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Wien | 28.3.2007 | 13:54 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Liebe, Arbeit und Kinder
  Die deutsche Kulturjournalistin Iris Radisch und ihre radikal ehrliche Abrechnung mit dem Vereinbarkeits-Mythos: "Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden".
 
 
 
Unterdrückung+Benachteiligung=Fortbestand
  "Wenn wir in den letzten paar tausend Jahren unsere Bevölkerungszahl erhalten und sogar steigern konnten, so war das möglich, weil Frauen unterdrückt und benachteiligt wurden." Ein schmerzhafter, wahrhaftiger Satz ist das, mit dem die deutsche Kulturjournalistin, Fernsehmoderatorin, Ehefrau und Mutter von drei Töchtern, Iris Radisch ihr Buch "Die Schule der Frauen" beginnt. Wie überhaupt dieses Buch, das auch ein Resümee des bisherigen Lebens der Karrieremutter Radisch darstellt, von entwaffnender Ehrlichkeit geprägt ist.

Nun, da wir eine der großartigsten Errungenschaften der Moderne, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, in unserem Dasein verankert haben, habe sich die schmerzhafte Wahrheit nämlich ins Gegenteil verkehrt: Seitdem die Frauen den Preis für die Kinder nicht mehr zahlen wollen, gäbe es immer weniger Kinder. Die Frauen seien genau so gut ausgebildet wie die Männer und hätten hinreichend bewiesen, dass sie arbeiten können wie Männer. Der Feminismus habe keine Antwort auf die Kinderfrage hinterlassen, schreibt die 47jährige Radisch, das Patriarchat die falsche.

 
 
"Läuft hier nicht alles grundsätzlich falsch?"
  "Ich habe viele Jahre geglaubt, man muss es nur wollen, dann kann man alles haben, Kinder, Arbeit und Liebe. Das glaube ich inzwischen alles nicht mehr. Irgendwann, vielleicht an einem frühen Winterabend im vollbesetzten Vorortzug, vielleicht eines Nachts vor dem Wäschetrockner, vielleicht eines Morgens im Dunkeln auf dem Weg zum Kindergarten, kommen die Zweifel: Läuft hier nicht alles grundsätzlich falsch?"
Die Frage, die es für Frauen nun zu beantworten gilt, lautet: Was machen wir jetzt? Und wie wollen wir leben?
 
 
 
Der dritte Weg
  Wir stecken in einer Sackgasse: da, wo wir sind, werden wir immer weniger, dorthin, wo wir herkommen, können wir nicht mehr zurück. Auch wenn konservative männliche Familienpropagandisten vom Schlag eines Frank Schirrmachers oder Befürworterinnen einer seltsamen "Neuen Weiblichkeit" wie die deutsche TV-Journalistin Eva Hermann gern auf die Restauration der "Mutti-kocht-Vati-arbeitet-Ehe" pochen: Das Patriarchat sei heutzutage eher ein Garant für hohe Scheidungsraten als für Kindersegen, stellt Radisch nüchtern fest. Jede dritte Ehe wird in Deutschland geschieden, in urbanen Räumen sogar jede zweite. Die Statistik meldet für Österreich gar noch drastischere Zahlen: in Wien lag beispielsweise im Jahr 2005 die Gesamtscheidungsrate bei niederschmetternden 63 Prozent. Im gesamtösterreichischen Durchschnitt enden 46 von 100 gegenwärtig geschlossenen Ehen früher oder später vor dem Scheidungsrichter.
Männliche Familienflucht, die sich je nach Bankkonto durchaus mehr als einmal in einem Männerleben erkaufen lässt, merkt Radisch bewusst polemisch an, gelte nach wie vor als Kavaliersdelikt. Die andere Seite des täglichen Familiendramas sind jene zwanzig Prozent der Mütter, die in der vaterlosen Kleinfamilie und in neuer Armut leben. Wenig verwunderlich also, dass mehr als ein Drittel der deutschen Jungakademikerinnen auf Kinder schlichtweg verzichten.
Wir brauchen also einen dritten Weg, so Iris Radisch, der uns herausholt aus dem halsbrecherischen Spagat zwischen gefühlter und wirklicher Welt. Wir, die wir heute leben und Kinder haben oder wollen, müssen ein Leben führen, das kein Vorbild kennt.

 © Klaus Kallabis
 
 
  "Unsere Gehirne und Cybersysteme stecken schon weit im 21. Jahrhundert und unsere Herzen und Liebesmodelle noch tief im 19. Jahrhundert, während unsere Körper aberjahrtausendealte Funktionen mit sich herumschleppen. Wir sind gleichzeitig zu futuristisch und zu altmodisch."
 
 
 
Die Ein-Stunden-Familie
  Radisch hält ihre Analyse bewusst im Rahmen ihrer eigenen Generation, der heute 40- bis 60jährigen Frauen mit akademischer Bildung, ohne sich anzumaßen, den Alltag der vielzitierten Supermarkt-Kassierin einzubeziehen. Wenn die rhetorisch brillante Journalistin also von lebensrückstandsfreien Wohnzimmern und der Liebeskatastrophe im konsumistischen Wellnesszeitalter spricht, dann erzählt sie auch immer ihre eigene Geschichte.
Radisch selbst wurde nach ausgedehnten Studien und jahrelanger Erwerbstätigkeit erst mit 36 Jahren zum ersten Mal schwanger. Vor der Geburt des zweiten Kindes verabschiedete sich ihr damaliger Partner und suchte sich "ein künstliches und kinderloses Paradies", wie sie es zartbitter formuliert. Ohne Schönfärberei erzählt sie, wie die nach ökonomischen Gesetzmäßigkeiten getaktete Arbeitswelt mit dem lebendigen, unvorhersehbaren Familienleben unangenehm kollidiert - was jeder arbeitende Mensch mit Kleinkind tagtäglich zu spüren bekommt.
Radisch gibt freimütig zu, dass sie jahrelang ihre Kinder außerhalb der Sommerferien und des Wochenendes nur zu einem schnellen Frühstück und abends beim Schlafengehen gesehen hat. Wie fast alle Väter und die meisten anderen berufstätigen Mütter. So würden sich laut Radisch die Eltern mehr und mehr daran gewöhnen, dass ihre Kinder die meisten primären Welterfahrungen in einer offenbar dafür zuständigen Institution machen. Es fehle das Einfachste für ein wirkliches Familienleben: die Zeit.

 
 
Zeit, zweckfrei und ungebunden
  "Zeit, im älteren Sinn des Wortes, hat fast niemand. Zeit, die man nicht benutzt und absolviert und vor den Karren irgendeines kurzfristigen Zweckes spannt, sondern Zeit, die sich ereignet. Wenn es wahr ist, dass Erziehung durch das geschieht, was gerade geschieht, und nicht durch das, was beabsichtigt ist, kann man davon sprechen, dass wir unsere Kinder im Doppelernährerhaushalt überhaupt nicht erziehen."
 
 
 
  Iris Radisch kritisiert harsch den Verlogenheitsmythos der Vereinbarkeit von Kind und Karriere - denn davon profitiere immer nur die Arbeitswelt, nach der sich die Familie zu richten habe, egal, mit welchen Kinderkrankheiten, Bastelarbeiten oder anderen nicht unmittelbarem Nutzen zuordenbaren Tätigkeiten wie Steine schmeißen oder Zweige im Wald suchen sie gerade beschäftigt ist.

Iris Radisch spart aber auch nicht an ausgedehnter Kritik an den sich davon stehlenden Männern, die sich endlich bewegen müssten, soll das System Familie nicht endgültig kollabieren: sie müssten die männliche Hälfte der Welt mit uns Frauen teilen und die weibliche Hälfte endlich erobern.

Keine Frage: Die Familie hat den Übergang ins 21. Jahrhundert noch vor sich. Womit wir beim Kern des Buches angekommen sind: beim optimistischen Appell, die Familie gemeinsam neu zu erfinden, denn allen Widrigkeiten zum Trotz stelle die Familie immer noch ein Gegenmodell zur Allgewalt der Ökonomie und Beschleunigung dar.
Lösungen kann auch die Autorin nicht anbieten, gesichert ist jedoch: Die Zeiten, in denen die Gefangenschaft unserer Mütter und Großmütter in ihren Hausfrauenleben sich in ein Gemälde der Selbstlosigkeit und natürlichen Bescheidenheit umpinseln ließen, seien endgültig vorbei. Es müsse für Frauen mehr als die Wahl zwischen lauter Schrecknissen geben. Es sei engstirnig und fantasielos, so Iris Radisch, wenn nur gänzlicher Rückzug aus der Arbeitswelt, völlige Erschöpfung zwischen Familie und Arbeit oder Kinderlosigkeit zur Wahl stünden.
"Die Zukunft, die ich meinen Töchtern wünsche, wird anders aussehen. Wenn wir es wollen, wird es nicht mehr heißen, eins ist zu wenig und beides ist zu viel. Dann gibt es Freiheit. Liebe, Arbeit und Kinder, diese drei werden sich nicht länger ausschließen."

 
 
 
  Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden von Iris Radisch ist im Verlag DVA erschienen.
 
 
 
Iris Radisch im Gespräch
  Heute in Connected (14-17) zu hören: Iris Radisch im Gespräch mit Veronika Weidinger.
 
 
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