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Wien | 8.11.2008 | 18:57 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Oasis live in Köln
  "No show and no interview with any band member?" gibt sich Andy Bell verwundert. Das "good luck" bleibt im Errötungsprozess unerhört, habe ich gerade tatsächlich einer der erfolgreichsten britischen Gitarrenbands gesagt, ich habe in einer Parallelwelt gelebt, in der alle meine Berührungspunkte mit der Band in medialer Lesestoffform waren.
Ich habe also tatsächlich im neuen Jahrtausend keine Möglichkeit ergriffen, wahrhaftige 3D-Erfahrungen mit den Gallaghers zu sammeln.
Alte Schulbekanntschaften hab ich nach 1998 auch nie wieder zurückgerufen. Naja.

Es wird sich aber wohl so schnell keine bessere Möglichkeit bieten, Versäumtes nachzuholen, als sich zurück in die Zeit katapultieren zu lassen, in der Oasis begonnen haben, mittelgroße Hallen auszuverkaufen. So ein Rahmen war das also gestern. Ein 600er Theatersaal.
 
 
 
 
 
Please ...
  Das gestrige Konzert war eigentlich ein Nachholtermin vom September, der Welt-Tourauftakt wurde wegen Noels gebrochener Rippen nach einem bösen Fan-Zwischenfall in Toronto unterbrochen. Was die Band kurzerhand dazuveranlasst hat, die neuen Tour-Termine mit dem Hinweis "rescheduled because of a f****** Canadian" auf T-Shirts zu verewigen. Im Gallagher-Universum eh noch eine milde Aussage, auch Liam gab sich im ersten Interview "dannach" überraschend zurückhaltend, er ist doch nur froh, dass nicht mehr passiert ist.
 
 
 
 
 
... don't put ....
  Die Stimmung war dementsprechend geladen. Man hat schließlich doppelt gewartet. Einmal auf den Originaltermin als Exklusiv-Premiere neuer Oasis-Songs vor der Albumveröffentlichung, einmal auf den gestrigen Tag. Einige Besucher haben sich über fünf Stunden für die Tickets angestellt.
Wenn ich jetzt also schreibe, die Menschen waren ekstatisch, ist das noch untertrieben. Als kurz nach neun Uhr die Lichter im Saal ausgingen, kreischte die Menge nicht nur los sondern warf alle möglichen Abendutensilien in die Luft: Vom Bierbecher bis zum T-Shirt, bis zu einem Silberling, den ich in der Luft funkeln gesehen habe. Die UK-Flagge war zu dem Zeitpunkt schon längst in die erste Reihe getragen. Nach dem gutgewählten Opener "Rock'n'roll Star" setzten sofortige Oasis-Sprechchöre ein. Abwechselnd dann wahlweise Liam oder Noel-Sprech-Chöre, "This is nice and cosy, innit?" Eine Untertreibung für den, der immerhin mal den Regenwald anzünden wollte. Der Gig war nichts für disziplinierte "Am-Rand-Beobachterinnen", die Stimmung im Saal war ansteckend.
 
 
 
 
 
...your life in the hand ...
  Ich mit Dauergrinsen im Gesicht - das war so schon lang nicht mehr. Der Moment, wo sich Vorfreude in Freude verwandelt, bedeutet Endorphin-Ausschuss pur. Gleichzeitig hat die klatschende Teilnahme am lebhaften Handeln dieser Musiker etwas Surreales. Aha, so sehen sie aus, so reden sie, so bewegen sie sich, hoppala sie bewegen sich ja eben nicht, egal.
Das Set? Gefällig, weil auf Nummer sicher würden die einen sagen, perfekt die anderen, beides passt zu Oasis, wer mal ein Konzert für sich mal in "guter Anfang, fader Mittelteil, spannendes Ende" aufgeteilt hat, ist gestern schnell an die Grenzen des Möglichen gestoßen, denn der Mittelteil blieb aus. Wer "Masterplan" auf "Songbird" reimt, "Slide Away" auf "Morning Glory" oder das neue Stück "I'm Outta Time" in "Wonderwall" überleitet, der ist sich der emotionalen Dramaturgie im Raum bewusst.

Die übliche Banddynamik scheint bei Oasis aufgelöst, da passiert einiges durch die Nase, Liams Körpersprache auf ein kindliches "Don't touch me, I'm big" programmiert, der kaugummikauende Noel hält aus dem Augenwinkel das Treiben zusammen. Ein großer Moment, als er sich alleine für eine akustische Version von "Dont Look Back in Anger" ins Zeug legt, dem Publikum das Singen überlässt aber natürlich das letzte singende Wort behält.
 
 
 
 
 
... of a rock'n'roll band!
  Im Interview meinte Gem Archer, nach der letzten Oasis-Tour habe er sechs Monate gebraucht, um "runterzukommen" und in den Alltag zurück zu finden. Ein Alltag, der natürlich trotzdem vom studentischen Überleben weit entfernt ist. Selbst schuld, kein Mitleid, aber eigentlich ist geteiltes Leid halbes Leid, und nach diesem Konzert kann ich Gems Nachsatz ("I mean 6 MONTHS!) ein wenig mehr nachvollziehen. Ist das Publikum als Projektionsfläche erstmal weg, lässt sichs leicht ins Leere projizieren. Er hat ein 1 Jahr langes Tourleben Zeit, sich die Energie zu portionieren, sich bis zur nächsten Tour eine Endorphin-Vorsorge zuzulegen. Wir, die 600 Leute vor Ort, haben dafür 1 Stunde und 48 Minuten Zeit gehabt. Aber auch hier: kein Mitleid. Hätt ja auch zuhause bleiben können und das Konzert im Radio aufzeichnen. Dann wäre ich aber nicht durchs nächtliche Köln spaziert und hätte gesungen:
I am the eggman.
They are the eggmen.
I am the walrus.
 
 
 
Copyright: Eins Live! Danke.
 
 
Oasis Live
  Am 26.2.2009 treten Oasis in der Wiener Stadthalle auf.
 
 
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