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Wien | 13.2.2007 | 12:47 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Dieser Film wird Ihr Leben retten
  "Schräger als Fiktion" oder: Ein Rettungsszenario mal ein bisschen anders erzählt.

 
 
 
  Im absolutistischen System Spielfilm, in dem die Gesetze für die Dauer von (plusminus) 90 Minuten aus dem Zusammenspiel von Team hinter und Team vor der Kamera entstehen und sich mit dem Abspann wieder auflösen, geht es letztlich immer um das eine: eine Geschichte wird erzählt. Und im Laufe des Geschichtenerzählens erhalten wir Einblick in ein, zwei oder mehr Leben, die eine Verwandlung, eine Veränderung durchmachen. So ist es der Wille des Drehbuchautors (hier: Zach Helm) bzw. des Regisseurs (hier: Marc Forster).

Der Geschichte von "Schräger als Fiktion" (im Original: "Stranger than Fiction") liegt auf zwei Ebenen der Gedanke des Gerettetwerdens zur zufriedenstellenderen Daseinsbewältigung zugrunde. Da ist zum einen ein in graues Tuch gefalteter Zwangsneurotiker (Will Ferrell), von Beruf Steuerprüfer, ein Zahlenmensch, der zwischen Akten und Additionen seine Sinne blockiert. Und auf der anderen Seite steht die künstlerische Blockade einer Schriftstellerin (Emma Thompson), die mit allen Mitteln versucht, ihre Sinne so zu beleben, dass daraus die Fertigstellung eines Romans entstehe, auf den der Verlag seit zehn Jahren wartet. Um dies zu gewährleisten, wird ihr eine "Assistentin" beiseite gestellt, die ihr nicht von der Pelle rückt, bevor nicht der letzte Punkt das Farbband verlassen hat.



 
 
Little did he know
  Beide müssen also gerettet werden. Doch gerettet werden kann nur der, der ein Bewusstsein dafür entwickelt, gerettet werden zu wollen.
Für den Moment des Wachrüttelns des Antihelden Harold Crick wählt das Team hinter der Kamera eine Szene, für die sie gut und gerne in die Filmgeschichte eingehen werden. Ich sage nur: Zahnbürste.

Die weibliche Erzählstimme, die dem Zuschauer Harolds von einer Armbanduhr getaktete Monotonie aufschlüsselt, ist plötzlich auch für Harold selber hörbar. Einer heimlichen Beobachterin gleich dokumentiert die Stimme minutiös Harolds täglich wiederkehrende Handlungsabläufe.
Derart aufgeschreckt und gleichermaßen beständig mit dem vorgehaltenen verbalen Spiegel unterwegs führt der Weg via Psychotherapeutin (die hilfloserweise eine Schizophrenie diagnostiziert) zu dem Literaturprofessor Jules Hilbert (Dustin Hoffman), nebenbei der Bademeister (=Lebensretter) des unsiversitären Hallenbades. Hilbert, alarmiert durch die literarische Phrase "Little did he know", die Harold wiedergibt, beratschlagt ihn, aus der Routine auszubrechen und erstmal herauszufinden, ob denn die schriftstellernde Stimme eine Tragödie oder eine Komödie im Sinn hat.

 
 
(Don't) fuck with my mind
  Die exzentrische Originalität, die die erste Hälfte von "Schräger als Fiktion" dominiert und die schwerelos mit Begriffen wie Realität, Wahrnehmung und Fiktion jongliert, ist ein weiteres Indiz dafür, wie sehr sich anspruchsvolle erzählerische Spielarten sowohl in Film als auch in TV in den letzten 15 Jahren weiterentwickelt haben. Kann sich noch jemand daran erinnern, welch Aufsehen Robert Altmans "Short Cuts" ob seiner komplexen Episodenstruktur erregt hat? Heutzutage kräht kein Hahn mehr, wenn Filmemacher wie Steven Soderbergh oder zuletzt Alejandro González Iñárritu bombastische Plotkonstruktionen mit tausend Überlagerungen und Einschüben auf ein Mainstream-Publikum loslassen. Die veränderten, elaborierten Sehgewohnheiten in Zeiten des ubiquitären Multi-Taskings machen auch - und gerade - vor der kleinen Schwester Flimmerkiste nicht halt: Serien wie "24", "Lost" und wie sie alle heißen mögen, haben mit linearen Erzählstrukturen von vor 20, 30 Jahren überhaupt nichts mehr zu tun. Wer wagt, gewinnt. Auf beiden Seiten. Indem von künstlerischer (und Produzenten-) Seite dem Publikum mehr zugetraut wird, kann eine fortlaufende Entwicklung stattfinden. Und weil dem Publikum mehr zugetraut wird, ist es letztlich tatsächlich imstande, komplexere Abläufe visuell und intellektuell zu verstehen und selbstständig zu analysieren und dekonstruieren.

 
 
Am Ende ist es Liebe
  Wie auch nun in "Schräger als Fiktion". Das ständige Wechselspiel zwischen der schöpferischen Schriftstellerinnenebene und der des (scheinbar) fremdbestimmten Steuerprüfers hält das Publikum geschickt bei der Stange, auch durch zahlreiche dramaturgische Einfälle, die hier unerwähnt bleiben sollen.

Ein Film funktioniert dann, wenn du kurzzeitig vergisst, dass du im Kino sitzt. Und das passiert hier definitiv mehr als einmal. "Schräger als Fiktion" ist wie eine überdimensionale beige Cord-Couch, die zum Versinken einlädt.

Aber bei all der Theorie: Kino ist auch Magie. Und auch hier landet Marc Forster einen Treffer. Hier kommt nämlich der Rettungsanker namens Liebe ins Spiel. Die ist unberechenbar, das wissen wir. Und selbst bei Spielfilmen, wo ja nichts dem Zufall überlassen wird, ist ein Detail nicht prognostizierbar: ob der boy und das girl, die gescripteterweise auf der Leinwand aufeinandertreffen, magische Momente erspielen können.

 
 
Jeder verdient ein Happy End. Auch Harold. Punkt.
  Dem stoischen Harold, der seine Routine überwinden muss, wird ein Haxel in Gestalt einer hemdsärmeligen, hippiesken Frau gestellt (großartig: Maggie Gyllenhaal), die all das repräsentiert, was der Steuerprüfer aus seinem Leben gelöscht hat. Sie rettet, was zu retten ist, und wir dürfen uns zumindest für die Dauer dieses Films der Illusion hingeben, dass es immer noch und immer wieder lohnt, für die Liebe zu leben. Jeden Tag.
Denn darauf läuft "Schräger als Fiktion" bei all der Exzentrik, Schrulligkeit und Eigenwilligkeit hinaus: Nimm dein Leben selbst in die Hand. Carpe diem. Nütze den Tag. Es könnte dein Letzter sein.

 
 
  "Schräger als Fiktion" läuft seit Freitag in den österreichischen Kinos.
 
 
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