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Wien | 29.9.2008 | 20:59 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Tv On The Radio "Dear Science"
  Das Meinungsorgan Pitchfork, jenes Medium, welches Pop-News öfter ausscheidet als ich "Wo ist das nächste Klo?" fragen kann, wunderte sich vor einigen Wochen ob der schlichten Artwork-Aufmachung des neuen TV On The Radio Albums. Und es hat einen Grund, warum sich das gute alte "Never judge a book by it's cover"-Sprichwort auch für das eigene und fremde Plattenregal anwenden lässt. Schließlich ist mit der leuchtenden Schrift auf blauem Hintergrund noch nicht alles gesagt. Spätestens wenn man das "Dear Science"-Booklet aufmacht, geht das sinnvolle Themen-Raster auf. "Quianam omnes moriuntur" steht da geschrieben. Genau, wenn man dem Latein-Wörterbuch glauben möchte, heißt das so etwas wie "Wir werden alle sterben!" Scheiße. Aber richtig.
 
 
Am I not folded by your touch?
  TV On The Radio sind die Band der großen universellen Themen. Alle musikalischen Wortakrobaten und -akrobatinnen, die sich gerne auf die direkte und einfache Ansprache der "I love you/I hate you"-Kategorie ausreden und am Ende des Tages aber doch am liebsten meinen "die Bedeutung eines Songs solle sich jede/r selber zusammenreimen" können sich an der Wortgewandtheit von TV On The Radio einiges abschauen. Nicht, dass dieser direkte Textzugang nicht auch umwerfen könnte, dafür gibt es genug positiv Beispiele der SongwriterInnen-Schule, aber von Zeit zu Zeit die Arbeit einer Band "entschlüsseln können" ist unbezahlbar. Denn: aus TV On The Radio wird man nicht schlau. Ein zum ersten Mal gehörter Song - nehmen wir zum Beispiel die erste Single "The Golden Age" - packt einen mit all seiner treibenden Funkyness in Richtung Optimismus, während man beim Entziffern und Entschlüsseln die Bedrohung dieses goldene Zeitalters wahrnimmt.

Metaphern "comin' round, comin' round, comin' round!"
 

 
audio
 
title: Prime Cuts: Dear Science
artist: TV On The Radio
length: 1:05
MP3 (1.042MB) | WMA
   
 
 
  Sind die Songs also a) Trostgeber für den bevorstehenden globalen tristen Alltag, b) Wünsche für den Wahlkampf der Vernunft oder c) nostalgische "wir haben's gewusst!"-Soundbeweise für die Après-Apokalypse-Party? Mehrfachantworten möglich. Die Vielseitigkeit, dieser lyrische Wolf im Schafspelz, ist aber nur eine Qualität von TV On The Radio's neuem Werk.
 
 
 
"And in the shadow of the gallows of your family tree there's a hundred hearts or three. Pumping blood to the roots of evil to keep it young..."
 
 
  "Dear Science" kann als Brief mit verschiedenen Kapiteln und Adressaten gesehen werden. Sänger Tunde Adebimpe erzählt im Interview, dass er sich bei der Fülle der "wissenschaftlichen Durchbrüche" oft fragt, wo die Antworten auf das eigentliche Essentielle bleiben: Krebsforschung, die Ressourcenfrage, der Klimawandel, Themen der Grundversorgung in einem sozialen System werden hier der Sinnhaftigkeit von einem noch kleineren Telefon, einem noch kleinerem mp3-Player gegenübergestellt: "Come on guys, like just solve one problem or fix one disease! Enough you freaking braniacs, if you have brains, just try to connect them to your heart, just for like a second - and see what happens!"

TV On The Radio setzen genau hier an. Im Vergleich zu "Return to Cookie Mountain", einem Album das in der Post-9/11-Isolation entstanden ist, klingt "Dear Science" offener.
 
 
 
This is beginning to feel like the long winded blues of the never!
  Die zu Recht gelobte Produktionsästhetik dieses vielschichtig (im wahrsten Sinne des Wortes) sich entfaltenden Sounds, der unter der Obhut des "Manipulators" David Sitek auf Platte gezaubert wurde, wirkt weniger bedrohlich als auf "Return to Cookie Mountain", verfehlt aber genau wegen diesem subtilen Ansatz nicht seine Wirkung. Ein Song wie "Family Tree" fängt mit einem zurückhaltenden Keyboard an, im Hall kommen plötzlich Geigen zum Vorschein, die die Feedback-Ansätze im Keim ersticken, Sing-Stimmen wandern von oben nach vorne, von hinten nach unten, bis sich das erkämpft Erhörte in einem Mega-Fade-Out verabschiedet. Ähnlich schaurig: "Love Dog".

"Dear Science" geizt nicht mit frischem Pop-Wind, ganze Zuglüfte sind darauf zu finden. New Disco, new Funk, new Indie. "Dear Science" ist cleverer als 50 Jahre Protestsong-Geschichte, weil es analysiert ohne zu bevormunden oder eben in die "altklug" und "peinlich" Kategorie zu fallen. Höre da: "And you'll all shake your hips. And you'll all dance to this. Without making a fist. And I know that it sounds mundane but it's a stone cold shame. How they got you tame."
In diesem Sinne: Abschneiden! Tausend Scheiben abschneiden und als eigene Erinnerungsnotiz vor sich hertragen, dafür ist "Dear Science" schließlich gemacht.

 
 
Good news for the people who love good news
  TV On The Radio werden am 26.11. in der Arena Wien auftreten.
(Lieber nicht auf das Christkind warten mit dem Ticketkauf.)
 
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Prime Cuts: Return to Cookie Mountain
'Return To Cookie Mountain'. Mit dem Narrenschiff zum Berg der Erkenntnis. (Christian Lehner)

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