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Wien | 4.4.2007 | 14:26 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Das Mädchen mit dem Dad
  Auf Seite 538 verliert die Protagonistin den Boden unter den Füßen. Alles, was die 16jährige Blue van Meer in ihrem Leben als emotionale und mechanische Sicherheit festgezurrt hat, fällt in sich zusammen, fällt auseinander, dreht sich im Kreis. Nichts ist so wie es scheint. Im Körper und im Geist breitet sich ein großes Schwindelgefühl aus. Ein junges Leben und seine Ereignisse müssen neu gedeutet werden.
Auf Seite 538 verliert der Leser den Boden unter den Füßen. Alles, was uns Blue van Meer, dieses verschrobene, viel zu intelligente, oft unfasssbar nervende Wunderkind mit der Beobachtungsgabe eines ganzen Geheimdienstes, über ihr Leben erzählt hat, fällt in sich zusammen, fällt auseinander, dreht sich im Kreis. Im Körper und im Geist breitet sich ein großes Schwindelgefühl aus. Ein Debütroman und seine falschen Fährten müssen neu gedeutet werden.
 
 
  Blue van Meer und ich, wir wurden Opfer eines megalomanischen Literaturpuzzles. Die Strippenzieherin, die uns über hunderte von Seiten hinweg in einer letztendlich trügerischen High School-Roman-Sicherheit eingesponnen hat und nun mit der Wucht einer Abrissbirne Angst und Schrecken verbreitet, der bis in den politischen Radikalismus der späten 60er Jahre und zu den Schnürsenkeln des Sekunden später tödlich getroffenen Benno Ohnesorg reicht, diese Strippenzieherin heißt Marisha Pessl. Und hat den wohl aufsehenerregendsten Erstlingsroman des Jahres geschrieben.
 
 
 
Wunderkind mit österreichischen Wurzeln
  Aber befassen wir uns vielleicht zuerst einmal mit den Fakten. Die allerdings auch schon wieder so außergewöhnlich und überirdisch anmuten, dass man geneigt ist, die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit extrabreit auszuloten. Marisha Pessl, Jahrgang 1977, Eltern geschieden, Vater ist Physiker aus Steyr, die Mutter Amerikanerin, hat im Sommer 2006 ihr erstes Buch veröffentlicht. Drei Jahre hat sie daran gearbeitet, zarte 28 war sie bei der Fertigstellung. "Special Topics in Calamity Physics" ist ein sehr, sehr dickes Buch geworden, fast 600 Seiten, ein Roman über ein ungewöhnliches Mädchen mit einem noch ungewöhnlicheren, anbetungswürdigen Dad, "ein Vater wie vom bohemistischen Wunschzettel", wie Tobias Rapp in der taz sehnsüchtig anmerkte. Die Literaturkritiker der "New York Times" wählten die Geschichte vom Mädchen mit dem Dad unter die zehn besten Bücher des Jahres 2006.
 
 
 
Fast zu schön um wahr zu sein
  Dann nimmt die journalistische Arbeit die erste Umdrehung in Richtung Mythenschreibung: Weil die "New York Times" die junge Autorin, deren Katzen Hitchcock und Fellini heißen, in der Rezension als "verstörend schön" beschrieben hat, soll das amerikanische Verlagshaus angeblich beschlossen haben, ab sofort Fotos der Autorin für die Journalisten nicht mehr als Serviceleistung automatisch mit dem Roman mitzuliefern. Als Reaktion hypte sich das Debüt nun quasi wie von selbst, die Welle der neu erfundenen Autoren-Kategorie "American Streber", zu der nun Pessl und Kollegen wie Jonathan Safran Foer, Dave Eggers und Benjamin Kunkel gezählt werden, schwappte nach old europe und der deutsche Verlag, der die Übersetzung ursprünglich erst für Mai 2007 angekündigt hatte, nutzte die goutierende Vorberichterstattung, um diesen Ziegelstein von einem Roman drei Monate eher auf den deutschsprachigen Markt zu werfen. Die, die getroffen wurden, bleiben nun also tatsächlich ob soviel Talent, Perfektion, gutem Aussehen und ordentlichen Manieren betäubt auf der Chaiselongue (oder wo auch immer gern gelesen wird) liegen.
 
 
 
Voilá. Foto muss sein. Miss Pessl, fotografiert von Laura Rose. Tatsächlich "verstörend schön".
 
 
Ein Ziegelstein von einem Roman
  Was ist das also für ein Wunderwerk, dieser Ziegelstein, der doch auch nur aus Buchstaben und unzähligen Kombinationen von Buchstaben besteht? "Die alltägliche Physik des Unglücks", wie der Roman in der deutschen Übersetzung heißt, erfordert - um die kleine Analyse etwas erdig zu beginnen - enorm viel Sitzfleisch. John Irvings Monstrositäten bewegen sich zwar auch etwa im Umfang des Pessl-Romans, lesen sich aber ungleich leichter, schneller und wendiger. Bei Pessl gibt aber bereits das Inhaltsverzeichnis die Marschrichtung vor: sämtliche Kapitel heißen nach Romanen der Weltliteratur, "Othello", "Pygmalion", "Süßer Vogel Jugend", "Hundert Jahre Einsamkeit", "Metamorphosen", etc. pp. Hier wird nicht gekleckert, Ladies and Gentlemen, hier wird geklotzt. So finden sich dann auch auf jeder Seite drei bis fünf literarische Querverweise, Anspielungen, Referenzen, exakt versehen mit Quellenangaben, teils authentisch, teils von der Autorin erfunden. Die anfängliche Bewunderung für derartigen Einfallsreichtum schlägt allerdings nach etwa 50 Seiten in Überdruss und ein wenig Antipathie um. Ungefähr hier muss sich der Leser entscheiden, ob er geduldig das große Ganze der Kleinteiligkeit bereit ist zu erkennen, oder ob er das Buch mit seinem pointilistischen Rosenblüten-Cover kurzerhand in die Ecke pfeffert.
 
 
 
Ein wasserdichtes, virtuoses Verwirrspiel
  "Die alltägliche Physik des Unglücks" erzählt aus der Perspektive der 16jährigen Blue van Meer, die als Kindergartenkind ihre Mutter an einen Autounfall verlor und seitdem mit ihrem aparten Vater, einem Uniprofessor für Politikwissenschaften, rastlos durch amerikanische Provinzstädte und deren Universitäten reist. Drei Städte pro Jahr ist der Mittelwert, auf den sich die beiden geeinigt haben. Der unstete Professor ist demnach auch der einzige Mensch, zu dem die Tochter eine Verbindung aufbauen kann. Es ist eine exklusive Verbindung, die den Rest der Welt, abgesehen von wechselnden Mitschülern und Lehrern, ausschließt. Die soziale Lücke füllt der seltsame Dad mit enzyklopädischem Wissen. Vater und Tochter vertreiben sich die Zeit, indem sie sich gegenseitig mit Zitaten aus der Weltliteratur, aus Abhandlungen der linken Politprogrammatik, Filmographien und Naturwissenschaften zu übertrumpfen versuchen. Motto: "Lebe immer mit deiner Biographie im Sinn." So schwurbelt die Handlung seitenlang dahin, der Leser stets am Gängelband, mal Zuckerbrot, mal Peitsche.
 
 
 
"Wir brauchten keinen Dialog. Wir hatten Gesichter."
  Bis Hannah Schneider ins Spiel kommt, eine mysteriös schöne, alleinstehende Lehrerin mit der Grandezza eines unnahbaren Filmstars, deren Auftritte an die rätselhaften Hitchcock-Frauen erinnert. Hannah Schneider, die an jener Elite-High School einen Filmkurs unterhält, an der Blue das letzte Jahr vor ihrer Aufnahme an die Harvard Universität verbringen soll, schart eine fünfköpfige Gruppe von auserwählten, unfassbar coolen Schülern und Schülerinnen um sich, die "Bluebloods", wie sie ehrfürchtig genannt werden, und diese mysteriöse Hannah holt das Außenseitermädchen Blue aus ihrer Isolation heraus und integriert sie in die illustre Runde. Die Dinge, die nun über weitere hunderte von Seiten passieren, erinnern zunächst ans Schema "Uncoole Streberin trifft auf coole Clique" und muten wie ein etwas zu ausführlich geratener Coming-of-Age-Roman an. Als aber schließlich Hannah Schneider tot an einem Kabel im Wald baumelt (das darf man verraten, weil es bereits auf Seite 1 des Romans angekündigt wird), entblättert sich ein Kriminalfall, der in eine Schauergeschichte übergeht und schließlich in einer Verschwörung mit globalem Ausmaß gipfelt. Uff.
 
 
 
  Das Verwirrspiel ist virtuos, und es ist wasserdicht. Es ist dermaßen wasserdicht, dass das auch schon - abgesehen von der wirklich größenwahnsinnigen Länge des Romans - der einzige Kritikpunkt ist, ein sehr luxuriöser Kritikpunkt, zugegeben: So perfekt und talentiert die Autorin ist, so perfekt und sprachsicher und unangreifbar ist ihr Debüt, so als würde der Begriff des Scheiterns in ihrem pointensicheren, stilbewussten Wortschatz einfach nicht existieren. Das kann man mögen - oder aber auch ein wenig unsympathisch finden. Hätte sich Miss Pessl entschlossen, Juristin statt Schriftstellerin zu werden, Gnade den Gegnern! Sie wären chancenlos.

 Foto: Laura Rose
 
 
  "Die alltägliche Physik des Unglücks" ist im Verlag S. Fischer erschienen. Aus dem Amerikanischen von Adelheid Zöfel.
 
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