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Wien | 11.1.2008 | 11:38 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
The Postman never rings twice
  "Der Postbote lügt", pfaucht die Überkopfnachbarin, deren Einmetersechzig zu etwa zwei Drittel von einem braunen Paketberg kaschiert sind. Pakete, auf deren Anlieferung ich seit gefühlten zehn Wochen warte. Aus der Predigt, die die gute Frau ablässt, lese ich, dass meine Mehrfach-Bestellungen beim werten Ecommercekulturartikelverchecker eine kleine Hausrunde gemacht haben. Dass der Postler seelenruhig ein Packerl nach dem anderen bei zufällig auf seiner Tour anwesenden Nachbarn abgestellt hat mit dem Hinweis, das sei so ausgemacht. Mit wem? Mit mir. Jetzt sage auch ich: "Der Postbote lügt." Eiskalt, der Typ. Die Überkopfnachbarin breitet Boykottaufrufe vor mir aus. Es fallen Beleidigungen in der Kategorie Servicewüste. Und Schlimmeres. Mir fällt ein steirischer Karriereaphorismus ein, an den ich seit mindestens 15 Jahren nicht mehr gedacht habe, der aber offenbar immer noch hochmodern ist.
 
 
 
  Nun kann man sich natürlich nicht erwarten, dass der Paketzusteller immer dann auftaucht, wenn man zu Hause ist, aber ein kleiner Prozentsatz der postkutschennostalgischen Bestellerin freut sich vor allem deswegen über einen Internetkauf, weil so eine Paketlieferung ein bisschen wie Geburtstag und Weihnachten für Menschen mit Kurzzeitgedächtnis ist: Man verdrängt, dass man eh selber dafür bezahlt hat, reißt freudig die Verpackung runter, ja, super, genau dieses Buch wollt ich haben! Und die CD! Aber der Bildband wär doch echt nicht nötig gewesen... Herrlich.

 
 
  Wenn also die Haustürzustellung wegfällt und man selber zur Postfiliale latschen muss, dann ist das ähnlich wenig schmackhaft wie Wurstsemmelzubereitung in der eigenen Küche. Eine Wurstsemmel von der Frischfleischtheke, liebevoll zubereitet nach meinen Wünschen von der Thekenfrau, die en passant noch einen charmant-mütterlichen Dialog mit der Kundin führt ("Darf's ein bissl mehr sein? Gurkerl auch? Zwei oder drei Scheiben Emmentaler?"), da geht mein Herz auf. Und mein Magen. Und meine Geschmacksnerven bestehen darauf, dass so ein Semmerl von der Frischfleischtheke immer viel besser schmeckt als die Do-it-yourself-Variante. Ich schwöre. Nicht auszudenken, wenn die Lebensmittelmärkte vergleichbare Kündigungswellen einläuten würden wie die Post AG. Das würde meinen täglichen Outsourcing-Masterplan ganz schön übern Haufen schmeißen.
 
 
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