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Wien | 15.12.2008 | 14:45 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Are we human, are we dancer?
  Ein paar Pro&Contra Gedanken zum neuen Killers Album.

Auf der Contra-Seite: Susi Ondrusova
Auf der Pro-Seite: Robert Zikmund
 
 
 
Pro ...
  Robert Zikmund meint: Daumen hoch!

Keine Ahnung, ob die Killers Queen des neuen Jahrtausends sind und auch keine Ahnung, ob das irgendjemanden interessiert.

Was die Killers jedenfalls sind, ist einigermaßen mutig, um nicht zu sagen, feedback-resistent. Man muss schon recht von seinem Tun überzeugt sein, um in der Position eines Brandon Flowers anno 2008 ein astreines 80er Synthiepop Album zu machen, das eher den Geist der Pet Shop Boys als jenen von Bruce Springsteen atmet. Nach dem hat ja bekanntlich der Vorgänger "Sams Town" gerochen.
Schon der Produzent ist ein Statement wie ein "All In" beim Pokern: Stuart Price, der Mann, der Madonna mit "Confessions on a Dancefloor" den Weg zurück in Disco ebnete, wurde wohl kaum engagiert, um just another indierock Album aufzunehmen.
Eine üppige Suppe sollte es werden, mit Fettaugen oben auf, also braucht sich jetzt niemand wundern, wenn sein bestelltes Essen zu viele Kalorien hat.
Plus: Brandon Flowers, Sohn eines überzeugten Mormonen, hat sich exakt jenes Gewand ausgesucht, um aus dem Haus zu gehen. Er hätte genauso gut die vierhundertste Lowfi-Folkpop-Platte machen können, für sein Vorhaben sollte es aber eben der Bombast, die herzliche Kühle, die augenzwinkernde Gigantomanie der vorletzten Dekade werden.
Flowers zieht seit Bestehen der Killers Verweise und Referenzen, so war es kein Zufall, dass man für "Hot Fuss" von Las Vegas aus den Sound der seltsam weit entfernten Insel suchte.

 
 
Der perfekte Popsong?!
  Nach der Amerikanisierung von "Sam's Town" hat man sich für "Day&Age" nun also jene Verpackung ausgesucht, um schlichtweg eines zu tun: Dem perfekten Popsong so nahe wie möglich zu kommen. Denn genau das ist das Ziel der Killers. Und manchmal ist es wohl kein Fehler, dem gewohnten Habitus zu entkommen, um vermehrt auf seine Stärken, also auf das Songwriting, zu fokussieren.
Und ich kenne viele Vorbehalte, die jetzt auf die Killers von der Leine gelassen werden, vom Formatradio-Sellout bishin zur Gefälligkeits-Produktion.
Nur, alle Seiten-Gerüche mal außen vor gelassenen, ist etwa die Single "Human" einfach ein gutes Stück Popmusik, das sich jenseits des Distinktions-Horizont als Lehrbuch-Beispiel für gelungenes Songwriting empfiehlt.
Auch wenn das mit sich bringt, dass auch die Feinkost Angestellten beim Supermarkt mitsingen, weil ein Hitradio die Nummer rauf und runter klopft. Sei's drum. Dann sing ich eben ausnahmsweise mit.
 
 
 
 
 
... und contra
  Moi sagt: Daumen runter!

Nach den ersten paar Tönen war klar: das wird nix mehr. Die Band aus Las Vegas, hat ihren kühnen, charmanten Sound in Richtung Beliebigkeit ausgetauscht. Waren "Mr. Brightside" und "Somebody Told Me" vielleicht noch in einigen raren "peinliche Lieblingslieder"-Listen zu finden, bietet das "Day&Age" Album nur mehr den ersten Preis in der Kategorie "Peinliches Liedergut".

Dabei ist so eine "neue" Band, wie sie mir das erste Mal vor Jahren vom Spin-Magazin entgegen gestaunt hat, meist wie ein leeres weißes Blatt Papier, das sich nach und nach mit Fußnoten und Anspieltipps füllt, bis man sich sein eigenes Bild gemacht hat und die Band ins Herz schließt oder Richtung Mond schießt. "Hot Fuss" schön und gut. "Sam's Town" nur mehr in der Theorie verschmerzbar. "Day&Age" geht nur mehr als Themenverfehlung durch. Ein auf absolute Nummer-Sicher-geschobenes beliebiges Breitwandpop-Album. Die inhaltlichen Anhaltspunkte austauschbar und unwichtig. Songwriting? Die hohe Kunst des Geschichtenerzählens? Brandon Flowers scheitert. Über den Song "Spaceman" meinte er beim Interview am FM4 Frequency Festival: "Well, it's a metaphor ... ah, i don't know, it's an alien abduction but it can be seen in many different ways, which is very good I think!"

Genau! Alles und nichts. Kraut und Rüben. Malen nach Zahlen. Da hat eine Band ihre Einflüsse in einen Mixer getan, sich einen Über-Produzenten geholt, der kaschieren soll, dass die Band hohle Songs schreibt, aber mit Bling-Bling-Synths, oder Samba-Rhythmen oder Saxophon-Overkilling wird das schon jemandem gefallen. Wem eigentlich. David Bowie? Elton John? Lou Reed?
 
 
 
"We´re utilizing our influences, there´s soooo much good music out there and I like that, that´s what we´re doing, absorbing and making it a part of what we´re doing and it still comes out as the killers¿!"
 
 
Tintenkiller?!
  Ich hab überhaupt nichts gegen Recycling oder Zitieren oder gegen das Durchhören von Einflüssen, wenn es ästhetisch mehr hergibt als eine "Auf Nummer Sicher-Kopie", wenn sich da noch ein kleiner Überraschungsmoment verbirgt, der gegen den gehörten Strom schwimmt, oder irgendwie eine Spannung abseits vom 0815-Pop erzeugt, in wenigstens EINER Songzeile? Oder einfach auch eine Unschuld hat, die keine großen Spuren zeichnet. Es erinnert mich an Menschen, die gut gekleidet zur Arbeit gehen, aber die Kleidung trotzdem noch von der Mama vorsortiert und mit Montag-Freitag beschriftet bekommen.

Das beste überhaupt: Die Band gibt sich keine Blöße und gibt ihr als Erfolgsrezept getarntes Scheitern auch noch preis: Den Song "Neon Tiger" wollte Brandon Flowers "so schreiben wie MGMT". Die Hippie-Hippster MGMT, die in allen Jahresbestenlisten vertreten sein werden und die armen Killers machen sie da nach und versuchen sich an einem dramaturgischen Aufbau, an einem Song, der explodiert und alle mitreißt und als Fazit bleibt so ein entlanggezogener Schunkelrefrain mit "Everybody Make Some Noise" als Schlusspointe. Gut gemeint, ist in dem Fall ein musikalisches Armutszeugnis.

Klar, kann auch ich den Partyeffekt sehen. Das Runterbeten des vermeintlich erfundenen Wortbreis im Bombast-Gewand! Aber soll das Reproduzierbare doch gleich in den künstlichen Palast der Reproduzierbarkeit siedeln: 365 Mal jeden Abend im Caesars Palace, Las Vegas, US of A. Dort sollen sie bleiben, vielleicht hilft der Band mal eine Muse über die Straße und alles wird anders, so dass die nächste Zeitreise mit den Killers keine Fahrerflucht mehr für mich bedeuten wird.

Wenn nicht: Tintenkiller her und das weiße Blatt Papier wieder weiß werden lassen.
 
 
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