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Wien | 24.8.2007 | 16:17 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Being Thomas Glavinic
  "Thomas Glavinic ist ein 8-jähriger, und ich muss mit ihm leben." aus: Das bin doch ich von Thomas Glavinic
 
 
 
Nobody said it was easy.
  Er hat's nicht einfach, dieser Thomas Glavinic. Thomas Glavinic ist mit allen Ausprägungen geschlagen, die einen Hypochonder charakterisieren. Er kann nicht an schwere Krankheiten denken, geschweige denn davon hören. Besser sich einkrampfen und mit geschlossenen Augen duschen, als einen Blick auf den unbekleideten Hodensack zu erhaschen, der, wenn er ihn erhaschen sollte, garantiert geschwollen, und Hodenkrebs, und tot.
Thomas Glavinic hat sich zudem einer grenzenlosen Flugangst verschrieben, die gern - man darf das ruhig sagen - ein bisschen ins Hysterische driftet und in Schreiduellen mit Mitpassagieren in ÖBB Fernverkehrszügen endet. Denn ein Gegenüber, von Glavinic als katholische Fundamentalistin eingestuft, die mitgebrachtes Plastikgeschirr auspackt und gotteslästerlich stinkende Nudeln im Mund versenkt, also, da wird noch ein Unglück geschehen. "Ich bin ein friedfertiger Mensch", sagt Thomas Glavinic, "aber auch ein Knecht meiner Idiosynkrasien."

 
 
Das bin doch ich
  Weit weg von Easy-Land ist also Leben und Arbeit des in der Wienerstadt lebenden und in der steirischen Kernölpampa aufgewachsenen Thomas Glavinic, jenes Ich-Erzählers Thomas Glavinic, der sich im Roman Das bin doch ich, geschrieben vom Autor Thomas Glavinic, ausbreitet.
"In mir tobt ständig etwas", steht da unter anderem, "und ich frage mich, was mich eigentlich zusammenhält. Nein, ich frage mich das nicht, ich weiß es ja, es ist das Schreiben." Er kann also nicht anders.

 
 
Ich bin der letzte, der geht
  Es ist das Jahr 2005, der Ich-Erzähler hat soeben ein Buchmanuskript verfertigt. Es heißt Die Arbeit der Nacht, aber egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit der Autor seinen Posteingang durchforstet, wobei durchforstet vielleicht eine etwas übertriebene Jagdmetapher ist, denn wo kein Wald, da kein Forst, jedenfalls kein Verlag in Sicht. Wenigstens haben andere Autoren Erfolg, und die lesen dann in rammelvollen Theaterhäusern in Wien, wo auch Thomas Glavinic hingeht, weil er natürlich auch ein wenig masochistisch veranlagt ist in seiner Not. Und weil Glavinic die üblichen Verdächtigen kennt, die zum Teil hinter der Bühne, zum Teil auf der Bühne derartiger Veranstaltungen beschäftigt sind, ist der Weg zur Flasche Wein in geselliger Runde nicht weit. Der Kulturstadtrat, der Dramaturg, der Literaturredakteur, der weltweit bestbezahlte Autor unter Dreißig, der Kabarettist, alle sitzen sie und trinken und reden. "Da kann auch ich nicht weit sein?", sagt Thomas Glavinic, "denn ich bin immer der letzte, der geht."
Davon weiß die Ehefrau und Mutter des gemeinsamen zweijährigen Sohnes ein Lied zu singen.
 
 
 
Sprache finden
  Thomas Glavinic, der Autor und (nicht) der Ich-Erzähler, schreibt nie dasselbe Buch noch einmal. Im Gegenteil. Mit jedem seiner bislang erschienenen Romane (Carl Haffners Liebe zum Unentschieden, Herr Susi, Der Kameramörder, Wie man leben soll, Die Arbeit der Nacht) liest man einen anderen Glavinic. Er beherrscht den auktorialen Roman, der im 19. Jahrhundert spielt ebenso wie die existenzialistische Auslotung der Einsamkeit und des Glücks der urbanen Gegenwart. Er hüpft locker-flockig durch die Unzulänglichkeiten eines sympathischen Außenseiters, findet aber auch den Stil für einen wahnsinnigen Kindermörder und Soziopathen, der sich über die Sprache verrät.
Überhaupt: Sprache finden. Glavinic selbst spricht nicht von Stilwechsel, er besteht darauf - nona - einen eigenen Stil zu haben. Er wechsle den Duktus. "Die Geschichte sagt mir, auf welche Art sie erzählt werden will", sagt der Fleisch-und-Blut-Glavinic zu mir.

 Alle Fotos des Autors: Ingo Pertramer, 2007.
www.pertramer.at
 
 
Der wohlkalkulierte Blick durchs Schlüsselloch
  Die Art und Weise, wie er sein eben veröffentlichtes Selbstbespiegelungsspiel Das bin doch ich geschrieben hat, hat etwas von einem regulierten - oder auch: wohlkalkulierten - Blick durchs Schlüsselloch. Der Autor Glavinic gibt über den Ich-Erzähler geschickt vermeintlich private Dinge preis, die den Leser ködern und ab dem ersten Satz vereinnahmen. Die Falle schnappt zu. Prompt will man sich dann auch reinlegen in dieses Buch. Drin baden. Weil selten so gelacht.
 
 
 
Ping Pong
  Da legt ein Mittdreißiger seine Schwächen, seine Ungeschicktheit, seine Neurosen, seine alltäglichen, zutiefst menschlichen Mini-Dramen aufs Tablett, und das noch dazu hochkomisch, uneitel und selbstironisch - ja, mei, den muss man doch einfach mögen, diesen Glavinic-Loser, der mit sich selbst am gnadenlosesten umgeht in diesem Ping Pong der Kontraste und Identitäten. Unterschwellig zieht man diesen Faden heraus: Er will, dass die Menschen ihn nach Lektüre dieses Buches mehr mögen als vorher, keine Frage.
Die eiserne Regel der Literaturwissenschaft, den Ich-Erzähler niemals mit dem Autor zu verwechseln, die schießt Glavinic nicht nur auf den Mond, nein, er holt sie selbst wieder zurück. Indem er im Interview sagt: "Der Daniel Kehlmann in meinem Buch ist ja nicht der echte Daniel Kehlmann, das ist eine Romanfigur." Im selben Atemzug gibt er freimütig zu, dass die spezielle Komik von Das bin doch ich, nämlich dass die subjektive Wahrnehmung der Glavinic-Welt mit der Welt, wie sie die anderen sehen, ständig kollidiert, sehr realistisch ist. "Das kenne ich sehr gut aus meinem Leben."
 
 
 
Sittenbild
  Hätte man den Roman also auch Thomas Glavinic betiteln können? Er lacht und meint, dass diese Idee tatsächlich kurzfristig angedacht war, nur dass "das eine maßlos eitle Idee gewesen wäre und zweitens einfach unstimmig." Nachsatz: "Weil das nicht ich bin."

Dennoch dürfen einige viele Protagonisten der Wiener Kulturbetriebsszene bei der Lektüre ausrufen "Das sind doch wir", tragen doch unverschlüsselt und camouflagefrei der Kabarettist Thomas Maurer, der Literaturkritiker Klaus Nüchtern, der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, die Journalistin Clarissa Stadler oder der beste Freund und Bestsellerautor Daniel Kehlmann punktuell zur Komik in dieser Verdoppelung der Wirklichkeit bei. Rasend übertrieben ist da nur wenig, und herrlich (oder auch wiederum: wohlkalkuliert), wie Daniela Strigl in der Rezension im Standard naiv die Hände überm Kopf zusammenschlägt: "Ein erschreckenderes Sittenbild der Wiener Kulturszene ist kaum vorstellbar."
 
 
 
  Vorstellbar ist alles, ob erschreckend oder nicht, da darf sich jeder selber seinen Reim drauf machen. Die Pointe zum Schluss, und die ist fast so gut, dass sie von Glavinic selbst sein könnte: Das, was sich der Ich-Erzähler am meisten wünscht, nämlich Anerkennung, die hat er bekommen, außerhalb seines Werkes, also gewissermaßen als Hors d'oeuvre: Das bin doch ich ist zusammen mit 19 anderen Romanen nominiert für den Deutschen Buchpreis, der am 8. Oktober im Rahmen der Frankfurter Buchmesse vergeben wird. Hat sich also die Koketterie mit den Mechanismen des Literaturbetriebs ausgezahlt, n'est-ce pas?
 
 
 
Programmhinweis
  Thomas Glavinic ist am 25.08. zu Gast in der FM4 Sendung Pool.
 
 
 
Veranstaltungshinweis
  Wer Thomas Glavinic und seine Romanfiguren live erleben will: Die Buchpräsentation findet am 19. September im Rabenhof Theater in 1030 Wien statt. Beginn 20 Uhr.

 
 
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