fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 17.10.2006 | 19:40 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
"Ich mag Menschen eigentlich ganz gerne."
  Go-Kartfahren in einem ausgetrockneten Salzsee in Djibouti, die Suche nach dem Nationalgericht der Mongolen oder eine Eisenbahnfahrt von Berlin nach Tschernobyl: Je absurder, je abgründiger ein Ziel in den Ohren des normalsterblichen Reisebürokunden klingt, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Autor Kracht in sandfarbenen Clarke's Desert Boots und Blue Jeans dort anzutreffen ist. Eigentlich ist der gebürtige Schweizer permanent unterwegs. Seit Jahren. Man könnte auch sagen, er ist ein ewig Reisender. Oder wie es Volker Weidermann treffend im Vorwort zu Krachts neuer Textsammlung "New Wave" beschreibt:
"Kracht ist ein Davonfahrer, den eine sonderbare Mischung aus Überdruss und Neugier hinauszutreiben scheint, in die Welt. Ein Wunsch zu fliehen und nie anzukommen, eine Sehnsucht nach dem ewig Unbekannten, dem kleinen Ort auf der Welt, den niemand vor ihm sah, den niemand vor ihm je beschrieb."
 
 
 
Foto: Anthony Shouan-Shawn
 
 
  Höflich und wohlerzogen wie der 40jährige Kracht nun mal ist, umschreibt er selbst seine Reisen als Besuche. Besuch, das klingt mehr nach sozialer Interaktion, und viel netter als Reise, denn Reise, das hat was von einem ungefragten Eindringen in die Fremde. Und obwohl Kracht per se ein Fremder ist für die Menschen, die er trifft: egal, wo er auch kurz stehen bleibt auf diesem ewig schwankenden Globus, gelingt ihm scheinbar mühelos eben jene von ihm angestrengte soziale Interaktion.

Christian Kracht beschreibt im Interview seine Herangehensweise so: "Das, was ich erreichen will, ist eine Art Membran herzustellen zwischen meinem Erzähler-Ich in den Reportagen und Geschichten und den Menschen, die ich treffe. Es ist ja meist ein unangenehmes Aufeinandertreffen. Für mich nicht, aber für die Menschen, mit denen ich zusammentreffe, bin ich oft unangenehm. Glaube ich."
 
 
 
Beruf: Besuchsschriftsteller
  Er, der Besuchsschriftsteller, findet sich kurzerhand integriert in einen Zirkel vor Ort. Er trinkt Bier mit afrikanischen Baumarktkönigen. Lernt "Spex" lesende deutsche Marinesoldaten in Djibouti kennen. Oder setzt sich in Ulan Bataar in einen Biergarten und isst Toast Hawaii mit Mongolen, die aussehen wie Schweizer Ringkämpfer.
Für den durchschnittlich reiseerfahrenen Leser wirken seine Eskapaden auf der Faktenebene oft wie der Eingang zur Hölle. Kracht hingegen destiliert mit einem fürsorglichen Lächeln auf den Lippen in Hotelzimmern auf der ganzen Welt aus seinen Erlebnissen Geschichten, die - so will es die Membran Kracht - ähnlich energetisch kraftraubend sind wie ein Parkspaziergang.
Und das ist sie eben, die Magie seiner Literatur: leichtfüßig, elegant, selbstironisch und beinahe schon poetisch-zärtlich beschreibt er Menschen und Orte, deren Lage viele Mitteleuropäer nicht mal annähernd auf der Landkarte zu zeigen wüssten.

Die Schatten lauern hinter Formulierungen wie "kristalline Pracht des Anorganischen", wenn ihn - verzückt über den ersten Schneefall des Winters - naseblutend die Nebenwirkungen des Fastens würgen. Die Situationskomik generiert sich aus lapidaren, protokollarischen Schilderungen, wie etwa des ersten (und letzten) Einlaufs in des Autors Leben: "Schmerzen, da der Stutzen einige Scharten aufweist". Dazu zwitschern Vögel in den Bäumen.
Kracht, völlig ironiefrei: "Dazu muss man wissen, dass diese Geschichten bis auf das letzte Wort wahr sind."

 
 
  "Ich dachte an die wundersamen Zusammenhänge in der Welt", schreibt er etwa in der mongolischen Eskapade.
"Ich dachte daran, dass ich mitten in dieser zentralasiatischen Steppe Schweizer Streichkäse an eine mongolische Ziege verfütterte; der Käse war ja quasi von ihren Artgenossen hergestellt worden, nun schloss sich also ein großer Milchproduktekreis. Alles, so schien mir plötzlich, war miteinander verwandt, engstens vertraut und schon immer Teil eines untrennbaren Ganzen gewesen."
 
 
 
Die Membran Christian Kracht
  Die Membran Kracht: Auf der einen Seite steht das, was man so hört, liest, erzählt bekommt. Die Sekundärware sozusagen. Auf der anderen Seite bilanziert das Selbsterlebte, Selbstbeobachtete. Diese beiden Pole übereinander zu schieben bzw. sie in Einklang zu bringen, das ist dann wohl die Suche nach der Wahrhaftigkeit, die auch Christian Kracht anzutreiben scheint. Subjektive Wahrhaftigkeit wohlgemerkt, denn Objektivität, das gibt's sowieso nicht. Nirgends. Und schon gar nicht, wenn es um die öffentliche Wahrnehmung einer Person wie Christian Kracht geht, der leidenschaftlich alles daran setzt, einer eindeutigen Bildhaftigkeit seinerselbst entgegenzusteuern.

Wenn man etwa eine beliebige Selektion der zahlreichen Artikel liest, die über Christian Kracht in den letzten zehn Jahren erschienen sind, kommt man unweigerlich zum Schluss: Mein Gott, was muss dieser Mensch für ein Arschloch sein. Hier betrunken eine Party in Berlin-Mitte gecrasht, dann ein Bilderverbot nach islamistischem Vorbild gefordert, dort der Schluss, nur ein Krieg könne der Weg aus der Ironie-Hölle der 90er sein.
Sehr, sehr seltsam kommt das alles beim Endverbraucher der Sekundärware an. Die Wirklichkeit ist wie meist eine andere: Egal ob vor Jahren in Berlin oder nun kürzlich in Wien, ich treffe stets auf einen neugierigen, höflichen, belesenen, vielseitig interessierten Autor, der mit dem unzurechnungsfähigen Partyterroristen so gar nichts gemeinsam hat. "Ich mag Menchen eigentlich ganz gerne", lässt er im Gespräch den Philanthropen durchblitzen.

 
 
Mit dem verkehrtherum gehaltenen Feldstecher
  Krachts Debütroman "Faserland" wird mit der Initialzündung einer der kontrovers diskutiertesten Entwicklungen in der Neueren Deutschen Literatur gleichgesetzt. Die Rede ist von der so genannten Popliteratur. Das Diktat der Coolness hielt Einzug in den ehrwürdigen Literaturbetrieb. In den späten 90er Jahren war die oberflächliche Einteilung der Welt in die richtigen Markennamen und Musikstile ausschlaggebender für den Erfolg eines Romans als Plot und sprachliche Begabung.
Es gab laute und leise Protagonisten. Auf der einen Seite hyperventilierende Selbstinszenierer wie Benjamin von Stuckrad-Barre und gackernde Mädchen wie Alexa Hennig von Lange, auf der anderen Seite betont ernsthafte Jungautoren wie Benjamin Lebert oder Tanja Dückers.

Die Popliteratur ist mittlerweile: so was von out.
Christian Kracht: nicht. Fernab der lästigen medialen Ausschlachtung der Popschreiber in der Bundesrepublik, nämlich auf Reisen durch Asien und Afrika, schärfte der Weltbürger Christian Kracht seine außergewöhnliche Weltbeschreibungsmethode. Mit dem verkehrtherum gehaltenen Feldstecher: präzise und klar, wie man es nie zuvor gelesen hat. Gleichzeitig unendlich weit entfernt.


 
 
 
  Und natürlich muss er Menschen mögen, sich für andere Leben interessieren. Das ist wohl die Grundvoraussetzung für schriftstellerisches Schaffen. Sonst würden sich seine literarischen Ergüsse auf Postkarten aus fernen Ländern beschränken.
Dennoch: Christian Kracht hat sich über die Jahre einen ganzen Haufen Hass zugezogen. Ein dekadentes Millionärssöhnchen sei er, reaktionär, ein Nazi, und was wurde da noch alles über ihn geschrieben.
Soll er doch die verschlagzeilte Maschinerie der saturierten Vernissagen-Geher und kurzsichtigen Medienmenschen in Berlin-Mitte verstören und terrorisieren, gut so. Das sind die Spitzen, die es braucht, um den Alltag zu durchbohren. Darin liegt eine Spannung, die gottlob (noch) nicht kalt lässt.
Gewiss gewinnbringender ist es allerdings, sich auf seine Texte einzulassen. Denn dort trifft man auf eine Erzählerqualität, die im deutschsprachigen Literaturbetrieb einzigartig ist.
Den schönsten Augenblick, den Kracht in der Textsammlung "New Wave" erlebt, fasst er in folgenden Satz: "Es war ein Morgen aus Glas, an dem alles schmerzt, so schön war es anzusehen."

 
 
  New Wave. Ein Kompendium (1999 - 2006) ist im Verlag Kiepenheuer&Witsch erschienen und versammelt Essays, Reportagen und Briefwechsel aus den letzten sieben Jahren, eine Science-Fiction-Drehbuchfassung seines Romans "Faserland" sowie Fragmente seines ersten Theaterstücks, dessen Uraufführung am Hamburger Thalia Theater aufgrund künstlerischer Differenzen letztlich nie stattgefunden hat.
Bei Rogner & Bernhard ist vor kurzem auch der Bildband Die totale Erinnerung. Kim Jong Ils Nordkorea erschienen, den Kracht mit Eva Munz und Lukas Nikol herausgegeben hat.
 
fm4 links
  Die Website des Autors
   
fm4 links
  fm4.orf.at/lesestoff
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick