fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 25.2.2007 | 08:31 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Dieses Buch wird Ihr Leben retten
  Was ist wohl die allerschwierigste Aufgabe, die einem im Leben begegnet? Ist es die Suche nach Glück? Nach Liebe? Nach Zufriedenheit? Sinn? Erfüllung? Ich glaube, die Antwort ist eine zutiefst profane, die allen anderen Fragen und Antworten zugrunde liegt: Jene Umstände aktiv zu ändern, die einen unglücklich machen. Das aus dem Weg zu räumen, was einen Tag für Tag zu Boden drückt.
 
 
 
The Pursuit for Happiness
  Nun gibt es viele Pfade (und auch Sackgassen), die der Mensch bei seinem Pursuit for Happiness beschreiten kann. Oberflächlich sind es die Diäten, die Schönheitsoperationen, die Ratgeberbücher, die Coffeetable-Books und anderlei zeitgeistiger Kram (zu dem auch die eine oder andere Yoga-Stunde zählt), die kurzfristige Besserung des Seelenunheils versprechen. Andere gehen den Weg der Selbsterkenntnis, indem sie mittels Psychoanalyse ihr Dasein von Grund auf (neu) begreifen. Und dann gibt es noch die Holzhammer-Methode des Systems "Körper, Geist und Seele", das irgendwann das Spiel der Verleugnung nicht mehr mitspielt und sich wehrt. Und einem drastisch einen kleinen Vorgeschmack auf die Endlichkeit serviert. Zum Beispiel mit einer Panikattacke.

 
 
"Jeder hat es besser als Sie."
  Eine Panikattacke ist das Symptom einer tiefen Lebenskrise, und der sieht sich Richard Novak, der 55jährige Held des Romans "Dieses Buch wird Ihr Leben retten" hilflos ausgeliefert. Richard ist mit Aktienhandel zum Multimillionär geworden, lebt in den noblen Hügeln von Los Angeles und hat seine Villa bis zu dem Abend, an dem ihm sein Körper ein Stopp-Zeichen über die Rübe zieht, seit 24 Tagen nicht mehr verlassen. Ein wohlhabender Zombie, der sein Essen in Form von Bio-Heidelbeeren und Müsli auf dem Laufband einnimmt. Und auf der Stelle tritt.
Sein Internist, der sich später als Hochstapler ohne jegliche akademische Zeugnisse, aber mit umso größerer Empathiefähigkeit herausstellen wird, bringt es lapidar auf den Punkt: "Sie sind sterblich, Sie sind gescheitert, Sie sind nicht der Mensch, der Sie werden wollten, Ihre Mutter liebt Sie nicht, Ihr Vater weiß nicht, wer Sie sind. Jeder hat es besser als Sie."
 
 
 
  Na bumsdinatzl. Dieser Mann, der bis auf die Eingeweide entblößt vor den Ruinen dessen kauert, was er als "sein Leben" definiert hat - nämlich die totale Unabhängigkeit von allem und jedem - muss von einer Sekunde auf die andere erkennen: Er braucht niemanden, er kennt niemanden, er hat in niemandes Leben einen Platz. Wer sich so gründlich von der Welt der Abhängigkeiten (Ehefrau, Sohn, Freunde) und Verpflichtungen (Ehefrau, Sohn, Freunde) verabschiedet hat, kann nicht mehr sicher sein, ob er überhaupt noch existiert.
 
 
 
Simulatoren vs. Realisten
  Um die Existenz ihres Romanhelden Richard in einen Zusammenhang zur Welt zu setzen, wählt die in New York lebende Schriftstellerin A.M. Homes ausgerechnet die Welthauptstadt des trügerischen Scheins, Los Angeles. Wer simuliert, ist in Hollywood Realist. Und vice versa. Hier auf dieser gebleichten, blanken Oberfläche, wo Schönheit und Verrücktheit bizarr aufeinander treffen, wo Sanitäter und Feuerwehrleute über Jackson Pollock und De Kooning diskutieren, während sie den Defibrillator aufladen, wo die Verheißung auf Glück und Erfolg buchstäblich auf der Straße zu liegen scheint und Hausfrauen weinend an der Salatbar im Supermarkt zusammenbrechen, beschließt ein Kontrollfreak loszulassen. Und zum postmodernen guten Samariter zu werden.

 A.M Homes
Foto: Marion Ettlinger
 
 
"Für kluge Leute sind Amerikaner ziemlich dumm."
  Richard, ein Jedermann im hysterisch-esoterischen Pool der Extreme, beginnt, die Welt an sich heranzulassen und die losen Fäden zu einem Ganzen zu weben. Er fängt an, sich ernsthaft für die wenigen Menschen um ihn herum zu interessieren, und ungeübt, wie er nun mal ist, schießt er bisweilen übers Ziel hinaus.


Plot und Schreibstil oszillieren dabei stets zwischen cheesy Westcoast-Sonnigkeit und abgründiger schwarzer Komödie. Die Autorin A.M. Homes nimmt dabei den von Ambivalenzen geprägten Lebensstil der Kalifornier kräftig aufs Korn. Sie suhlt sich in der köstlich-lächerlichen Hinwendung sinnsuchender Landsleute zu fernöstlichen Religionen, während die Plastifizierung des amerikanischen Alltagsleben voranschreitet.

Einen Einwanderer aus - man weiß es nicht genau - Pakistan, Bangladesh oder Indien lässt A.M. Homes in seiner fantastischen Ausformung der englischen Sprache Gesellschaftskritik üben: "Für kluge Leute sind Amerikaner ziemlich dumm." [...] "Sie praktizieren Übersehen. Sie steigen ins Auto und rufen dann jemanden mit dem Handy an. Sie haben Angst, allein zu sein, aber die Menschen um sie herum sehen sie nicht." [...] "Amerikaner ziehen sich das Seelenleben von anderen an, als ob sie kein eigenes hätten."

Immer, wenn man bei der Lektüre meint, die Grenzen des gerade noch tolerierbaren Soap-Opera-Zitats seien überschritten, haut A.M. Homes mit einem frisch geschliffenen Messer eine Kerbe in den glänzenden Asphalt und schickt die vier Reiter der Apokalypse nach Malibu. Und rettet damit grandios die Krisenbewältigung ans sichere Ufer der Satire.

 Los Angeles, as seen by photographer Anders Brownworth
 
 
  Dass Homes nun, die übrigens eine Season lang an der TV-Serie "The L Word" mitschrieb, im Gegensatz zu ihren früheren Werken für ihre L.A.-Satire eine etwas humorvollere und surrealistischere Ebene beschritt, führt sie auf den Riss der US-amerikanischen Achillessehne zurück, den sie hautnah miterlebte: "It was being in New York City on 9/11. Looking out my window and seeing these horrible events happen made me think about how this is the only life you get, and it would be better to try and make a positive out of it than leave it as a negative."
 
 
 
  Der Trost spendende Anker, den man hinter dem Titel "Dieses Buch wird Ihr Leben retten" zu finden meint, ist konsequenterweise keiner - so viel Verantwortung für die Leserschaft muss sein, gerade von einer Schriftstellerin, die sich seit ihrem Debüt aufs heftigste dagegen wehrt, Literatur mit der realen Lebenswelt des Autors gleich zu setzen und die zunehmende Fantasielosigkeit einer Gesellschaft kritisiert, in der Fakten und Zahlen als prioritäre Güter gehandelt werden.
 
 
 
"In Familien passiert alle mögliche Scheiße."
  Was Amy Michel Homes jedenfalls auf 446 Seiten spiegelt, ist das Lebensgefühl mittelalter weißer Männer aus westlichen Indutrienationen. Die 1961 geborene Autorin, die ihre Bücher unter den geschlechtsneutralen Initialen ihrer Vornamen publiziert, gilt als eine der herausragendsten Chronistinnen der zeitgenössischen Anatomie der USA. In ihren Romanen und Kurzgeschichten (von denen bislang nur "This Book Will Save Your Life" ins Deutsche übersetzt worden ist) beschreibt sie fast klinisch die Symptome einer bestimmten Seelendysfunktion, die vor allem in der Vorstädten beheimatet ist.
So optimistisch sezierend und auf eine gewisse Weise mit naivem Erfahrunsgdrang getränkt die Haltung in ihrem aktuellen, fünften Roman auch ist: Einen Namen machte sich die Autorin mit dunkler, verstörender, morbider Prosa, die sowohl literarische als auch soziale Konventionen herausfordert. "The End of Alice" beispielsweise ist ein Porträit eines pädophilen Mörders; "In a Country of Mothers" entwickelt eine Therapeutin eine Obsession für eine Klientin, die sich als ihre leibliche Tochter herausstellt. In ihrem Debüt "Jack", das sie mit 19 Jahren vollendete, beschreibt sie aus der Perspektive eines 16jährigen Schülers die Trennung der Eltern und das Bekenntnis des Vaters, homosexuell zu sein. Und in "Music for Torching" läuft ein mit Crack experimentierendes Yuppie-Elternpaar in der Vorstadtidylle Amok. Von erbaulicher Feierabendlektüre also keine Spur.

 Die Häuserkette des Canyons als Verkettung sozialer, ökonomischer Stufen: "Irgendwann will jeder oben sein. Doch es ist immer jemand da, der von unten nachdrängt. Man kann nicht gewinnen."
 
 
  "I am interested in writing fiction which raises questions, which provokes discussion", erklärt Homes in einem Interview mit "The Barcelona Review". "I think it is the job of fiction - of art in general - to generate work which encourages people to look at themselves and the world we live in more closely, or perhaps from a different point of view." Und genau das erreicht sie en passant mit einem Roman, der eine Handvoll fiktive Lebensläufe um ein paar, aber entscheidende Millimeter verschiebt.
 
 
 
  "Dieses Buch wird Ihr Leben retten" ist in der Übersetzung von Clara Drechsler und Harald Hellmann im Verlag Kiepenheuer&Witsch erschienen. Von A.M. Homes erscheint zeitgleich in der KiWi-Paperbackreihe der Titel "Jack".
 
fm4 links
  fm4.orf.at/lesestoff
Mehr Lesestoff auf FM4.
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick