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Wien | 2.1.2008 | 10:38 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
Les Disparus
  Prächtiges Durchsetzungsvermögen, denk ich mir, als gestern, also am 1. Jänner, nachmittags in einem Wiener Kaffeehaus ein präpubertäres Mädchen mit seinen Eltern im Schlepptau anmarschiert und eine Riesentüte Gefrorenes (Vanille-Himbeer) schleckt. Ein Gelati im angeschneiten Wintermantel, das ist wie eine stählerne Falltür im Dschungelboden einer südpazifischen Insel, sowas macht staunen, weil damit rechnet man nun wirklich nicht. Womit man hingegen schon rechnet, wenn man ehrlich ist, dann damit, dass ein Silvesterabend, um dessen Gestaltung man sich wie jedes Jahr exakt gar nicht kümmert, ein exklusiver Abend der Weltklasseunterhaltung wird. 25 mal etwa 42 Minuten, mehr oder weniger am Stück, ein herzhaftes Juche auf die Erfindung der DVD-Boxen, ein Hoch auf die Feiertage, ein Prosit der Gemütlichkeit und ein Dank an die Einkaufschefs der österreichischen Supermarktketten, dass es endlich Salt&Vinegar-Chips legal im Inland zu erwerben gibt.
 
 
 
  Wer stundenlang Gestrandeten auf die Finger schaut, fühlt sich inspiriert, das Basislager nach entbehrlichem Hab und Gut zu durchforsten. Mein Gott, muss ich wirklich noch ein Jahr einem noch nie verwendetem Cocktailshaker samt an Sexspielzeug erinnernden Beiwerk Unterschlupf gewähren? In den wenigen Insel-freien Minuten der letzten zwei Tage wurde also kräftig ausgemistet im Camp. Es mussten neben in geistiger Umnachtung erworbenen Küchenutensilien und sinnfreien Wohnungsaccessoires auch kulturelle Errungenschaften zur Disposition gestellt werden.

 
 
  Die Bücherwand ist so eine. Nun stelle ich um Himmels Willen nicht die Sexiness einer gut gefüllten Bibliothek in Frage. Ganz im Gegenteil: Es existiert schlichtweg nix Erotischeres in einer Behausung. Stundenlang starre ich in Fremdwohnungen verzückt auf Buchrücken, zupfe mal hier, mal dort eins raus, ja, hab ich auch, großartiges Buch, ach, wollt ich immer schon mal lesen, echt, das hast du tatsächlich geschafft, von vorn bis hinten durch, unglaublich usw.
Freund Holger, ein Mann mit einer beeindruckenden Sammlung, klagte mir unlängst seine Leiden als Jungmann, weil mitgebrachte Frauen zwar fasziniert auf der Bettstatt lagen, aber ihre Aufmerksamkeit finalmente seinen literarischen MitbewohnerInnen vis-a-vis schenkten und nicht ihm. Wir überlegten dann noch, ob das für die Frauen oder gegen ihn spricht, kamen aber zu keinem Ergebnis, weil wir beide auf Buchrücken zu starren begonnen hatten. Merke: Bücherwände, the Sexiness of, nicht kompatibel mit amourösem Ansinnen. Also verbannen aus dem Schlafbereich. Oder strikte Gütertrennung: nur Wörterbücher, Atlanten, minder interessante Sachbücher, Straßenkarten, Reiseführer und Filmfestivalkataloge. Ein System, das empirisch bewiesen funktioniert.
 
 
 
  Apropos System: Die Bücherwand ist ja in den allermeisten Fällen von organischer Natur. Sie wächst kontinuierlich. Was den Erhalt eines Ordnungssystems - hier: alphabetisch - nicht maßgeblich erleichtert. So quellen die Abschnitte mit den B, E, H, M, N und S-Autoren über, während V, W und Z randexistieren. A, G und I freuen sich über eine ausreichende Kubikzentimeterzahl, während K und L bereits um Asyl bei O ansuchen mussten. Und dann gibt es noch die Fächer in Bodennähe, in die wahllos hineingestopft wird, Bücher, die die Welt nicht braucht, aber bevorzugt in griechischen Strandgutläden aufliegen und nur deswegen gekauft werden, weil die mitgebrachte Lektüre nach zweieinhalb Tagen Urlaub weggelesen ist. Oder Machwerke, die man sich kauft, weil a-l-l-e im Umfeld davon schwärmen, can't-live-without-mäßig, meistens schwerer Fehler, dem nachzugeben. Oder Bücher, die Verlage an uns Journalisten unaufgefordert senden, was in 99% der Fälle kein Zeichen für Qualität, sondern ein marketingtechnischer Verzweiflungsakt ist.
 
 
 
  Ausmisten also. Aber hallo. Aber wohin damit? In den durch Pizzakartons und Massenwurfsendungen entehrten Altpapiercontainer? Nö, das bricht einem das Herz. Versteigern auf ebay? Viel zu anstrengend. Antiquariat? Zu wenig antik, das Zeug. Die Lösung schließlich gefunden: anonymen Büchertisch im Eingangsbereich des Wohnhauses drapieren. Ich also Schild gemalt "Zur freien Entnahme!" und ab ins Erdgeschoss. Hat schon mal funktioniert. Mit CDs. Keine 12 Stunden später: alles weg. Sogar der selbst gemalte Zettel. Solche Nachbarn hat man gern.
 
 
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