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Wien | 3.5.2007 | 16:50 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Robert, allein in New York
  "Vor dem Hotel winkte ich mir ein Taxi heran, aber ich hatte verdammt nicht die leiseste Ahnung, wohin ich wollte. Ich wusste nicht, wohin."
J.D. Salinger "Der Fänger im Roggen"

Der Vergleich stellt sich ein wie das Amen im Gebet: Sobald in einem Roman das Erwachsenwerden eines männlichen Jugendlichen im Mittelpunkt steht, heißt es sofort, dies erinnere an J.D. Salingers "Fänger im Roggen". 1951 ist "The Catcher in the Rye" zum ersten Mal erschienen. Seitdem haben unzählige Heranwachsende - sowohl männliche als auch weibliche - die inneren Kämpfe des Anti-Helden Holden Caulfield mitdurchlitten, haben sich wiedererkannt in der Essenz des Romans "Trau keinem über 30" - denn die seien sowieso alle phoneys, wie Holden sie unverblümt nennt, die verlogenen, heuchlerischen Erwachsenen. Der Schriftsteller Salinger selbst war übrigens auch schon reife 32 Jahre alt, als er mit dem "Fänger" eine neue Jugendbuchtradition schuf.

Der Berliner Autor, Journalist und dreifache Egon-Erwin-Kisch-Preisträger Alexander Osang hat nun mit seinem zweiten Roman "Lennon ist tot" eine Art Hommage an den "Fänger im Roggen" geschrieben - auch wenn der nicht ganz so glücklich gewählte Titel seines Buches zunächst auf eine andere Ikone der Popkultur hinweist. Der 45-jährige Osang, langjähriger New York-Korrespondent des Magazins "Spiegel", hat Salingers Roman als Folie genommen und daraus seine eigene Holden-Figur kreiert.
 
 
 
"... wie auch immer."
  Beim Interview in Berlin befrage ich Alexander Osang dann auch gleich zu Beginn zu den offensichtlichen Parallelen zum "Fänger im Roggen".

Herr Osang, wann hat Sie das Buch "Der Fänger im Roggen" zum ersten Mal fasziniert? Schon als Teenager?

"Nein, eigentlich relativ spät. Ich bin ja in der DDR aufgewachsen, das Buch gehörte nicht zur Schulliteratur. Ich hab den 'Fänger' relativ spät gelesen, aber es hat mich wahnsinnig fasziniert. Der Stil, die Lakonie! Ich hab es zunächst in einer ganz alten Übersetzung von Heinrich Böll gelesen, und dann später noch mal in einer neuen Übersetzung. Die eine war ein bisschen zu angestaubt, die andere zu aufgeregt. Dann las ich das Buch auch im Original, wobei ich festgestellt habe, dass es noch erstaunlich lebendig ist. Ich habe die Parallelen natürlich bewusst gesetzt. In der ersten Fassung hatte ich noch viel mehr verdammts drin, die mir mein Lektor mehr oder weniger alle raus gestrichen hat, auch die Formulierung wenn ihr wisst, was ich meine, all diese Ansprachen ans Publikum. Mein Lektor meinte, man verstünde auch so, dass es eine Hommage ist an Salinger. Und es ist ja nicht nur die Jahreszeit: beim 'Fänger' gibt es die Enten, die immer wieder auftauchen, hier sind's die Schwäne. Es gibt die Krankheit, es gibt die Schlussszene, es gibt die Begegnung mit einem Homosexuellen, die Frauen, all die phoneys, denen er begegnet. Es gibt also schon eine Menge Details, die bewusst eingepflanzt wurden."

 
 
"Ein Jahr würde ich bleiben müssen. Irgendwas musste in der Zeit passieren. Ich musste irgendwas mitbringen."
  Robert Fischer ist 19 Jahre alt. Er stammt aus dem beschaulichen Berliner Stadtteil Friedrichshagen und soll ein Jahr lang an einer Universität in Manhattan studieren. Wir erinnern uns: Im ungemütlichen New Yorker November ist bereits Holden Caulfield an der Einsamkeit verzweifelt. Der Berliner Robert Fischer hat Salingers Werke im Gepäck, auch eine Musikkassette, die ihm sein Vater zusammengestellt hat und die dieser die Chelsea-Hotel-Kassette genannt hat, liegt im Zimmer bei der Gastfamilie herum, mit Rock-Klassikern von Janis Joplin, den Sex Pistols, den Doors oder Velvet Underground. Dass Robert gar keinen Taperecorder hat, sondern seine Lieblingsmusik, wie etwa die Roots, nur aus dem I-Pod kommt, das hat sein Vater wohl vergessen. Das Studium interessiert Robert schon nach vier Wochen herzlich wenig. Stattdessen nimmt er einen Job bei einer Detektei an. So sitzt er in einem Kellerraum in Chelsea und schaut sich in Zeitraffer Bilder aus Überwachungskameras an, die in Eingängen von rent stabilized-Wohnhäusern angebracht sind. Robert soll illegale Untermieter aufspüren. Er inspiziert das Leben der anderen - was in Alexander Osangs Buch wie ein unbewusster Schatten der ostdeutschen Stasivergangenheit wirkt.
 
 
 
... als in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort endlich die Tür aufging.
  "Als ich diesen Ort gewählt habe, habe ich nicht die Analogien zum Überwachungsstaat gesehen", gibt Osang zu, der erst vor wenigen Wochen seinen siebenjährigen Aufenthalt in New York beendet hat und nun wieder in Berlin lebt. "Ich hatte einen Freund in New York, der diesen Job gemacht hat. Robert wertet im Buch Filme von Überwachungskameras aus, die in rent stabilized buildings montiert sind, um illegale Untermietverhältnisse aufzuspüren und sieht im Schnelldurchgang praktisch den ganzen Tag auf einen Hauseingang. Ich fand das unglaublich faszinierend, dass man in einem Raum sitzt und eine andere Zeit und einen anderen Ort gleichzeitig beobachtet - den ganzen Tag lang! Für mich war es mehr die Beobachtung der Stadt New York aus einem Kellerloch heraus als eine Analogie zur DDR." Nachsatz: "Aber wenn mich noch mehr Journalisten darauf ansprechen, werd ich wohl dazu übergehen zu sagen, dass das Absicht war!"

 Alexander Osang
 
 
"Es gab also ein paar Widersprüche, und so fing es ja immer an."
  Über die Umwege der Neugier, jugendlicher Rastlosigkeit und Getriebenheit landet Robert Fischer auf Fire Island, jener Dünen-Insel im Atlantik, die dem Big Apple vorgelagert ist und im Sommer als Hangout für wohlhabende New Yorker dient, im Winter jedoch, und das ist die Zeit, in der Robert auf der Insel landet, ein ziemlich verlassenes Nest ist. Der deutsche Einwanderer Hans, der auch nach 15 Jahren in den USA noch so berlinert, als hätte er seine Heimat nie verlassen, bietet ihm Obdach in einem kleinen Waldhäuschen. In diesem Haus soll für einige Tage auch mal John Lennon übernachtet haben. Der Hausbesitzer hat deswegen nach Lennons Tod eine Art Archiv eingerichtet, von dem sich Robert magisch angezogen fühlt.
 
 
 
  Was fasziniert Sie persönlich an John Lennon?
"Faszination ist vielleicht zu viel gesagt. Lennon ist eine Identifikationsfigur für viele gewesen, und der Junge, den ich beschreibe, ist ja auf der Suche nach jemandem. Er entstammt einer orientierungslosen Gener... ich bin vorsichtig mit dem Generationenbegriff, aber ich kenne viele Kinder, die im Schatten der Wende groß geworden sind, mit Eltern, die sich um sich selbst kümmern mussten, die sich neu orientieren mussten, und dieser Junge ist auf der Suche nach einer Identifikationsfigur, da die Eltern offensichtlich nicht in der Lage sind, eine abzugeben. Aber dann gibt es die für mich wichtigere Verbindung, nämlich die, dass Mark Chapman, derjenige, der Lennon umgebracht hat, eine Ausgabe vom "Fänger im Roggen" in der Tasche hatte und sich nach dem Attentat als Fänger im Roggen seiner Generation bezeichnet hat. Und das war für mich das Bindeglied zwischen Lennon und Salinger."
 
 
 
Ein 19-jähriger Held
  Alexander Osang, selbst dreifacher Vater, hat für seinen Helden eine Sprache gefunden, die den 19-jährigen Robert zwar manchmal weiser erscheinen lässt, als er vielleicht tatsächlich wäre, die aber die Überlegungen am großen Generationengraben authentisch widerspiegelt. Der Vater ist zwar Tausende Kilometer weit weg im alten Europa, er ist aber ständig präsent in den Zweifeln und Leiden des jungen Robert F.

"Ich glaube, mein Vater hätte sich gefreut, dass ich die Lieder eines toten Sängers hörte. Im Warteraum seiner Praxis in Friedrichshagen hingen zwei Poster, eins von John Lennon und eins von Janis Joplin. Zwei Tote im Vorzimmer eines Herz-Kreislauf-Arztes waren auch nicht so eine gute Idee, aber über so was dachte mein Vater nicht nach."
 
 
 
Initiationsriten
  Neben allerlei First Times, also Initiationsriten von Sex über Alkohol bis Einsamkeit dreht sich ein großer Teil von "Lennon ist tot" um den Vater-Sohn-Konflikt. Man könnte den Buchtitel auch als Kampfansage gegen die Helden der Vätergeneration lesen. Nur wer sich abgrenzt und loslöst vom Elternhaus, kann Eigenständigkeit entwickeln.

Was macht es eigentlich so schwierig, als Teenager mit einem relativ coolen Vater zurecht zu kommen?

"Das ist schwierig zu beantworten", meint Osang. "Ich war auch sehr jung, als ich meinen ersten Sohn bekommen habe. Ich glaube, es gibt eine Art Konkurrenz zwischen Vätern und Söhnen - das sind extrem schwierige Verhältnisse. Was es so besonders schwer macht, ist, wenn der Vater versucht jünger zu sein, als er ist. Er steht sich selbst im Weg und der Sohn weiß eigentlich gar nicht, mit wem er es zu tun hat, weil der Vater ein falsches Bild von sich selbst entwirft. Und hier in meinem Buch belastet er den Sohn auch noch mit einem mythischen New York-Bild, das aber nur in seinem Kopf vorhanden ist, denn der Vater kennt die Stadt ja überhaupt nicht. Als DDR-Bürger konnte er nie in die Stadt reisen. Aber er gibt dem Sohn den Ballast mit. Und der kann damit überhaupt nichts anfangen."

 
 
Ballast zerstören
  "Alle wollten mich von etwas überzeugen, meistens von dem, was sie selber dachten."

Robert bleibt also nichts anderes übrig als diesen Mythos, diese Aufgeladenheit, diesen Ballast zu zerstören?

"Genau. Und genau so verfährt er mit all den anderen Vater-Figuren, denen er begegnet, die ihm von links und von rechts Ratschläge erteilen, für Amerika, gegen Amerika. Und dann ist da noch die Mutter in Berlin, die ihn mit altem Ost-DDR-Wissen versorgt. An einer Stelle sagt Robert, er fühlt sich wie eine Rakete, die in die Zukunft geschossen werden soll. Phoneys, eben, überall."
 
 
 
  Das Buch "Lennon ist tot" von Alexander Osang ist im S.Fischer Verlag erschienen.
 
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