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Wien | 12.4.2008 | 15:51 
Cinema paradiso: Mein Leben in der Großstadt zwischen bewegten Bildern, sprechendem Papier, lauten Menschen, virtuellem Dorf und Cocktailstunde.

Sonja, Fuchs

 
 
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wenn du vor der Tür stehst.
  Es starren also drei Augenpaare aus dem Fenster. Es ist ein Fenster, das sehr nahe an Carla Bruni-Sarkozys Salon liegt, aber die drei Augenpaare starren unglücklicherweise nicht auf Carlas mittlerweile zum No-Go-Accessoire degradierten High Heels-Sammlung, sondern relativ ungebremst in das eh schnieke, aber fadgasalarmige Pariser Büro jener Designerin, der man die Erfindung des schmeichelhaften Wickelkleides zuschreibt. Die Cousine, der französische Ehemann und ich lästern über Carla - tout Paris lästert über Carla und ihre plastischen Adjustierungen -, ich zitiere aus Justine Lévys Schlüsselroman über die Welt der Pariser Intellektuellen, unter anderem eine Abrechnung mit Madame la Présidente, als sie ihre Verwirrmethode noch bei Testosteron-Kalibern wie Mick Jagger und Donald Trump anwendete und wir kommen zum Schluss, dass über Männer derart infam nicht geätzt werden würde. Schande über uns. Alors, Carla ist zumindest an diesem Roundtable wieder rehabilitiert und wir widmen uns Wichtigerem, als da wäre Baguette zupfen, Weinvorrat minimieren und ein bisschen US-amerikanische Serien schauen.
 
 
 
  Und als wir bereits semi-sediert sind und satt und kudernd serielle Dramaturgien zerpflücken, kommt sie, die Szene, die immer kommt, die Szene, ohne die kein Film, keine Serie auskommt: Es klopft jemand an die Wohnungstür. Ohne Voranmeldung. Überraschungsbesuch! Und alle freuen sich, oder auch nicht, je nachdem, mit welchen Emotionen die Handlung gerade vorangebracht werden muss. Es folgen Schreiduelle, Geständnisse aller Art, Heiratsanträge, Seufzer, Schüsse, überwältigende Leidenschaft, Standpauken, Bergpredigten, Verhaftungen, Familienzusammenführungen, und ich schreie: "Bei mir hat noch nie jemand einfach so vorbei geschaut, auf gut Glück! Das macht doch niemand im echten Leben!" Zustimmendes Kopfnicken auch in der Pariser Neighborhood.

 
 
  Geschätzte acht bis zehn Freunde, Freundinnen und Verwandte leben in unmittelbarer Nähe zu meiner Wohnung, und unmittelbar heißt in Großstadtparametern "weniger als 750 Meter", und nie, nie und niemals schneien wir unangekündigt auf nen Sprung vorbei. Man verabredet sich. Grundsätzlich. Per Telefon, per Email, per SMS, im Büro. Mit präziser Zeitangabe. Und mit Angabe aller Beteiligten. Und mit einem christlichen Vorlauf, der es erlaubt, sich aus der stinkenden, angeschwitzten comfy wear zu schälen und halbwegs gesellschaftsfähige Kleidung anzulegen.
 
 
 
  Durch unsere Höflichkeit und unseren Respekt gegenüber der Privatsphäre der anderen verschmähen wir also das Dramapotential, das etwa ein aus spontaner Sehnsucht geborenes Schäferstündchen an die Türschwelle bringen könnte, wir lassen verloren geglaubte Schulkollegen im Regen stehen, Freundinnen werden weiterhin zunächst via Mobiltelefon ihren amourösen Status Quo bekanntgeben, bevor wir von Angesicht zu Angesicht beschließen, dass es eine Unart wäre, sich am Vorabend des einsetzenden Frühlings selber vom Markt zu nehmen und Mutter wird nie erfahren, dass Tochter das Bett zerwühlt von den Freuden der Nacht in exakt diesem ungemachten Zustand belässt. Es sei denn, Besuch kündigt sich an.
 
 
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