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Wien | 18.2.2007 | 18:34 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Ein Mann, der für einen anderen Mann arbeitet
  "Ist er auch ein guter Regisseur?", höre ich einen Kinobesucher seinen Begleiter fragen, während die beiden in der Reihe hinter mir ihre Mäntel und ihre Körper verstauen. "In welchen Filmen hat der De Niro schnell noch mal mitgespielt, du kennst einige, oder?" Und dann zählt der Cineastenfreund etwa acht bis neun Filme der letzten 35 Jahre auf, die der weniger enthusiastische De Niro-Kenner mal mit "Ach ja, genau, der war klass" oder mit "Kenn ich nicht" kommentiert.
Während ich den beiden mit einem Ohr zuhöre und die Filmtitel in meinem Kopf mit Bildern versehe, versteh ich angesichts der bedrückend beeindruckenden Liste den armen Matt Damon, der - befragt zu den Dreharbeiten von "Der gute Hirte" - gestand, anfangs wie gelähmt gewesen zu sein, weil er so Angst hatte vor dem großen Robert De Niro.
 Robert De Niro
© reuters
 
 
  Um die Antwort auf die Frage gleich vorwegzunehmen: Ja, er ist ein guter Regisseur. Und vielleicht verrät diese zweite Regiearbeit mehr über den Menschen De Niro als je Interviews (die er ohnehin geschickt abwehrt oder sabotiert), eine darstellerische Arbeit oder andere Annäherungsversuche über ihn aussagen können.
 
 
 
Historie und Story, nicht zu knapp
  In den 167 Minuten, die "Der gute Hirte" dauert, wird ziemlich viel an Historie und Story reingepackt: eine kleine Entstehungsgeschichte der CIA, akademische Männerbünde und ihre Parallelwelten, die Schweinebucht-Kuba-Krise, die Paranoia von Spionen, das System Spionage-Gegenspionage, der Kalte Krieg, Patriotismus, Kritik an menschenunwürdigen Foltermethoden á la Abu Ghraib, Menschen als Materie, Vertrauen und Freundschaft sowie deren Gegenentwürfe, eine Vernunftehe, Einsamkeit, die Rolle der Frau in einer Männerwelt, Lebenslügen. Und über all dem steht das Psychogramm eines Mannes, der den Selbstmord seines Vaters als kleiner Junge mitansehen musste und der später selbst als Vater versagt.

 Angelina Jolie, Matt Damon
 
 
  Wie das alles zusammenhängt, erschließt sich dem Zuschauer in einer unfassbar entschleunigten, nicht chronologischen, man könnte sagen: literarischen Erzählstrategie, die ein Gesicht hat: Matt Damon. Er spielt Edward Wilson, angelehnt an den real existierenden Chef der CIA-Spionageabwehr, James Angelton (1954 bis 1974).

Es gibt geschätzte fünf Szenen, in denen der 36jährige Matt Damon nicht vorkommt. Damon, der das perfekte, altmodische 50er Jahre-Beamtengesicht hat, wie er es auch schon in "Der talentierte Mr. Ripley" vorgeführt hat, ist jene Leerstelle, die sich im Laufe von zweieinhalb Stunden und etwa zweieinhalb Jahrzehnten füllt und die in einer der - das sag ich jetzt einfach mal so - poetischsten Schlussszenen der letzten hundert Jahre buchstäblich in sich zusammenfällt.

 
 
  Vordergründig erzählt "Der gute Hirte" die Anfänge der CIA, jenes mächtigen Geheimapparats mit offiziell 29 000 Mitarbeitern, dessen mythenumrankter Einfluss auf den Lauf der Welt für unzählige US-amerikanische Thriller als Blaupause für Spannung, Stunts und undurchsichtige Action hergehalten hat. Regisseur De Niro interessiert das alles genau gar nicht. Alles andere wäre ohnehin zutiefst verwunderlich gewesen.
 
 
 
Der Mensch als unreflektierter Diener des Systems
  Wer bzw. was hier ausführlich porträtiert wird, ist der Mensch als Maschine. Anders kann die Selbstaufgabe für ein System, dessen Hintermänner selbst wiederum verbeamtete Maschinen im Dienste eines anderen Männergremiums sind, die sich auf dem Reißbrett die Welt, wie sie sie sehen, aufteilen, nicht bezeichnen. So schauen keine Helden aus. So schauen Maulwürfe aus, mit grauen Anzügen, grauen Hüten, grauen Gesichtern und einem lustlosen Nichts herum, das man nicht Leben nennen kann.

Gleichzeitig ist es die Geschichte eines Mannes und seiner Suche nach Ersatzvätern, Ersatzsöhnen, einer Ersatzfamilie. Womit sich indirekt der Kreis wieder schließt: auch "In den Straßen der Bronx", De Niros Regiedebüt, handelt von Vätern und Söhnen und Ersatzvätern.

So folgen wir also 167 Minuten lang der Entmenschlichung eines zu Passivität neigenden jungen Mannes, die gerade noch früh genug durch einige wenige emotionale Momente konterkariert wird, um das Ausmaß der Kälte um ihn herum in ihrer Vollständigkeit zu erfassen.
Diese zerbrechlichen Momente auf der Leinwand spiegeln die Sensibilität auf dem Regiestuhl wieder: Man spürt die Liebe, aber auch die Strenge für die Charaktere sowie die Leidenschaft für den Filmstoff, man spürt jahrelange Vorbereitung, Zweifel, Unsicherheiten, Demut, Unebenheiten, die Genauigkeit, das Wollen und das Müssen, das meisterlichen kreativen Output immer begleitet. So hat ein Ausnahmeschauspieler mit seiner zweiten Regieübung ein cineastisches Meisterwerk vollbracht, dem auch sein (gleichaltriger) "Regieübervater" Scorsese applaudieren wird. Müssen.
 
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  Offizielle Website

Der gute Hirte
   
 
 
  "Der gute Hirte" (im Original: "The Good Shepherd") mit Matt Damon, Angelina Jolie, William Hurt, Joe Pesci, Billy Crudup, Alec Baldwin u.a. ist derzeit in den österreichischen Kinos zu sehen.
 
 
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