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Wien | 7.12.2008 | 21:20 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Tataratam
  Ein Hörspiel, ein literarischer Monolog, und auch ein Theaterstück. Aus den Berliner Sophiensälen ab in die Wiener brut: "Nico - Sphinx aus Eis".
 
 
 
  Natürlich steht die Musik dabei im Vordergrund. Überlagert von Wortfetzen, die sich sieben SchauspielerInnen an den Kopf werfen, dass man sich im Publikum selber an den Kopf greift. Höhepunkt: "Durch unser Geschlecht kommt der Tod auf die Welt" zum Beispiel.

Besser: "Spiracle" von Anja Plaschg alias Soap & Skin, der Openersong im Stück, inklusive Whooa-Rufe aus dem Publikum. Ob echt oder vom Band ist im Moment der Aufregung auch schon egal, denn um die Musik der Anja Plaschg soll es heute nicht gehen: Die nächsten 90 Minuten steht das Leben der Christa Päffgen alias Nico im Vordergrund. Prä-Gedanke: Schwierig.

 
 
 
 
  Oberflächliches Wissen rund um Nico dreht sich meist um ihren angefixten Sohn, die vielen (natürlich!) Liebhaber, La Dolce Vita, die Factory, Velvet Underground, also Lou Reed und John Cale, der sie später bei ihrer Solo-Karriere unterstützte. Als Langzeitbegleiter fungierten die Drogen. In der Aufschlüsselung rund um die Künstlerin Nico dreht sich vieles um ihre vaterlose Kindheit, geboren 1939, aufgewachsen im Nachkriegsberlin, ab ihrem 13. Lebensjahr modelt sie und reist. Landet in New York. Ihr Künstlername Nico gleichzeitig der Name des Ex-Freundes ihres ersten Fotografen auf Ibiza. Und ad Ibiza: Christa Päffgen stirbt bei einem Fahrradunfall an einem Schlaganfall. Im Juli 1988.
 
 
 
 
 
  Als Grundlage des Theaterstücks fungiert Werner Fritsch' gleichnamiger Monolog aus dem Jahr 2004, insziniert vom deutschen Regisseur Oliver Sturm - und Verzeihung an alle Theatermenschen, ich muss es diesmal so angehen wie eine Plattenrezension, bei der ich die linernotes lese und mir einen alphabetischen Anhaltspunkt suche - Oliver Sturm also: geboren in Holzminden, einem Kaff, in dem ich auch schon war, weckt auch mit zwei Samuel Beckett-Inszenierungen auf seiner Werkliste meine Neugier.

Aus dem Monolog wird eine Collage. Aneinandergereihte Zitate von Weggefährten und vielen Nicos setzen die Handlung frei und stellen die verschiedenen Lebensstationen Christa Päffgens da: die junge Nico, Nico, das Model, Nico, die Musikerin, Nico die alte Mutter. Aus dem Lautsprecher hört man Irm Hermann, in der Rolle einer Erziehungsberechtigten, die sagt "Christa, komm zu uns!" oder "Christa, schau nicht zurück!" Die jeweiligen Akte zusammengehalten von Nico-Songs, interpretiert von Anja Plaschg.

 
 
 
 
  Das, was sich zwischen den Zeilen abspielt, ist entweder Zitat oder Interpretation und in der theatralischen Wort-Wucht leicht überfordernd. Wer mit dem Aufschlüsseln der servierten Anekdoten nicht nachkommt, könnte sich im Theaterraum hilflos und alleingelassen fühlen. Natürlich muss Theater einen nicht an der Hand nehmen (auch wenn die Fernsehapparate am Rande der Bühne, über die Andy Warhols Visage flackerte, wohl genau diese Funktion erfüllen sollen), aber als Aufmerksamkeitsmagnet mitten im Stück einen Sessel zu zertrümmern und mit dem langweiligen "Nur ein toter Künstler ist ein guter Künstler" konfrontiert zu werden: bringt einen eher zum Lachen als zum Nachdenken.

Interessant das Stück, als gegen Ende Nico versucht Kontakt mit Toten aufzunehmen ("Falco? Falco ist zu frisch, um zu erscheinen!") und im delirierenden Zwischenstadium mit ihrem Jim spricht. Der Jim-Morrison-Handlungsstrang gewinnt überhand und irgendwann versucht die Verzweifelte Nico auf der Bühne tatsächlich seinen Badewannen-Tod in die Schuhe seiner damaligen Partnerin zu schieben. Vom Mythos Nico zur Verschwörungstheorie Morrison. Weniger Orpheus&Euridike und mehr Ödipus&Sphinx, bitte.

So bleibt der zentrale Satz "Wer möchte schon ein Engel sein?" eher als einfachste Erklärung der bestrittenen Lebensstationen dieser Künstlerin übrig.
Post-Gedanke also: Schwierig.

 
 
 
 
  "Nico - Sphinx aus Eis" wird am Montag 8.12. und Dienstag 9.12. ab 20 Uhr im Wiener brut aufgeführt.
 
 
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