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Wien | 1.12.2008 | 13:46 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Vielfaches Hurra, aber davor:
  Ich bin meistens und überhaupt schlecht gelaunt, nur damit das klar ist. Letztens war sogar jemand überrascht wie 'unverbittert' ich aussehe. Von innen bin ich ein ausgehöhlter Kaktus, auf dessen Stacheln sich Namen aufspießen. Meistens von Bands, die ich nie getroffen habe, manchmal von Reallife-Personen, die ich zu oft treffe. Dabei war mir früher alles egal! Die Zeiten der leichtfüßigen Unbeschwertheit vorbei!? Da wo früher in Gedanken und Taten nur eine Pro-Liste zulässig war, findet sich immer öfter und gefährlich verdichtet eine Contra-Liste. 'Mal sehen!' sag ich dann. Oder: 'Keine Lust!' Oder: 'This is beginning to feel like the long winded blues of the never!'
 Besser gelaunt: Dave Sitek.
 
 
Bestens gelaunt: Santogold! Die Dame im Hintergrund gibt es hier in Nahaufnahme!
 
 
  Träge, angewidert, übermüdet hab ich mich also mit dem Zug nach München aufgemacht, um den Bayerischen Rundfunk aufzusuchen. In der HOPFENGASSE! Das hilft der Laune auch nicht weiter. Und um mich dem 'Problem' nicht stellen zu müssen, dass immer wenn ich in Deutschland bin - obwohl ich eh nur Berlin kenne - mich die Leute fragen ob ich aus Bayern komme, nehme ich mir ein forciert natürliches Sprechverbot vor! Wegen meiner chronisch deplazierten Launen-Unart. Daran leide ich! Danke für euer Verständnis. Nein ich bin nicht von hier, höre ich mich sagen, was heißt denn 'hier'? Weder noch! Auf jeden Fall ist das lächerlich und ich peinlich. Weil mich die Routine, die gefühlte Vorhersehbarkeit der Ereignisse innerlich zum Erstarren bringt. Die Purzelbaum-Ernte ist ausgefallen! Wegen Schlechtwetter! Nein, so kann das nicht enden! Hat es auch nicht, wird es auch nicht!

Das Bavarian Open ist umbenannt worden in das 'On3Radio Festival'! Auf den drei Bühnen in den Orchester-Räumlichkeiten der BR-Sendeanstalt wurde Samstag nachts gefeiert. Mit Livemusik, bei der sich die Ohren umstülpen! TV On The Radio, Santogold, Buraka Som Sistema, Dan Le Sac, Bratze, Clara Luzia.
 
 
 
  'Ich will nicht, ich muss!' höre ich einen BR-Mitarbeiter am Nachmittag bei den Vorbereitungen zur journalistischen Nachmittags-Interview-Runde laut sagen. Irgendwelche Last-Minute-Änderungen im Ablauf, bei so einer riesigen Produktion mit solch einem Lineup, Stress ist angesagt.
'Ich will nicht, ich muss!' - eine Schlüsselphrase in meinem Hirnzirkus. 'Ich muss, weil ich will!' programmiere ich mich um. Denn die Rahmenbedingungen könnten nicht schöner sein, um sich seiner Berufung zu besinnen. Bevor das Festival startet: zwischen Soundcheckzeiten und Ankunft laden zwei BR-Moderatoren Bands zu Interviewsessions ein. Und mit der Möglichkeit, andere beim Arbeiten beobachten zu können, schwingt das Pendel um. Radio ist nämlich großartig (Trimediales Arbeiten sowieso)!
 
 
 
Professionell UND gut gelaunt: TV On The Radio.
 
 
  KünstlerInnen, deren musikalische Beweisstücke sich in meinem Plattenregal widerfinden, mal nicht in einem direkten Interviewrahmen oder auf Youtube serviert zu bekommen, sondern auf dem Beobachtungsposten sitzend live zu erleben, hat etwas Supervisionäres! Weil man dann merkt, dass andere auch nur mit Wasser kochen. Und man kann so richtig mitfühlen, wenn eine Band antwortet 'I'm not sure I understand your question?' Ich schwitze mit! Hauptsächlich allerdings wird man bei solchen Runden über die Wahrnehmung oder Aufarbeitung anderer Bands in diesem einem selbst fremden medialen Umfeld informiert. Clara Luzia dürfte für den Sender keine Unbekannte sein, das wird man später noch mal während ihres Konzertes beim Publikum merken. Etwas unbeholfen reagieren die beiden InterviewerInnen allerdings auf die Rolle ihres Bandkollegen Nefzger, der nicht nur Keyboard spielt, sondern auch die Arrangements schreibt und das alte genauso wie das im Frühling erscheinende neue Album produzieren wird.

 Tv On The Radio beim Interview.
 
 
Global gut gelaunt: Buraka Som Sistema.
 
 
  Das Interview mit Anathello, die als Ersatz für Lightspeed Champion eingesprungen sind, ist relaxed und witzig, der Informationswert bezieht sich allerdings auf die Tatsache, dass die Band in einem Kaff aufgewachsen ist (obwohl sie von dort längst nach Chicago gezogen sind). Bei der Frage, wie das einzige weibliche Miglied der siebenköpfigen Band auf Tour mit der 'dressing room'-Situation klarkommt, falle ich kurz in einen erröteten Sekundenschlaf. Um allerdings auf meinen Ursprungsgedanken zurückzukommen: Ein Festival bedeutet oft: Openair-Soundhölle schlechthin! Indoor-Festivals: viel besser! Die Location des On3-Festivals könnte für Soundpuristen keine bessere sein: Studios mit bester Akustik in einer Hörfunkanstalt.
 
 
 
Wörtlich gut gelaunt: Fiva MC!
 
 
  Und mit dabei Bands und ihr Sound: Musiken, die auf Albumformat bei manchen Acts im schlimmsten Fall nur die Hälfte der Kraft ausschütten, weil es die Performance noch als Zusatzfunken braucht - oder Bands, die auf Albumformat ein eklektisches Hörvergnügen bereiten und bei denen sich automatisch die Frage stellt, wie sich dieses auf der Bühne umsetzen lässt. So eine Band ist auch TV On The Radio und das 'allerschlimmste': eines ihrer Bandmitglieder ist Dave Sitek, ein 'sound manipulator', wie er von seinen Bandkollegen genannt wird. Mancherorts und speziell im Rahmen dieser Interviewrunde wurde übertriebenermaßen vom 'best producer' und 'famous producer' gesprochen. Bei aller Wertschätzung - Dave Sitek ist großartig aber ein Sonderfall. In der TVOTR-Schmiede natürlich unersetzbar: er ist die Band, aber die Band ist auch er. Henne oder Ei? Wall of sound? Nein! Wenn Wall of Sound ein Hammerschlag ist, dann setzt sich Siteks Aufnahmetechnik aus vielen kleinen Nadelstichen zusammen, flüstert mir mein Sitznachbar zu.
 
 
 
Nachdenklich UND überzeugend: Clara Luzia.
 
 
  Das ist und bleibt bemerkenswert, die Rahmenbedingungen könnten für eine Band, die nun ihr viertes Album veröffentlicht hat, und sich freiwillig unfreiwillig auf einen langfristigen Pop-Olymp-Marsch aufmacht, optimaler nicht sein. Aber diese Superlativ-Wortgefechte wachsen ja schneller als Gras. Unbeantwortet bleibt die nicht gestellte Frage, welche Soundausschüttungen in Livesituationen am meisten erwünscht sind. Denn von einem Spuren-Schlachthof aus der Isolation eines Studios kommend heißt nicht, dass sich dieser Sound auf einer Bühne mittransportieren lässt. Und dafür, welch hohen Wiedererkennungswert TVOTR -Produktionen besitzen, artet der 'Wie war's?-Anstoß bei KonzertbesucherInnen nicht selten in eine persönliche Laut-Leise-Berichterstattung aus. Wenn die Frage, an welcher Stelle der Hit gespielt wurde, nicht schon vor dem ersten Atemzug beantwortet wurde, kommt diese als nächstes, vielleicht gefolgt vom Vergleich physische Körpererfahrung vs. inhaltliche Dringlichkeit. Und also? Hat es wehgetan? Spürst du's auch?
Yes. The age of miracles. The age of sound!
 
 
 
 
 
  So viele Über-Maße gibt es gar nicht, so sehr möchte ich dieses Festival mit allen möglichen Bestnoten ausstatten.
Abwechslung als kleines Stichwort für 'gelungen' aus BesucherInnen-Sicht. Die Programmierung brachte ein Wiedersehen mit Clara Luzia auf einer großen Bühne. Trotz vieler ruhiger Momente spielte sich die diesmal fünfköpfige Band perfekt zum Morning Light-Höhepunkt. Nichts da mit 'this has all gone wrong'! Schöne persönliche Premiere erlebt mit Fiva MC, die ich zu meiner Schande immer dann höre, wenn ich Heartbeat versäume und den Donnerstag für einen Mittwoch halte (sorry, Phekt!). HipHop zum Zuhören. Dann natürlich die Sub-Sub-Headliner Buraka Som Sistema, die auf eine musikalische Weltumdrehungsfahrt eingeladen haben und selbst eine zugeknöpfte Neo-Stoikerin wie mich des Tanzens erinnert haben. Nach ihrer grandiosen Performance haben sie sich auch gleich in die erste Reihe gequetscht, um Santogold zu sehen, bzw. ihre kongenialen Tänzerinnen, die ohne die Mundwinkelmuskeln zu beanspruchen, den Abend choreographisch abgerundet haben, gegen Ende des Sets unterstützt von FestivalbesucherInnen, die sich auf der Bühne Platz zum Mittanzen erkämpft haben.

 
 
 
 
  Bratze und Dan Le Sac vs. Scroobius Pop hab ich ja leider versäumt. Ein anderes Mal dann, inklusive einem Live vs. Zuhause-Erfahrungs-Ratespiel.

Bis dahin: ein Ausweichmanöver auf DAS hier.

Ach, ich liebe Radio.
 
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