch. Während der Balkan-Sound hierzulande mit folkloristisch-romantischer Kraft umgesetzt wird, knapp am komödienhaften schrammend, ist Gogol Bordello das, was man als "serious" bezeichnen könnte. Aber nicht das "seriös" im Sinne von "verbissen ernsthaft". Aber ernsthaft im Sinne der kraftvollen Darstellung und Interpretierung einer teils wahren und teils utopischen Lebensvorstellung. SO eine Ausstrahlung trifft einen auf der Bühne und noch mehr im Gespräch.

 
 
Erstwähler, Rotwähler? Schwarzwähler, Grünwähler, Blauwähler? Kommunist?

"Our message is simple and practical. It's: Educate your neighbour and your friend if you feel like they are possibly stupid!"
 
 
Musik und Politik
  Vor zwei Tagen sind Gogol Bordello durch Italien getourt, ein Land, das in letzter Zeit vor allem durch Roma-Politik in die Schlagzeilen geraten ist. Kein Einzelfall in Europa. Die Ghettoisierung von Roma und Sinti beginnt vielerorts schon im Kleinkindalter: durch Sonderschulen-Politik. Durchzieht sich bis ins Berufsleben. Das weitverbreitete "Diebisches Volk!"-Vorurteil lässt sich seit weit vor dem Zweiten Weltkrieg nicht aus den Köpfen der Menschen kriegen. Die Politik versagt. Für ein kurz zusammengefasstes Q&A hierzu, am Beispiel Italien, siehe etwa hier.

Eugene Hutz, der seine Familienchronik zuletzt im Film "The Pied Piper of Hutzovina" aufgearbeitet hat, kennt die Tragödien hinter diesen Schlagzeilen. Es ist das meistbesprochene Thema in seinen Interviews.

"Italy is very media-tabloid-driven culture. So it's kind of a new media bomb there which doesn't mean that it doesn't exist under the surface in other countries. It attracts a lot of attention so there's a lot of human rights organisations that are trying to deal with this. but in Romania or Czech Republic there is no media bomb about it so it's just snowballing into hell without any attention!"
(Für ein Gesamtüberblick zur rechtlichen Situation in verschiedenen europäischen Ländern siehe European Roma Rights Centre."

Auf die Frage, wie er damit als Bühnenperformer umgeht, mit einer großen Menschenmenge, die heute zur Gypsy-Punk-Musik tanzt und morgen offenen Rassismus praktiziert, antwortet Eugene Hutz: "Our message is simple and practical. It's: Educate your neighbour and your friend if you feel like they are possibly stupid!"

Gesprochen wurde in Wiesen gestern, beim Sandwich-Konzert zwischen Less than Jake und Serj Tankien fast gar nicht.
 
 
 
 
 
  Das neue Album, der Nachfolger von "Super Taranta" ist fast schon fertig. Das Material dazu. Geschrieben wird allerdings ständig, an zwei, drei Alben. Gogol Bordello ist eine dokumentarische Band. Und das Material zum neuen Album ist in Brasilien entstanden. Eugene Hutz ist umgezogen. Weg aus New York, Richtung Rio De Janeiro.
New York, einer seiner Verwirklichungsstationen, nicht zuletzt durch seine wöchentliche DJ-Arbeit in der "Bulgarian Bar", aber auch der Performer-Lern-Station, hat er also den Rücken gekehrt.
"I still do have a strong connection with New York but the things I always admired about NY are, kind of, coming down there. Like the street swing. It, kind of, now exists in a fake version of it in Williamsburg for example and in Rio it's much more alive and swinging in that sense. I'd say with NY I did my personal record that was ten years and I gotta keep moving. It's the age of exploration for me still!"

Das bedeutet auch: Neue Bar suchen, den Party-Schlachtruf an einem neuen Ort ausprobieren: As it is known, Brazilians do know how to party! meint Eugene Hutz. "When people in NY or Tokyo or Canada were telling me I gave them the best party of their life that was one thing but when people in Brazil tell me that: Now I listen. Now I think: Okay, maybe I did something memorable!"
 
 
 
 
 
  Das neue Material wird selbstverständlich auch von Brasilien inspiriert, musikalisch - denn schließlich hat er vor kurzem einige Saiteninstrumente und Trommeln in Richtung New Yorker Proberaum geschickt - aber natürlich auch textlich, denn: "I have two main streaks of writing: Documentary driven stuff and utopia driven. In Brazil it's very easy to channel both at the same time. There's something about that in the atmosphere that supports both of the notions!"

Eugene Hutz's Geschichte ist wohl die der persönlichen kulturellen Umwälzung. Die Suche nach einer kulturellen Identität hört nie auf. Das Wurzelwerk schon früh gelöst: Was bin ich, Russe oder Ukrainer? Was mache ich im österreichischen Traiskirchen oder im italienischen Dorf? - New York, der nicht definierbare melting-pot Amerikas, und nun also Rio. Oder doch Hollywood?
 
 
 
Band versus Film
  Als ich das Filmthema anschneide, gewillt, Madonna aus dem Spiel zu lassen (schließlich hab ich "Filth&Wisdom" noch nicht gesehen), kommt ein lautes müdes Stöhnen. Die unmittelbare Form von Musikmachen ist für Eugene Hutz gar nicht zu vereinen mit der langsamen und langwierigen Entstehung eines Filmes.

"I like aspects of it and I like when it's done but the process itself is brutally murderous and not fun. Music is very instant. Gratification is instant and you are surrounded by people who are high on your music because they are fans and they are with you. When you play, you live in a bubble of positive energy. As an opposite when you wake up at six o'clock in the morning, go to a filmset with bunch of exhausted people who never party at the end of day because everybody is so trashed and exhausted from 12, 13, 14, 15, 16 hour days - and that is just the complete different thing. Sometimes I feel like my wounds healed up so I can do another movie and when I'm fresh again, I'll do it and then I'm wounded again and so it's like one movie in three years - that's okay with me!"

Gegen Ende also dann noch die Versicherung, dass der nächste Film aus seiner eigenen Feder stammen wird: Gogol Bordello, die große Familie, kriegt das alleine hin. Nach seinen eigenen Party-Regeln.
 
 
 
 
 
  Wie es weitergeht? Touren, Touren, Touren. Bis in den Herbst hinein. Der wird Gogol Bordello z.B. nach Eugene, Oregon führen: ins McDonalds Theater. Eine Fußnote, die ich gegen Ende des Interviews einwerfe und ein "Awesome!" entgegengeschmettert bekomme. Und dann dreht es sich plötzlich um Erfolg, vermischt mit dem Gefühl, dass es alles zu langsam geht.

"It's a continuation of the theme: of the lost american tour when most of the reviews where phrased very funny it was called something like 'the American Gypsy'. Kind of trying to claim us as their own. It doesn't piss me off. Now, that we're impossible to ignore and they have to play us on radio and to show us on television because otherwise it looks like they don't know what the fuck is going on. It happens, but it happens very slow. If you go back to this kind of american romantic ideal: Straight of the boat we would already qualify as American Gypsy! But it's only now after god-knows-how-many-tours - I would be lost to count - now that it's safer to claim us - they claim us. Now that we've been on David Letterman!"

Zu spät, Amerika.

"You enjoy the show!" mein ich zum Abschluss und dann kommt nur noch ein "No, YOU enjoy the show!"

No Problem.
 
 
 
  Alle Fotos: Patrick Wally. Vielen Dank dafür!
 
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  www.gogolbordello.com
   
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