fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 21.12.2008 | 17:31 
Scheinlicht im Nebelwerfer. Reis(s)ende Rückblicke auf bleibende Bühnen.

BorisJordan, Fuchs, Hofer

 
 
Decemberlist, Einundzwanzig:
  Martha Wainwright "I Know You're Married But I've Got Feelings Too"

Als Folkmusikerin trägt man entweder sein persönliches Leben mit dem Gitarrenakkord spazieren oder ist das talentierte Chamäleon für alle Lebenslagen: die Gefühlsschablone für die Zuhörerschaft - im höchsten Sinne positiv gemeint. Die Auseinandersetzung des Privaten, die Intensität des Seins oder Sein wollens oder Sein könnens schimmert durch - mal stärker mal schwächer.
Martha Wainwright hat 2005 ein Album veröffentlicht mit dem zentralen (aber sicher nicht einzigem großen) Song der alle Best-Of-Kategorien erfüllt: die persönliche Katharsis ist und anderen die Möglichkeit bietet sich an diesem Song mit seiner eigenen Story zu reiben und zu wachsen. Der Song heißt "Bloody Mother Fucking Asshole" und ist die explicit answer auf den Track "I'd Rather Be Lonely" in dem Mr. Loudon Wainwright III, der Vater der Musikerin, davon singt, dass Alleinsein Glück bedeutet und dafür braucht man weniger als zwei Personen. Will heißen: ICH, ICH, ICH nur ICH allein brauche MICH, MICH, MICH nur MICH allein. Unter solchen Voraussetzungen kann sich jeder den langen künstlerischen Emanzipationsweg vorstellen. Da der Vater, dort die Mutter, dort der Sohn. Die handelnden Figuren sind allem voran aber auch Vorbilder was die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung anbelangt.

 
 
  Den Akkorden also, dem musikalischen Kampfgerüst und dem Wunsch alles aufzuschreiben, konnte sich Martha Wainwright irgendwann nicht mehr entziehen. Ich werde dieser Musikerin dafür ewig dankbar sein. Für die Songzeile "Poetry is no place for a heart that's a whore" bis zu "I wish I was born a man, so i could learn how to stand up for myself, like those guys with guitars" oder "I will not pretend, I will not put on a smile, I will not say I'm all right for you, you whoever you are!"
Dieser Song macht nicht nur für die Sängerin alles klar, sondern auch für die Schreiberin dieser Zeilen. Das ist und bleibt mein persönliches "Like A Rolling Stone" von mir aus.

Das zweite Album der Künstlerin hat und braucht keinen selftitle mehr: "I Know You're Married But I've Got Feelings Too" heißt das im Frühjahr erschienene Werk. Bei einem Interview in Berlin, vor ihrem Auftritt in der Volksbühne, meinte Martha Wainwright über den Albumtitel (der gleichzeitig eine Zeile aus dem Openersong ist):

"I thought it was a very funny phrase and it was much more interesting to me than "Bleeding all over you" which seems too menstrual. The songs have a lot of intensity but I'm also trying not taking myself too seriously. It's not about being with married men, because I have a husband and one is enough. It's about the way that I am as I've always pined over people: always yearning, always needing and there was a couple of people that I could not have. And these obsessions they don't go away and you can see someone five, ten years later and there's still this kind of want or need that is haunting you. When actually it's not so much about the person anymore but more about you and about what you were going through when you were needing this guy and then asking "Why did I want that guy?" I was starving for something!"
 
 
 
 
 
  Wer hinter "I Know You're Married ..." ein Selbsthilfe-Album mit Beschallungsmusik für das Durchblättern von Frauenzeitschriften glaubt zu entdecken (in denen das Ideal des weiblichen Daseins in der Paarung und Vermehrung gepredigt wird) liegt falsch, auch die medialen Fährten sind einigermaßen irreführend(Spexüberschrift: "Wege aus der Psychose"?) auch wenn sie die musikalische Vielfalt und die lyrische Stärke zu erkennen mögen.
Das aktuelle Album von Martha Wainwright ist ein Versuch die Pallette der Emotionen weiter zu fassen. Die eigene Geschichte ein wenig abzuschließen, sich selber als handelnde Person zwar vorkommen aber auch kleiner werden zu lassen, so dass die Interpretationsmöglichkeit nicht mehr nur in der eigenen Familienaufstellung zu finden ist.
Mehr oder weniger, denn es bedeutet, dass man Ängste über die "limousine outside" ausformuliert, die morgen schon ein erkranktes (verstorbenes?) Familienmitglied abholen könnte. Dein oder mein Familienmitglied oder unseres oder einfach "eines"?
 
 
 
  "Though I am trying to take the emphasis off of me, it's always in the first person 'cos I write songs based on my experiences about these things. But I like that there has been a shift. Especially because it's an oldschool style in many ways: it's an acoustic guitar so this is not reinventing the wheel at all this is not that avantgarde! But I still feel that the personal evolution is continuing. And it became easier for me when I was able to become better at what I do: It's a craft!

Once you can master and play the songs pretty well get some great musicians behind you, do a good show where you are entertaining the audience where you're not falling apart then you have a foundation. There is a strong sense of self that comes from me rather than my brother, my father, my mother and the story of my family. What needed to happen is I needed to build my own story with becoming good or better at what I do in order to just be able to rest on that and then grow from that. It's a professionalism where you feel defined. There's a real feeling of accomplishment or at least a reason to continue."


Und mit "the reason to continue" ist hoffentlich ein drittes, viertes oder fünftes Album gemeint. Oder eine dazugehörige Tour?
 
 
 
 
 
 
 
Scheiß auf "Wege aus der Psychose"! Höre auch:
  Cat Power - Jukebox
Jeff Buckley - Sketches For My Sweetheart The Drunk
Nina Nastasia - You Follow Me
Bonnie Prince Billy - The Letting Go
Scout Niblett - This Fool Can Die Now
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick